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Warum Bambi viel mehr ist als eine Coming-of-Age-Geschichte | BR24

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Tränen fließen, wenn Bambi im Disney-Klassiker seine Mutter verliert. Erfunden hat die Geschichte vom Loslassen und Erwachsen Werden der Autor Felix Salten, der jetzt seinen 150. Geburtstag feiert. Aber worum geht es in Bambi wirklich?

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Warum Bambi viel mehr ist als eine Coming-of-Age-Geschichte

Tränen fließen, wenn Bambi im Disney-Klassiker seine Mutter verliert. Erfunden hat die Geschichte vom Loslassen und Erwachsen Werden der Autor Felix Salten, der jetzt seinen 150. Geburtstag feiert. Aber worum geht es in Bambi wirklich?

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Das Time-Magazin zählt den Disney-Klassiker "Bambi" zu den 25 schlimmsten Horrorfilmen der Kinogeschichte. Vor allem wegen der Szene, in der der kleine Bambi durch den Wald läuft und verzweifelt seine Mutter sucht, die von Jägern erschossen wurde. Ursprünglich stammt die Erzählung „Bambi – eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ vom österreichisch-ungarischen Autor Felix Salten, der in diesen Tagen seinen 150. Geburtstag feiern würde. Worum es in "Bambi" geht und warum die Erzählung das vielfältige Leben und Werk Saltens bis heute in den Schatten stellt, darüber hat Joana Ortmann mit der Germanistin Susanne Blumesberger aus Wien gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Blumesberger, was sagen Sie, als Vorsitzende der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur-Forschung: Ist Bambi aus heutiger Sicht eher eine Kinder- oder eine Horrorgeschichte?

Susanne Blumesberger: Als Horrorgeschichte würde ich Bambi nicht unbedingt bezeichnen. Die Erzählung ist ja zunächst in der Neuen Freien Presse erschienen, bevor 1923 das Buch herauskam. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Felix Salten damit etwas Anderes wollte, als den Bambi zu erschaffen, den wir heute aus der Filmversion kennen. Es ist eine Titelgeschichte, allerdings nicht so kitschig wie im Kino, beschrieben aus der Perspektive eines Jägers, der er auch selber war. Aber ich finde, es steckt noch viel mehr dahinter.

Bambi ist vor knapp 100 Jahren erschienen. Wie kann man das Buch von heute aus betrachtet neu lesen?

Man kann vor allem gut erkennen, dass Felix Salten schon einiges an Entwicklung vorweggenommen hat. Zum Beispiel hat er die Themen Vertreibung und Einsamkeit im Exil aufgegriffen. Er war ja Jude und hat selbst Antisemitismus erlebt. 100 Jahre danach ist das natürlich sehr interessant, weil wir viel mehr wissen als die Leser damals. Und Salten hat offenbar vieles von dem, was dann passierte, schon gespürt und seinen Tiergestalten auch einiges davon mitgegeben: die Angst, die Feindschaft, den Krieg zwischen Tieren und Menschen.

Sie haben sich intensiv mit der Biografie von Felix Salten befasst. Was war er für ein Typ?

Er war unglaublich vielseitig, hat für mehr als 50 Zeitungen geschrieben, außerdem Theaterstücke und Sachbücher. Er war sicher ein sehr neugieriger Mensch, der auch künstlerisch viel bewirkt hat. Zum Beispiel hat er Gustav Klimt unterstützt und ein Buch über ihn herausgegeben. Er war Teil eines großen Netzwerks, aber im Nachhinein betrachtet glaube ich, wirklich gelebt hat er für den Journalismus. Mehr als für die Bücher, die er später im Exil machen musste, weil er in der Schweiz nicht mehr publizieren durfte.

© picture-alliance / IMAGNO Photoarchiv

Oft reduziert auf Bambi und Mutzenbacher: Das vielfältige Werk des österreichischen Autors Felix Salten, der dieser Tage 150 geworden wäre.

Ein weiteres Buch – neben Bambi – , das sein sonstiges Werk überschattet, ist der skandalumwitterte Roman „Josefine Mutzenbacher“ über eine Wiener Prostituierte. Seit Jahren gibt es Streit, ob Felix Salten überhaupt der Autor ist. Wie ist der aktuelle Stand?

Dieses – man muss fast sagen – kinderpornografische Werk war wirklich Gegenstand langer Streitigkeiten. Zuerst wollte die Familie von Salten beweisen, dass er nicht der Autor ist, damit man ihn nicht irgendwie mit Pornografie in Verbindung bringen kann. Später hat sich das gewendet, vor allem eine Enkelin hat versucht, das Gegenteil zu beweisen – also, dass er eben doch der Autor ist. Aber nach dem jüngsten Stand der Forschung und einer ersten Sichtung des Nachlasses ist er es nicht.

Das heißt, man könnte sich in Zukunft wieder mehr auf die Person Felix Salten und seine anderen Texte konzentrieren?

Eigentlich schon, aber leider zieht die Mutzenbacher, wie man so schön sagt, mehr Leute an. Dadurch ist sie immer präsent, wenn es um Salten geht.

Auch die Bambi-Geschichte haftete bis zum Schluss auf tragische Weise an ihm, weil er Walt Disney die Filmrechte für damals läppische 1000 Dollar verkauft hatte. Inwiefern spielt das noch in die Gegenwart rein?

Insofern als Bambi eine Figur ist, die fast jedes Kind und jeder Erwachsene kennt. Aber wie sie entstanden ist und dass dieses Buch dahintersteht, das mit der Bambi-Figur von heute kaum etwas zu tun hat, das ist nicht wirklich sehr präsent.

Dabei wäre ja Bambi in der Fassung von Felix Salten heute wieder sehr aktuell?

Absolut. Ich empfehle jedem, die Originalversion zu lesen und zu schauen, was man darin alles erkennen kann. Salten hat einiges vorausgesehen und vorweggenommen, insbesondere mit dem vieldeutigen Bild des Menschen als einem Feind der Tiere. Er hatte offenbar ein sehr gutes Gespür für gewisse Strömungen und Denkweisen.

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