Sylvia Engelhardt ist eine der Barber Angels, die einmal im Monat ihre Zeit und ihr Können kostenlos zur Verfügung stellen.

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Barber Angels: Ein kostenloser Haarschnitt für Bedürftige

Barber Angels: Ein kostenloser Haarschnitt für Bedürftige

Einmal im Monat zieht Sylvia Engelhardt ihre schwarze Lederkutte an. Dann, wenn sie als Engel im Einsatz ist – als Engel in besonderer Mission. Zusammen mit anderen Barber Angels hat sie einen Auftrag: Haare schneiden. Und zwar kostenlos.

Sylvia Engelhardt ist eine der Barber Angels. Ihr heutiger Einsatzort ist der Garten des "Leb-mit-Ladens" in Neumarkt in der Oberpfalz. Er wurde in einen Freiluft-Friseursalon umgestaltet. 1.000 potenzielle Gäste aus der Stadt haben einen Gutschein bekommen. Wie viele kommen, weiß vor dem Einsatz niemand.

Gutschein für einen Haarschnitt

Die ersten Kunden lassen nicht lange auf sich warten, wie eine junge Frau, die sich sehr über das Angebot freut: "Ich wohne im betreuten Wohnen und die haben mir den Gutschein gegeben. Ein Friseurbesuch kostet viel Geld. 30 oder 40 Euro werde ich mir schon sparen. "Wie ihr geht es wohl den meisten, die zu den Barber Angels kommen. Für manche ist es eine unüberwindbare Hürde, einen Friseursalon zu besuchen, aus Geldmangel, aber oft auch aus Scham. Deshalb reisen die Barber Angels dorthin, wo ihre Kunden sind: zu karitativen Vereinen, Suppenküchen, Bahnhofsmissionen oder wie an diesem Tag zum Diakonischen Werk und der Tafel in Neumarkt.

Schere, Kamm, ein offenes Ohr

Die Angels verschenken ihre Zeit, ihre Handwerkskunst und ein offenes Ohr. Dabei werden ihnen immer wieder Lebensgeschichten erzählt, die zu Herzen gehen.

"In Altötting hatte ich einen Gast, die war so Ende fünfzig und hat alle unterhalten und einen unwahrscheinlichen Humor gehabt und dann dreht sie sich im Stuhl rum und sagt zu mir: 'Weißt, Madl. Ich bin austherapiert mit Brustkrebs. Wie lange ich noch habe, weiß ich nicht. Und mein Sohn, der sitzt in Regensburg mit MS im Rollstuhl.' Und das ist mir wie ein Messer reingegangen, dass man so viel Lebensfreude haben kann, wenn man nicht weiß, wie lange man lebt, und das Geld ausgibt, damit man den Sohn so oft wie möglich in Regensburg besucht und sich deshalb keinen Haarschnitt leisten kann mit einer kleinen Rente." Sylvia Engelhardt, Mitglied der Barber Angels

Auch am heutigen Tag muss Sonja Fischer, eine der Friseurinnen, eine kurze Pause machen. Zu nah geht ihr die Erzählung einer Frau. "Gleich bei der ersten war es so, dass sie mir erzählt hat, dass ihr Sohn gestorben ist – im See ertrunken, und dass ihr halbes Leben damit kaputt gegangen ist."

Neben dem richtigen Haarschnitt braucht es gerade hier oft ein passendes Wort und Einfühlungsvermögen. Das merkt auch Ruth aus Nesselwang. Sie ist zum ersten Mal als "Gast-Engel" dabei: "Vielleicht werde ich ein bisschen Witze machen, ein bisschen locker den Leuten begegnen, dass es einfach eine schöne Zeit wird und sie ihre Sorgen ein bisschen vergessen können."

Lederkluft statt Schickimicki

2016 wurde der Verein "Barber Angels Brotherhood" von dem Friseurmeister Claus Niedermaier aus dem oberschwäbischen Biberach gegründet. Das Erkennungsmerkmal aller Engel: Die schwarze Lederkutte. Das hat einen einfachen Grund, erzählt Sylvia Engelhardt: "Wir Friseure sind ja oft so schickimicki-mäßig unterwegs und unsere Gäste sollen merken, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Das nimmt einfach die Hemmungen. Auf einen Kuttenträger geht man einfacher zu. Das sind so Menschen wie du und ich."

Sylvia Engelhardt ist hauptberufliche Friseurin, ebenso wie all die anderen Barber Angels – von denen es mittlerweile mehr als 400 in Europa gibt: Neben Deutschland auch in Österreich, der Schweiz, Norwegen, in Spanien und den Niederlanden.

Der magische Moment

Erst am Ende dürfen die Gäste in einen Spiegel schauen und die Verwandlung sehen – ein ganz besonderer Moment. Das merkt auch Gast-Engel Ruth bereits bei ihrem ersten Einsatz: "Das bekommt man im Alltag nicht so mit, dass die Leute so dankbar sind. Aber bei Leuten, die es im Leben schwerer haben, die mit einem Haarschnitt glücklich zu machen, das ist einfach toll."

Auch in Zukunft ist Ruth Mösle bei den Einsätzen dabei. Sie will ab jetzt ein Teil der "Hair-Schar" sein.

Mehr zum Thema in STATIONEN, am Mittwoch, 01.06.2022 um 19 Uhr im BR-Fernsehen und in der BR-Mediathek.

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