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Das sagt Axel Milberg über sein Roman-Debüt "Düsternbrook" | BR24

© picture alliance/Christian Charisius/dpa

Axel Milberg

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Das sagt Axel Milberg über sein Roman-Debüt "Düsternbrook"

Man kennt ihn als "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski: In seinem ersten Roman "Düsternbrook" schreibt Axel Milberg nun von seiner Kindheit in Kiel. Im Interview erzählt er, wie er zur Schauspielerei fand – und welche Begegnung ihn dazu ermutigte.

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"Wer Literatur liebt, sollte nicht Literaturwissenschaft studieren." Dieser Satz steht in einem bemerkenswerten Roman-Debüt, das kommende Woche erscheint und das jemand geschrieben hat, den Theatergänger noch aus seiner Zeit an den Münchner Kammerspielen in bester Erinnerung haben dürften und den ein Millionen-Publikum seit Jahr und Tag als Kieler "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski kennt und liebt: Axel Milberg ist gebürtiger Kieler, aufgewachsen im Kieler Stadtteil Düsternbrook und "Düsternbrook" heißt auch sein autobiographischer Debüt-Roman, der kommende Woche erscheint. Knut Cordsen hat mit Axel Milberg gesprochen.

Knut Cordsen: In jüngerer Zeit scheint es Schauspieler geradezu zum Buch zu drängen: Ihr Kollege Burghart Klaußner hat einen Roman vorgelegt, Christian Berkel ebenso, Franka Potente hat Erzählungen geschrieben und Joachim Meyerhoff seine überaus erfolgreiche autobiografische Roman-Tetralogie. Das verleitet uns Journalisten immer dazu, von einem Trend zu sprechen, aber bei Ihnen, so entnehme ich es Ihrem Buch, war die Liebe zur Literatur schon sehr früh sehr ausgeprägt: zu Gottfried Benn, zu Franz Kafka, zu Vladimir Nabokov. Wie kam es dazu, dass Sie Ihr Leben, Ihre Kindheit und Jugend in Literatur verwandeln wollten?

Axel Milberg: Das wollte ich ja gar nicht, und es ist dann doch passiert. Nach 40 Erwachsenenjahren in München hatte ich genug Abstand gewonnen zu der norddeutschen Heimat. Es ist für mich eher erstaunlich, wenn jemand nicht erzählen will, wenn jemand nicht versucht, das Leben rückwärts zu verstehen oder heranzuzoomen an Erlebnisse und Erinnerungen, die ihm widerfahren sind oder wieder aufscheinen, wenn jemand also nicht Auskunft geben will. Aber gar nicht so sehr über sich selber, ich bin nicht das Zentrum, auch wenn es ein Ich-Erzähler ist, der Axel Milberg heißt. Dieser Erzähler schaut hin und wieder durch meine Augen auf andere, auf Unverständliches oder nur scheinbar Verstandenes, und in diesem Sinne überrascht es mich eher, wenn jemand sagt "Nein, ich sage nichts", so wie gegenüber einem neugierigen Kommissar. Das Erzählenwollen, das Verstehenwollen, aber auch das Gehörtwerdenwollen, das ist eigentlich naheliegend. Ein bisschen habe ich schon geschrieben, als ich auf die Schauspielschule kam, danach dann nicht mehr, und nun pochte es von innen wieder an diese Tür. Und es war tatsächlich so, dass mir das Schreiben unglaublich Spaß gemacht hat. Das hat mich sehr überrascht.

Sie schildern Ihr Leben von der frühen Kindheit bis zum Alter von Anfang 20, als Sie an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule aufgenommen wurden. Ende der 70er-Jahre sind Sie nach München gekommen. Davor liegt die Zeit in Düsternbrook. Ich kenne Düsternbrook ganz gut, weil meine Großeltern am Hindenburgufer wohnten und Geburtstage gern im "Kieler Kaufmann" gefeiert wurden, aber unseren Lesern mag die Gegend unvertraut sein. Wie lässt sich Düsternbrook charakterisieren?

Düsternbrook ist ein beliebter Stadtteil im Zentrum Kiels, wenige Meter von der Kieler Förde gelegen, eigentlich das Westufer der Kieler Förde, das leicht ansteigt und bewaldet ist. Im Süden befinden sich die Tennisplätze der Tennis-Gesellschaft Düsternbrook, die Krusenkoppel und dort auch das von Ihnen erwähnte Hotel "Kieler Kaufmann". Im Norden schließt Düsternbrook ab – wie sollte es anders sein – mit der Psychiatrie, mit einem mit Schranken abgetrennten und eingezäunten Gebiet der Kieler Universitätsklinik und den Gebäuden der Universitätspsychiatrie und -Neurologie. Und dazwischen steht ein Mischwald, genannt Düsternbrook, der dem Stadtteil den Namen gab. Weiter westlich schließen sich die Häuser der bürgerlichen Familien an, früher der Kapitäne, der Admiräle, der hohen Offiziers-Clique, und auch ein kleiner Berg ist dort, auf dem steht die Sternwarte. Kurzum: ein idealer Stadtteil, um behütet aufzuwachsen.

Man erfährt, dass Ihre Mutter Ärztin war, dass Sie zwei Geschwister haben, Hans und Manuela, und dass Ihr Vater als Scheidungsanwalt gearbeitet hat. In Kiel warben angeblich Anzeigen für seine Kanzlei, auf denen stand: "Kannst du deine Frau nicht leiden, geh' zu Milberg, lass dich scheiden." Klingt wie gut erfunden. Ist aber wahr?

Er hat als Anwalt gearbeitet, war aber kein Spezialist für Scheidungen. Tatsächlich geisterte dieser Spruch irgendwie herum, aber es war nicht erlaubt – damals nicht und heute, glaube ich, auch nicht – dass Anwälte Reklame machen dürfen für ihre Kanzlei. Insofern ist das erfunden. Mein Vater war auch Strafverteidiger und hat alles Mögliche gemacht, aber da sehen Sie schon: Erinnerung, Wahrheit, Dichtung, Zuspitzungen gehen in diesem Buch doch recht durcheinander.

Mit Ihrem Vater sind Sie in Ihrer Jugend viel auf die Jagd gegangen. Und wer das Landleben in Schleswig-Holstein kennt, weiß, wie wichtig die Jagd dort bis heute ist, da spielt auch der Adel eine nicht zu kleine Rolle – als ich das las, musste ich an Ihre famose Lesung aus Eduard von Keyserlings Erzählungen kürzlich im Münchner Literaturhaus denken aus Anlass von Keyserlings 100. Todestag. Keyserling hat ja diese Adelswelt auf ihren Landgütern mit milder Ironie bedacht. Auch bei ihm herrscht diese Atmosphäre des Ennui, der Langeweile oder Muße. Sie schreiben ja des Öfteren, dass vieles Sie gelangweilt habe. So eine gewisse gelangweilt-ironische Distanz zum Leben, so eine schläfrige Wachsamkeit – um es in ein Oxymoron zu kleiden – die scheint schon als Kind Ihre Haltung zur Welt gewesen zu sein.

Mir gefällt das ganz gut: schläfrige Wachsamkeit. Die gibt mir auch die Möglichkeit, zu beobachten und das Andere erstmal vorkommen zu lassen. Ich finde, dass wir Sachen oft zu früh bewerten, dass wir ein Urteil haben, bevor wir überhaupt Informationen gesammelt haben und dass wir viel fleißiger sind im Bewerten und Beurteilen als im Hinschauen. Da ist dann doch etwas von einer bewussten Schreibhaltung auch vorhanden. Das ist mir sehr wichtig gewesen, dass ich in dem, was ich schreibe und beschreibe, nicht aus der Erwachsenen-Distanz bewerte, nicht aus dem Erwachsenen-Erfahrungsschatz heraus mit Noten versehe, sondern die Dinge an sich erst einmal hervorhole in aller Detailliertheit und auch Widersprüchlichkeit. Deswegen beobachte ich und sammle Unvergessenes. Das ist vielleicht auch ein gewisses Talent, dass mir die Dinge nicht gleich wieder entfallen, sondern dass ich genau hinschaue, es mir merke und irgendwann kommt es in einer Arbeit als Beobachtung wieder zum Vorschein.

© Piper

Axel Milberg: "Düsternbrook"

Es gibt diesen großartigen Halbsatz bei Ihnen: "... denn die Sehnsucht dehnt die Zeit und feiert sie." Das beschreibt für meine Begriffe sehr gut die Grundstimmung eines Kindes, das sich hinaussehnt aus dem Vertrauten und das sich gleichzeitig noch ganz wohl fühlt dabei, nicht sofort losziehen zu müssen hinaus in die Welt. Was für Sehnsüchte waren das, die Sie als Heranwachsender hatten?

Ich habe tatsächlich sehr früh gedacht: Oh je, also dieses Kiel, Düsternbrook! Alles ist so überschaubar und wenn ich hierbleibe, wird es mir in 30 oder 40 Jahren so gehen, dass ich dann da und da bin und Lehrer für Deutsch und vielleicht eine Theater-AG leite und denselben Bekannten- und Freundeskreis um mich herumhabe. Sogar die gleichen Verwandten werden um mich herum sein! Ich gebe heute zu, dass das natürlich auch eine Anmaßung ist. Aber ohne diese Anmaßung, Bescheid zu wissen über das, was die Zukunft mir vorenthalten wird, würde ich viele Dinge nicht erlebt und gemacht haben. Also hieß es für mich erst einmal, den Ort zu wechseln, und mit dem Ort natürlich auch die Menschen, die Bezugspersonen, die Familie, aber auch eine bestimmte Denkweise, eine bestimmte Sicherheit. Das hat dann alles 20 Jahre gedauert, dann war ich weg und seitdem lebe ich in München.

Jetzt haben Sie die Theater-AG schon angesprochen. Sie sind zur Kieler Gelehrtenschule gegangen, haben Tennis gespielt und Klavier, und Sie haben auch in der Schul-Theater-AG gespielt, haben sogar ein eigenes Mini-Drama verfasst, und nach einer der Theater-AG-Aufführungen waren Sie völlig euphorisiert: "Als wir uns verbeugten, dachte ich, Gott, ist Theater toll! Man vergisst alles andere und spielt." War das die Initialzündung, den Beruf des Schauspielers ergreifen zu wollen?

Das entsprechende Kapitel kommt relativ spät im Buch und ist eingebettet in einen dramatischen Kontext: Da gibt es einen Serien-Killer in Kiel, es gibt Lebensgefahr, es gibt Nacht und Schnee und erste Liebe und ein großes Durcheinander des 17-jährigen Axel, der auf dieser Schule in dieser AG aktiv ist. Als ich da in einem der Stücke eine Nebenrolle spielte, da erschloss sich mir in der Tat eine andere Welt. Ich merkte, dass ich irgendetwas auslöse auf der Bühne, worüber ich mir überhaupt nicht klar war und worüber ich auch heute nicht viel mehr weiß, aber offensichtlich schauten die Menschen hin ...

Ihre Mitschüler und das Publikum feierten Sie in Ihrer "schlurigen" Art als Komiker ...

Ja, und ganz wichtig: Ich konnte ausreden. Man ließ mich ausreden. Alle drumherum waren irgendwie aufgeregt und aus dem Häuschen, und ich habe da eben in Heinar Kipphardts Stück "Die Stühle des Herrn Szmil" so einen Verrückten oder Traumatisierten gespielt, der also Fliegerangriffe simuliert bei einem Abendessen und die Sauciere umschüttet usw. "Diese Heimsuchung, dieses Schwein!", sagen die anderen über diese Figur, die ich da gespielt habe, und das hat mir sehr gut gefallen – zumal da auch ein Mädchen im Publikum war, dass ich irgendwie beeindrucken wollte, aber nicht recht wusste, wie.

Sie haben viele Jahre später als Schauspieler unter anderem in der Neuverfilmung von "Es geschah am helllichten Tag" mitgewirkt – und Sie haben in jenem Film die Rolle übernommen, die vor Ihnen Gert Fröbe gespielt hat – und Gert Fröbe war es ja auch, der Ihnen in Kiel noch bei einem Gastspiel in der Garderobe sagte: "Wenn Sie es ... wirklich wollen, mit Haut und Haaren leidenschaftlich wollen, es mit der Schauspielerei ernst meinen, dann kann ich Ihnen sagen, wird es Ihnen gelingen." Da waren Sie 19, als Ihnen Gert Fröbe das sagte. Das muss Sie elektrisiert haben ...

Oh ja. Und weiter: "Sie müssen wissen, ich gebe keinen Privatunterricht. Ich drehe weiter Filme, solange ich irgendwie noch krauchen kann." Das sagte Fröbe zu mir, als ich in der Pause von seinem Programm "Morgenstern am Abend. Gespielte Memoiren" im Sechseckbau der Kieler Universität todesmutig an seine Garderobentür klopfte. Ich dachte: Die Gelegenheit kommt nie wieder. Er war ein echter Schauspieler. Ich kannte ja sonst keinen echten Schauspieler. Kiel war damals noch sehr weit entfernt von allem medialen Spektakel, heute ist das alles viel enger vernetzt. Tatsächlich hat mir Fröbe dann 15 Minuten Rede und Antwort gestanden. Ich hatte viele Fragen! Später bin ich ihm noch mal in München über den Weg gelaufen, aber ich war inzwischen an den Münchner Kammerspielen, wo er auch mal gespielt hatte, aber ich habe ihn da nicht gestört. Also das war eine große Ermutigung, obwohl er mich ja nicht kennen konnte. Das ist in diesem Alter, wo du unsicher bist, etwas, was du nie vergisst. So ein Satz wie 'Du kannst es schaffen, wenn du's wirklich willst', der ist so einfach wie wahr. Und trotzdem reicht dieses Wollen für eine Viertelstunde allein nicht aus. Das versteht man dann auch erst Jahre oder Jahrzehnte später, wenn man auch mal ab und zu was auf den Kopf gekriegt hat und wieder aufgestanden ist. Oft hat es damit zu tun, dass man sich selbst auch motiviert. Aber zweifelsohne ein großer und wichtiger Moment im Werden.

Axel Milberg: "Düsternbrook" ist beim Piper Verlag erschienen.

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