BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Warum baltische Filmemacher*innen so viel zu erzählen haben | BR24

© Kick Film GmbH

Filmplakat zu "Die Tochter des Spions" von Regisseur Jaak Kilmi und Gints Grube

Per Mail sharen

    Warum baltische Filmemacher*innen so viel zu erzählen haben

    Fast 50 Jahre lang waren die baltischen Staaten durch den Eisernen Vorhang abgeschottet. Aktuelle Filmemacher aus Lettland, Estland und Litauen zeigen, dass im Baltikum ein unverzichtbarer Teil europäischer Geschichte und Kultur schlummert.

    Per Mail sharen

    Es ist ein Dokumentarfilm, der nie auf einer Kinoleinwand in Russland zu sehen sein wird – zumindest nicht offiziell. "Die Tochter des Spions" ist die reale Geschichte der Tochter eines bekannten, lettischen Doppelagenten, der Mitte der Siebziger zu den Amerikanern überlief. Darin erzählt Ieva Lešinska, die heute als Journalistin und Übersetzerin arbeitet, von ihrem persönlichen Schicksal. Wie sie als junge Frau in Lettland von ihrem Vater vor die Wahl gestellt wird, ihm in die USA zu folgen oder in der Sowjetunion zu bleiben und ihn als Verräter anzuzeigen. Es ist eine Zeit, in der die Politik in die familiären Beziehungen eindringt und sie zerstört. Sie entscheidet sich für die Flucht nach Amerika und muss dort mit einer neuen Identität leben. Die junge Frau verliert nicht nur ihre eigene Biografie, sondern später auch ihren Vater, dessen Tod bis heute nicht aufgeklärt ist.

    Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Jaak Kilmi selbst kommt aus Estland. Er erzählt: "Meine Persönlichkeit und meine Identität sind stark mit meiner Vergangenheit verknüpft und ich war wirklich ein Kind des Kalten Krieges. Das hat mich geprägt. Alles, was mit der Geschichte des Kalten Kriegs verbunden ist, ist auch immer auch meine eigene Geschichte."

    Diese estnisch-lettische Produktion eröffnet am Donnerstag Abend die Baltischen Filmtage im Münchner Gasteig. Die Akten zum Fall Imants Lešinskis, die sowohl den russischen KGB als auch den amerikanischen Geheimdienst beschäftigt haben dürften, sind bis heute nicht zugänglich. Deshalb beruht die Doku vor allem auf den persönlichen Erinnerungen der Tochter. Kilmi ist überzeugt, dass die Geschichte über die Sowjet-Herrschaft aktueller ist denn je. "Wenn man den – sagen wir: 'modernen Propaganda-Krieg' verfolgt, all die Fake News, die von Russland verbreitet werden – ist das ein Kalter Krieg mit neuen Waffen."

    "Wir durften viele Geschichten einfach nicht erzählen"

    Der Dokumentarfilm ist Teil der allmählichen Aufarbeitung einer sowjetischen Vergangenheit, die Lettland, Estland und Litauen bis heute prägt. Die Last ist aber zugleich treibende Kraft für junge Filmschaffende in den baltischen Staaten. Laila Dambekalna vom lettischen Kulturverein "Namejs" erklärt es so: "In der Sowjetzeit durften wir viele Themen und viele Geschichten nicht erzählen. Und nach der Unabhängigkeit natürlich funktionieren diese Filme als Verarbeitung vieler Themen."

    Unter dem diesjährigen Motto "Mut" erzählen die baltischen Filmemacher bei den Baltischen Filmtagen vor allem von Menschen, die entgegen aller Widerstände und politischen Schwierigkeiten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Herausgekommen sind auch einige Filme, die eine fiktionale und eine dokumentarische Erzählweise miteinander kombinieren.

    Mutige Figuren, mutige FilmemacherInnen

    Die Doku "Heim ins Traumland" (Litauen 2019) erzählt von US-Litauern, die in den 60er-Jahren mutig in ihre sowjetisch besetzte Heimat zurückkehren und dort ein völlig anderes Land vorfinden. Aber die Sowjet-Vergangenheit ist längst nicht das einzige Thema, das die baltische Filmszene umtreibt. "Mērijas Reise" etwa, ein dokumentarisches Drama aus Lettland, erzählt von der jungen Lettin Mērija in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ohne den Mut dieser Frau wären die lettischen Museen heute halb leer. Sie schafft es, die von den Nazis entwendeten Kulturschätze Lettlands wieder ins Land zurückzuholen.

    Im Dokumentarfilm "Wonderful Losers. A Different World", der in Cannes als bester fremdsprachiger Film und bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, wirft ein Filmemacher erstmals seit über 40 Jahren einen Blick hinter die Kulissen des Giro d'Italia. Der preisgekrönte Regisseur Arūnas Matelis verfolgte den Wettkampf sieben Jahre lang und enthüllt die unsichtbare Welt aus der Sicht des Ärzteteams – und damit auch die Gruppe der vermeintlichen Loser – die Schlusslichter des Fahrertross'.

    Eine Geschichte mit wenigen Mitteln erzählen

    Eine Besonderheit der Filmszene ist, dass es in den baltischen Staaten keine Filmförderung gibt, die zum Beispiel mit der in Deutschland zu vergleichen wäre. Die Filme werden nur dann gedreht, wenn die Regisseure, die Filmleute, so für die Idee brennen, erzählt Laila Dambekalna vom lettischen Kulturverein. "Die nehmen in Kauf, dass sie vielleicht nichts damit verdienen. Es regt natürlich die Kreativität an, weil man so ein bisschen mehr schaut, wie man eine Geschichte überzeugend und mit wenigen Mitteln erzählen kann."

    Filme zwischen Humor und Poesie

    Die baltischen Filme entwickeln dabei jeweils eine ganz eigene Erzählweise. Mal melancholisch, oft mit einem sarkastischen Humor, der sich um politische Korrektheit schert, und schonungslos direkt und sie nimmt sich Zeit. Das beste Beispiel dafür ist das psychologische Drama "Skandinavische Stille" aus Estland. Darin beeindrucken vor allem die poetischen Kameraeinstellungen, die einen in eine atemberaubende Winterlandschaft entführen.

    Es sind allesamt Filme, die gerade für ein europäisches Publikum eine neue Perspektiven eröffnen. Der estnische Regisseur Jaak Kilmi hat vermutlich recht, wenn er sagt: "Ich glaube, die Filme und die Kultur aus dem ehemaligen Randgebiet Europas, das die baltischen Staaten waren, können das Bild von Europa wirklich bereichern."

    Die "Baltischen Filmtage München" laufen vom 24.09.-27.09. im Münchner Gasteig.

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang