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Ballett: Ein Funken Göttlichkeit tanzt immer mit | BR24

© BR/Anna Giordano

"Ora et labora" heißt es bei den Mönchen. Ohne eine ordentliche Portion Arbeit würden auch viele Tänzer keine vollendete Perfektion erlangen.

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    Ballett: Ein Funken Göttlichkeit tanzt immer mit

    Das Ballett gilt als die Königsdisziplin des Tanzsports. Doch was macht diese Faszination aus? Ist es die Leichtigkeit, mit der die Tänzer über die Bühne gleiten? Oder schwingt in den anmutigen Bewegungen vielleicht ein Funken Göttlichkeit mit?

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    Mittwochvormittag in einem der Probenräume der bayerischen Staatsoper in München. Séverine Ferrolier leitet das Training, gibt den anderen neun Tänzern Anweisungen für die Übungen an der Stange. Die gebürtige Französin ist selbst eine erfahrene Tänzerin, sie ist eine der Solistinnen in der Kompanie. Das gut einstündige Vormittagstraining sieht sie auch als seelische Konzentrationsübungen für den weiteren Trainingstag: "Das ist unser Frühstück", sagt sie und lacht. "Unser Balletttänzer-Frühstück."

    "Ballett ist Berufung"

    Ein Frühstück, dass mehr nach Schweiß und Disziplin schmeckt als nach Croissant und Cappuccino. Die Tänzer im Trainingssaal scheinen das gelassen zu sehen. Denn das ist ihr Leben: Das Perfektionieren von Körperbeherrschung, Muskelkraft, Dehnbarkeit. Täglich hunderte von Positionen und Pliés, von Sprüngen und Drehungen. Dafür haben sie sich entschieden: Ballett ist eine Berufung. Und diese Berufung, diese Leidenschaft, ist stärker als alles!, sagt Séverine Ferrolier.

    Ballett ist Hochleistungssport

    An das morgendliche Training schließen sich für die Tänzer des bayerischen Staatsballetts täglich fünf bis sechs Stunden Proben an, Vorbereitungen auf die kommenden Aufführungen. In den vergangenen Wochen sind die diese zwar Corona-bedingt ausgefallen - aber normalerweise unterliegt ein Balletttänzer einer ähnlichen Belastung wie ein Hochleistungssportler. Diese Anstrengung ist nötig, findet Séverine Ferrolier:

    "Wenn es zu leicht ist, ist es nicht interessant. Denn man hat keinen Kampf, keine Niederlage, keine Enttäuschung. Diese Gefühle, die man negativ nennen könnte, sind sehr wichtig, um zu wachsen." Séverine Ferrolier

    Auf der einen Seite die Anstrengung, das harte Training, Schmerzen. Fast schon eine Form der Askese. Und auf der anderen Seite die Schönheit der Bewegungen, des Körpers. Anmut und Eleganz. Die Fähigkeit, Harmonie auszustrahlen, im Einklang mit der Musik zu sein. Der glänzende Auftritt auf der Bühne.

    Tänzerin tritt ins Kloster ein

    Auch die französische Tänzerin Mireille Nègre war beim Tanzen jedes Mal tief bewegt: "Das Tanzen hob mich auf Wogen des Glücks, über mich hinaus: ein Zustand der Gnade. Die Schönheit einer Bewegung machte mich schwindeln. Ich war meiner Kunst ausgeliefert", schrieb Mireille Nègre im Jahr 1984.

    Nègre war in ihrer Jugend eine der herausragenden Balletttänzerinnen an der Pariser Oper. Im Laufe ihrer Karriere ging sie immer mehr dazu über, ihre tänzerische Gabe als gottgegeben zu betrachten. "Ich tanze, Gott, für dich", heißt ihr Buch. Besonders auf der Bühne fühlte sie diese Kraft:

    "Dieses Licht ohne Gesicht und Namen spürte ich manchmal über mir, und es durchdrang mich jedes Mal, wenn ich tanzte." Mireille Nègre

    Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, mit 28 Jahren, wendet sich Nègre von der Pariser Oper ab und tritt ins Kloster ein, in den Karmeliterorden. Ihr Umfeld ist erschüttert, enttäuscht – sie aber hat das Gefühl, an der Oper nicht nah genug bei Gott sein zu können.

    Tanzen offenbart die Seele eines Menschen

    In ihrer Radikalität, in ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit, war Nègre sicherlich eine Ausnahmefigur der Ballettwelt. Aber die Münchener Tänzerin Séverine Ferrolier kann einige ihrer Empfindungen nachvollziehen. Ein Tanzen, dass nur aus Technik und Disziplin besteht, gibt es auch für sie nicht. Tanzen habe immer etwas mit dem Innersten des Menschen zu tun, mit seiner Persönlichkeit, mit seiner Seele:

    "Wenn ich einen Tänzer beobachte, kann ich spüren, was er ausstrahlt. Die Körpersprache sagt sehr viel, Ballett ist wie ein offenes Buch." Séverine Ferrolier

    Immer werde durch den Tanz etwas spürbar, was über die reine Tanzkunst hinausgehe: Ein Funken der Seele. Für die Solistin Ferrolier fühlt sich jeder Auftritt daher an wie ein Geschenk an den Zuschauer: "Ich will, dass man mich sieht, wie ich bin. So nackt wie möglich. Weil so kann man eine ehrliche Botschaft transportieren. Und ich will, dass das Publikum nach einer Vorstellung nach Hause geht und eine gewisse Emotion von mir bekommen hat. Und da benutze ich diese Großzügigkeit und diese Menschlichkeit, diese Wärme, die ich gerne teile."

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