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© Geoffrey Swaine/Picture Alliance
Bildrechte: Geoffrey Swaine/Picture Alliance

Mann auf der Flucht: Banksy-Wandbild

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    Banksy bemalt Zuchthaus Reading mit Oscar-Wilde-Wandbild

    Das historische Gefängnis bröckelt vor sich hin und soll als Immobilie verkauft werden, doch jetzt lenkte Superstar Banksy die Aufmerksamkeit auf den Ort, an dem der Dichter Oscar Wilde inhaftiert war und seine erschütternde "Ballade" verfasste.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Womöglich wollte der Streetart-Künstler Banksy in diesem Fall nicht nur den berühmtesten Dandy aller Zeiten und das Justizopfer Oscar Wilde ehren, sondern sich auch in eine kommunalpolitische Debatte einmischen. Dort, wo der homosexuelle Wilde von November 1895 bis Mai 1897 wegen "Unzucht" einsaß und gebrochen wurde, dort, wo er seine aufwühlende "Ballade vom Zuchthaus Reading" und einen Brief an seinen Ex-Geliebten Lord Alfred Douglas zu Papier brachte, will der Stadtrat von Reading möglichst ein Gelände für Künstler einrichten. Seit 2013 steht das frühere Gefängnis leer, seit zwei Jahren will es die Regierung als Immobilie vermarkten.

    Bettlaken und Schreibmaschine

    Am 1. März wurde an einer Außenwand des Gebäudes ein Bild entdeckt, worauf sich ein Häftling an einem Bettlaken abseilt. Zwar trägt er nicht die Gesichtszüge von Oscar Wilde, das Leinentuch, an dem er hängt, geht jedoch in eine Papierbahn über, die in einer altmodischen Schreibmaschine verschwindet. Das wird allgemein als Verweis auf Oscar Wilde gewertet, dessen unfreiwilliger Aufenthalt diesen Ort so geschichtsträchtig machte. Inzwischen hat Banksy mit einem "Bekenner-Video" unter dem Titel "Great Escape" bestätigt, der Urheber des Wandbildes zu sein. In dem Clip ist zu sehen, wie der bis heute anonyme Künstler im Schutz der Dunkelheit das Bild malt. Übrigens würdigt Banksy darin den Fernsehmaler Bob Ross, der auch 25 Jahre nach seinem Tod von seinen Fans noch inbrünstig verehrt wird und dessen markante, baritonale Stimme aus dem Off zu hören ist. Was für eine herrliche Satire: Die Bilder suggerieren eine Nacht-und-Nebel-Aktion, der Ton kommt denkbar bieder und betulich rüber, als ob sich ein Einbrecher mit ZEN-Aufnahmen beruhigt.

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    Passanten bewundern Banksy-Bild

    Der Banksy-Fachmann und Vizepräsident der Kunsthochschule von Bournemouth, Paul Gough, sagte in der BBC, die Aktion sei womöglich eine Aufforderung, das frühere Zuchthaus als Kunsthaus zu nutzen. Ebenso gut könne Banksy mit seinem Bild auch die Neuen Medien wie Facebook zum Thema gemacht haben, schließlich zeige er eine sehr überholte Form von Textherstellung: "Ich halte es für ein bemerkenswertes Stück Kunst, für einen öffentlichen Diskurs, der die Aufmerksamkeit auf eine Ziegelwand lenkt, eine nette Ziegelwand, an der die Leute normalerweise einfach vorbeigehen würden, Sie sehen den öffentlichen Raum also auf neue Weise."

    Stadtrat ist über Unterstützung begeistert

    Der Parlamentsabgeordnete von Reading, Matt Rodda, dankte jedenfalls Banksy "oder wer auch immer das Werk geschaffen hat" für die Unterstützung im Kampf um den Erhalt der Bauruine: "Dieses historische Gebäude sollte für zukünftige Generationen erhalten werden." Der Stadtrat von Reading schrieb nach Angaben der BBC an das Justizministerium, dem das Gelände gehört: "Wir sind begeistert, dass Banksy unser Anliegen zu unterstützen scheint, das leerstehende Zuchthaus in eine Heimstatt für Kunst, Geschichte und Kultur umzuwandeln." Dem Justizministerium wurde nahegelegt, Vorkehrungen zu treffen, das Bild zu erhalten. Die Behörde teilte nur mit, sie sei informiert worden, dass Banksy "die Verantwortung für das Kunstwerk übernommen habe".

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    Mann mit Schreibmaschine

    Oscar Wilde hatte über seine Zeit in Reading geschrieben: "Leiden ist ein sehr langer Augenblick. Es lässt sich nicht nach Jahreszeiten abteilen. Wir können nur seine Stimmungen aufzeichnen und ihre Wiederkehr buchen." Drei Monate, nachdem er in das Zuchthaus überstellt worden war, starb seine Mutter, was ihn am Boden zerstörte. Wilde beklagte das "graue und karge Licht", das ihn durch die Milchglasscheiben erreichte und verlor jedes Gefühl für Zeit: "Der tägliche Ausweis über meine Führung und Arbeit, der draußen an der Tür meiner Zelle hängt, sagt mir, es ist Mai."

    "Alle reagieren sehr berührt"

    Zu den Hollywood-Stars, die das Andenken an Wilde unterstützen und verhindern wollen, dass Readings Ex-Gefängnis für sozialen Wohnungsbau genutzt wird, gehören Kenneth Branagh, Natalie Dormer und Judi Dench. Der örtliche Theatermacher Toby Davies hielt Banksys Aktion für "phänomenal", zumal sich der Streetart-Künstler in der Pandemie besonderen Gefahren ausgesetzt habe: "Alle, die ich spreche, reagieren sehr berührt."

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