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Schluss mit Drill und Druck: Ballettausbildung wird reformiert | BR24

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Von einer "Kultur der Angst", vom "Ballett brutal" war in den letzten Monaten die Rede, wenn es um die Tanz-Ausbildung von Wien bis Berlin ging. An der Münchner Ballett-Akademie soll jetzt ein neues Konzept für einen "Kulturwandel" sorgen.

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Schluss mit Drill und Druck: Ballettausbildung wird reformiert

Von einer "Kultur der Angst", vom "Ballett brutal" war in den letzten Monaten die Rede, wenn es um die Tanz-Ausbildung von Wien bis Berlin ging. An der Münchner Ballett-Akademie soll jetzt ein neues Konzept für einen "Kulturwandel" sorgen.

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Von
  • Peter Jungblut

Wahre Horror-Geschichten aus dem Ballett-Saal machten in den letzten Jahren die Runde. Vor allem die Ausbildungsmethoden an der Wiener Ballett-Akademie und in Berlin machten Schlagzeilen. Von "Tanzen als Qual" war im vergangenen Dezember die Rede ("Süddeutsche Zeitung"), ein Untersuchungsbericht brachte in Wien systematische Demütigungen, Gewalt und ein "Totalversagen der Chefetage" an den Tag. Schülerinnen seien sogar in Brech- und Magersucht getrieben worden, Lehrer hätten sie zum Rauchen genötigt, damit sie schlank blieben. Auch in der deutschen Hauptstadt an der dortigen Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik soll es Fälle von Magersucht gegeben haben, sollen Gewalt und "Bodyshaming" an der Tagesordnung gewesen sein. Die Senatsverwaltung für Bildung hatte im Januar eine Aufklärungskommission und im Februar eine Clearingstelle eingerichtet, um den Vorwürfen der Kindeswohl-Gefährdung nachzugehen.

"Wertschätzender und respektvoller Umgang"

Auch bei der Bayerischen Ballett-Akademie in München sehen die Verantwortlichen eine "große Notwendigkeit einer zukunftsweisenden Reform der Tanzpädagogik". Der Präsident der Hochschule für Musik und Theater, Bernd Redmann, sprach bei einer Pressekonferenz am Montag offen davon, dass die bisherigen Ausbildungsmethoden sehr "ergebnis- und leistungsorientiert" gewesen seien und häufig mit "Druck, Drill und Härte" arbeiteten. Das soll sich nun ändern. In Workshops mit Schülerinnen und Schülern entstand ein neues Konzept.

Bernd Redmann: "Die internationale professionelle Tanzausbildung steht vor einem umfassenden Kulturwandel. Unsere Hochschule reflektiert diese Entwicklung seit mehreren Jahren sehr intensiv. Die Ergebnisse dieses breiten Reflexionsprozesses haben wir nun in einem ethisch-verbindlichen Konzept zusammengefasst. Das Konzept ist ein klares Bekenntnis für einen wertschätzenden und respektvollen Umgang zwischen allen Mitgliedern unserer Ballett-Akademie, immer ausgehend von unseren jungen Tänzerinnen und Tänzern. Ich freue mich, dass wir heute diesen großen Schritt der Öffentlichkeit vorstellen können."

© Sina Schuldt/Picture Alliance

Harte Schule: Tänzer beim Anprobieren von Tanzschuhen

Die streng autoritäre Vorgeschichte der Tanz-Ausbildung

"Trotz aller progressiver, feministischer, kritischer, demokratischer und pädagogischer Theorien, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, kämpft die Tanz-Ausbildung immer noch gegen ihre streng autoritäre Vorgeschichte an", heißt es in einem einleitenden Kapitel des neuen Ausbildungskonzepts selbstkritisch. Das habe "historische und kulturelle Gründe". Auf 23 Seiten fassen die Autoren zusammen, welche veränderten Regeln künftig an der Ballett-Akademie in München gelten sollen: Die Tanzpädagogen wollen ihr eigenes künstlerisches "Erbe" hinterfragen, zur Selbstreflexion bereit sein und eine "professionelle Beziehung" zu allen Studenten aufbauen. Dabei sollen Integrität, Kompetenz, Verständnis, Sensibilität und Mitgefühl die leitenden Prinzipien sein. Einfache und "formelle" Beschwerdeverfahren sollen gegen "Machtmissbrauch, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Gewalt" ermöglicht werden.

Schmerz wird zu oft vernachlässigt

Bei den unvermeidlichen Körperkontakten in der Tanzausbildung wollen die Pädagogen konsequent auf "Gewalt und irgendwelche Instrumente" verzichten: "Die Lehrenden der Ballett-Akademie sind sich beim Einsatz von Körperkontakt ihrer Verantwortung bewusst und setzen sich aktiv für den Schutz und das Wohlbefinden der Tanzstudierenden sowie der Lehrenden selbst ein." Was die Gesundheit betreffe, verstünden sich viele Tänzer als Hochleistungssportler und vernachlässigten ihren Körper. Schmerz werde "fahrlässig übergangen": "Ob Prävention vor oder Therapie nach einer Tanzverletzung, die Ballett-Akademie strebt eine gesunde und den Körper des Tänzers achtende Tanzausbildung an, um die Gesundheit der Studierenden bestmöglich zu erhalten und zu schützen. Das Tänzerleben ist bekanntlich kürzer als das Leben nach der aktiven Tanzkarriere. Mit dem Erwerb von Eigenverantwortung ist es möglich, auch nach der Tanzkarriere eine hohe Lebensqualität in allen Bereichen zu haben, ohne Gelenke oder Psyche geopfert zu haben."

© Sina Schuldt/Picture Alliance

Kontrolle: Fuß einer Tänzerin

Autoritäres Verhältnis "nicht mehr zeitgemäß"

Um zu verhindern, dass das Wohl der Kinder in der Ballettausbildung gefährdet wird, wollen die Tanzpädagogen einen besseren Kontakt zu den Eltern herstellen: "Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Eltern steht im Vordergrund; Anregungen und Wünsche der Eltern prüfen wir eingehend auf Umsetzungsmöglichkeiten. Durch Elternabende, Elterngespräche, Einzelgespräche über den Leistungs- und Entwicklungsstand der jeweiligen Jungstudierenden und Elterninformations-Mails pflegen wir einen regelmäßigen Austausch. Bei Bedarf vereinbaren wir kurzfristige Abstimmungsgespräche."

Der Leiter Ballett-Akademie, Jan Broeckx, legt Wert darauf, "dass der historisch-überlieferte Ansatz zur Ausbildung, geprägt durch ein autoritäres Meister-Schüler-Verhältnis, nicht mehr zeitgemäß" sei: "Wir an der Ballett-Akademie in München wollen ausdrucksstarke und gesunde Tänzerinnen und Tänzerinnen ausbilden. Deshalb setzen wir einen ausdrücklich ganzheitlichen Ansatz gleichberechtigt neben die rein technisch-künstlerischen Anforderungen. Unser pädagogisches Konzept, das wir gemeinsam mit allen Betroffenen entwickelt haben, formuliert ganz genau unseren heutigen Anspruch an eine neue Tanzpädagogik. Mit diesem Konzept brechen wir auf – in den kommenden Jahren werden wir dieses Konzept mit Leben füllen. Ich freue mich sehr darauf."

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