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Warum Barbara Yelin nach Bildern zum Thema Aufruhr sucht | BR24

© Audio: Bayern 2; Bild: Barbara Yelin / Monacensia

Im Rahmen eines Workshops im Münchner Literaturhaus sucht die Zeichnerin Barbara Yelin nach Bildern für den Aufruhr.

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Warum Barbara Yelin nach Bildern zum Thema Aufruhr sucht

Für die Comic-Künstlerin ist "Aufruhr" ein Schlüsselwort unserer Zeit. In einem Workshop am Münchner Literaturhaus sucht Barbara Yelin nach Bildern, die genau das zeigen. Yelins Werk verbindet die Gegenwart mit ihrem Blick auf andere Umbruchszeiten.

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Für Aufruhr gibt es viele Bilder. Das wird einmal mehr deutlich in diesen Wochen: Hier die Demonstrationen gegen Rassismus und Gewalt, dort etwa die Proteste gegen die Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie, die auch zum Forum geworden sind für krude Verschwörungstheoretiker und Antisemiten. Für Barbara Yelin gehört der Begriff Aufruhr – gerade in seiner Ambivalenz – zu den Schlüsselwörtern unserer Zeit. Daher hat sie das Thema für den Comic-Workshop im Literaturhaus München vorgeschlagen.

Ein Blindporträt als Lieblingsübung

"Eigentlich brauche ich etwas, was uns gerade jetzt angreift", sagt die Comiczeichnerin im Gespräch. "Und da kam mir dieses Wort 'Aufruhr' einfach in den Kopf. Klar, angesichts dessen, was auf der Welt passiert, angesichts dessen aber auch, wie viele sich fühlen. Es gibt ja einen äußeren und einen inneren Aufruhr. In-Aufruhr-Sein auch im Sinne von Sorge sein über den Fortgang der Welt oder auch von Sorge um seine eigene momentane Situation. Da gibt es viel Äußeres und Inneres, was sich verflicht."

Das Zeichnen kann Perspektiven eröffnen, Klarheit bringen. Auch hier, beim Nachdenken über Aufruhr, stehen am Anfang Bilder, erzählt Barbara Yelin dieser Tage in ihrem Münchner Atelier. Der Literaturhaus-Workshop, den sie leitet, findet im Netz statt, in digitalen Konferenzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen einen kleinen, mehrseitigen Comic entwickeln und zeichnen, eigenen Ideen zum Thema folgend, persönlich, dokumentarisch oder auch fiktiv.

"Alle zeichnen eine Geschichte", so Barbara Yelin. Und erst einmal gehe es darum, "sich locker zu zeichnen". Es gebe diese Barriere, die alle haben – "Oh, kann ich gut genug zeichnen und wie soll das gehen?" – das kenne sie auch von sich selber: "Ich muss das Tag für Tag überwinden. Das ist ganz gut, erst mal so ein paar intuitive Übungen zu machen. Meine Lieblingsübung ist die: Das Blindporträt mit geschlossenen Augen. Ein Selbstporträt zeichnen in anderthalb Minuten."

© picture alliance

Die Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin im Gespräch.

Das Knäuel im Kopf

Die große Herausforderung ist vermutlich eine andere: Wie lässt sich ein Begriff wie Aufruhr in Bilder und auch in eine kleine Geschichte übertragen? Anders gefragt: Gibt es Bilder für Aufruhr? Barbara Yelin, die mit ihren Bildern selbst immer wieder forscht und sucht, möchte denen, die unter ihrer Anleitung eine gezeichnete Geschichte erzählen wollen, nichts vorgeben. Sie verweist auf einen Comic-Strip ihres israelischen Kollegen Asaf Hanuka. Er erschien in der Serie "The Realist", auf Deutsch: der Realist.

"Ein Mensch, der zeichnet", beschreibt Barbara Yelin die Szene. Und anstelle seines Kopfes sehe man nur ein riesiges Knäuel aus Linien, ein Gewirr. Für Yelin ein perfektes Bild für Aufruhr, "In-Aufruhr-Sein", des persönlichen inneren Aufruhrs: "Die Geschichte ist klasse, weil sie auch das Zeichnen beschreibt, weil man sieht, wie er diesen Knäuel, diesen Wirrwarr zeichnet auf sein Blatt. Dann sieht das sein Sohn. Dann sieht man, dass sein Sohn selbst diesen Knäuel als Kopf hat. Das Bild setzt sich fort." Und damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Comics über Zeiten des Aufruhrs

In ihrem eigenen Werk hat sich die Münchner Comic-Zeichnerin immer wieder auch mit Szenen des Aufruhrs beschäftigt. Für das Literaturarchiv Monacensia etwa hat Yelin einzelne Szenen der Münchner Räterevolution gezeichnet: Die illustrierte Chronik – gezeichnet wie immer mit Bleistift und Aquarell – zeigt Demonstranten auf der Theresienwiese, ebenso Zenzl Mühsam, die Frau von Erich Mühsam, mit roter Fahne auf einem Lastwagen stehend, umgeben von feiernden Soldaten. Zudem gibt es eine Comic-Biografie der israelischen Schauspielerin Channa Maron, die bei einem palästinensischen Terrorangriff 1970 in München schwer verwundet wurde und die dennoch später zu einer zentralen Stimme der Friedensbewegung in ihrem Land wurde. Auch das eine Geschichte eines mutigen Aufruhrs.

Über das Zeichnen sagt Barbara Yelin: "Das kann an sich immer ein Weg sein, etwas herauszufinden, sich die richtigen Fragen zu stellen, überhaupt Fragen zu finden, derer man sich noch gar nicht bewusst war vorher. Und ich glaube tatsächlich, dass das Zeichnen auch ein Mittel ist, für sich eine Ruhe zu finden." Nicht nur, aber eben auch dann, wenn es um ein so großes Thema wie Aufruhr geht. Die Geschichten wachsen nun von Woche zu Woche, mit jedem digitalen Treffen: Bild um Bild, Szene um Szene. Ende Juli sollen die Comics fertig sein.

© Barbara Yelin

Zeichnen ist suchen, forschen, fragen - und so viel mehr. Auszug aus einem Comic-Strip von Barbara Yelin.

Die Graphic Novels von Barbara Yelin erscheinen im Reprodukt-Verlag. Den großen Comic "Irmina" – die Geschichte einer Frau, die im "Dritten Reich" zu einer Mitläuferin wurde – gibt es jetzt als Taschenbuch-Neuausgabe.

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