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Konzentration auf das Wesentliche: Avishai Cohens "Big Vicious" | BR24

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Avishai Cohen an seiner Trompete

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Konzentration auf das Wesentliche: Avishai Cohens "Big Vicious"

Musik in "Schwarzweiß", passend zu leeren Innenstädten, düsteren Aussichten und melancholischen Stimmungslagen: Der israelische Jazz-Trompeter konzentrierte sich für sein Album auf das Wesentliche. Seine Botschaft: Ruhig bleiben!

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Sie heißen Oded Tzur, Nitai Hershkovits, Omer Klein und Adam Ben Ezra - Israels Jazzkünstler sorgen derzeit für Höhepunkte im Musikleben. Auf "Big Vicious", dem neuen Album des gefeierten Trompeters Avishai Cohen und seiner gleichnamigen Band ist ausgeklügelter, elektronischer Jazz zu hören, der sich perfekt als Soundtrack von Ausgangsbeschränkungen und ausgestorbenen Innenstädten eignen würde.

Fünf Männer auf einer Bühne zeigt das Cover von "Big Vicious", versunken, in sich gekehrt, auf das Innere, die Seele hörend. Zwei Schlagzeuger und zwei E-Gitarristen. Vorne steht der bärtige Trompeter, den Kopf gesenkt, das Instrument in seinen Händen funkelt. Dunkel und freundlich ist diese Graphik, aber nicht bedrückend. Geschaffen wurde sie von der Künstler-Agentur, die für die Animation des Dokumentarfilms "Waltz With Bashir" verantwortlich ist.

© Laurent Gillieron/Picture Alliance

Avishai Cohen mir seinem Ensemble in Montreux beim Jazzfestival

Als wäre sie schwarzweiß - so klingt diese Musik, an der lange getüftelt wurde, unter anderem mit dem Elektronica-Produzenten Rejoicer aus Tel Aviv. Er empfahl den Musikern mehr wegzulassen, sich auf‘s Wesentliche zu beschränken: "Wir haben uns sehr darauf konzentriert, was wir nicht haben wollten. Nicht zu viele Informationen, das war unsere Richtschnur. Nur nicht wieder zuviel von allem Möglichen – das haben wir beim Schreiben und während der Produktion ständig berücksichtigt. Eine überaus bewusste Entscheidung."

Soundtrack zur Corona-Krise

Es ist feiner, elektronischer Jazz, den Avishai Cohen und seine Mitstreiter präsentieren: melancholisch-gebrochene Musik, in der man sich einrichten kann. Ob "Big Vicious" als Soundtrack zur Corona-Krise taugt? Schließlich wurde auch in Israel eine Ausgangssperre verhängt, ist das öffentliche Leben hier ebenfalls zum Erliegen gekommen. Der Musiker mit Vollbart, Tattoos am Hals und Ringen an den Fingern, nickt. Jetzt gehe es vor allem darum, sagt er, ruhig zu bleiben und abzuwarten. Wer das nicht könne, solle sich selbst hinterfragen.

© Laurent Gillieron/Picture Alliance

Avishai Cohen bei einem Auftritt

Das Kunstvolle an diesen elektroakustischen Klanggebilden ist ihre Reduziertheit. Nur ein Sound-Skelett ist zu hören. Dem setzt Trompeter Cohen mit makellosem Ton funkelnde Glanzlichter auf. Bisher kannte man den Musiker als gefeierten Interpreten von Jazz-Standards, also amerikanischer Musik. Cohen wiegelt ab. Er habe immer schon elektronische Musik gemacht, nur kaum etwas davon veröffentlicht: "Amerikanischen Jazz gibt’s im Grunde gar nicht. Jazz ist amerikanisch, weil er da entstanden ist. Natürlich kann man auch in Europa Jazz spielen."

"Teardrop" öffnet unsere Herzen

Einer der Höhepunkte ist die eindrucksvolle Version von "Teardrop", ein Titel der Triphop-Formation "Massive Attack". Die Gruppe hatte in den 90er Jahren Fusion-Klassiker von Billy Cobham aus den 70er Jahren gesampelt, Musik aus den Siebziger-Jahren, als der Jazz erstmals elektronifiziert und futuristisch klang. Mit ihrer "Teardrop"-Interpretation machen "Big Vicious" die englischen Elektronik-Bastler zu Wahlverwandten, zu Geschwistern im Geiste. "Teardrop" habe Signalcharakter, erläutert Cohen: "Ich finde, dieses Stück hat etwas Spezielles. Es öffnet immer unsere Herzen, wenn wir es spielen. Es altert einfach nicht. Wir haben ja schon immer viele Cover-Versionen gespielt, einige kamen, einige flogen raus, einige blieben, aber "Teardrop" fühlt sich immer frisch an. Es entfacht jedes Mal ein Feuer."

Mit "Big Vicious" positioniert sich der Melodiker Cohen als primus inter pares in der israelischen Jazz-Szene. Überhaupt feiert die Kunst der Improvisation des nahöstlichen Landes derzeit eine Blüte so wie es vor einigen Jahren bei norwegischen und skandinavischen JazzkünstlerInnen der Fall war. Die Cover-Graphik von "Big Vicious" lässt sich auch als Bildnis von fünf Musikern lesen, die gerade ein gelungenes Stück beendet haben und den Applaus des Publikums erwarten. Ein Augenblick des Glücks, der schon im nächsten Moment wieder vorbei ist.

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