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Wie die Nazis Tiere für ihre Ideologie eingespannt haben | BR24

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Adolf Hitler mit seinem Wolfshund

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Wie die Nazis Tiere für ihre Ideologie eingespannt haben

Hunde, Katzen, Wölfe, Kartoffelkäfer: Die Nationalsozialisten hatten ein sehr widersprüchliches Verhältnis zu Tieren. Wie sie bestimmte Arten für die Verbreitung ihrer Ideologie nutzten, beschreibt Jan Mohnhaupt in einem aufschlussreichen Buch.

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Heute Abend hätte eigentlich im Münchner NS-Dokumentationszentrum der Autor Jan Mohnhaupt sein neues Buch "Tiere im Nationalsozialismus" vorstellen sollen – eine äußerst aufschlussreiche Studie über das keineswegs widerspruchsfreie Verhältnis dieser Ideologie und Diktatur zu Tieren: zu Hunden genauso wie Katzen, Pferden, Schweinen, Kartoffelkäfern und vielem anderen mehr. Die Veranstaltung musste aufgrund der obwaltenden Corona-Krise abgesagt werden. In deren Folge "hamstern" dieser Tage manche von uns exakt so wie das Jan Mohnhaupt am Ende seines Buches mit Blick auf die Zeit Ende des Zweiten Weltkrieges beschreibt – denn aus dieser Zeit stammt das Wort "hamstern“. Knut Cordsen hat mit Jan Mohnhaupt gesprochen.

Knut Cordsen: Sie zitieren gleich zu Beginn Ihres Buches einen bemerkenswerten Satz Heinrich Himmlers aus seiner "Posener Rede" 1943, der lautet: "Wir Deutsche ... haben als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier". Das ist er wieder, der deutsche Alleinstellungs- und Weltgeltungsanspruch – und er zeigt sich selbst im angeblich einzigartigen Verhältnis der Deutschen zum Tier. Wenn man allerdings liest, wie die so tierlieben Nazis kein Problem damit hatten, 30.000 Pferde im Russlandfeldzug auf einen Schlag zu erschießen, nur um sie nicht dem Feind in die Hände fallen zu lassen, entlarvt sich Himmlers Satz als reine Lüge.

Jan Mohnhaupt: Auf jeden Fall. Bei Himmler und der Anständigkeit muss man ja sowieso immer vorsichtig sein. Unter Anstand konnte bei ihm auch fallen, dass man 10.000 Zwangsarbeiter einfach mal so krepieren lässt. Und auch was die Tiere anbetrifft, ist das ein zweischneidiges Schwert. Denn so tierlieb, wie sich die Nazis gegeben haben, waren sie dann im Endeffekt doch nicht.

Was hat Sie so fasziniert am Thema Tiere im Nationalsozialismus?

Zum einen, dass es zu dem Thema fast noch nichts gibt. Es gibt einige wenige Aufsätze. Bücher zu diesem Thema sind sehr rar gesät, was wohl auch ein bisschen daran liegt, dass sich die Forschung seinerzeit ein bisschen gesträubt hat, die Tiere zu betrachten, weil man wohl Sorge hatte, dass man dadurch zu sehr die menschlichen Opfer bagatellisiert. Aber je mehr ich gebuddelt habe, desto mehr Tiergeschichten sind mir untergekommen. Es war ein unglaublich weites Feld, über das es eigentlich nichts allgemein Beobachtetes gab.

Hunde hatten es Hitler besonders angetan – jeder kennt "Blondi". Neu war mir jedoch, dass es nicht nur die eine "Blondi" gab, sondern gleich drei Schäferhunde dieses Namens. Bei den Rüden gab es drei mit dem Namen "Wolf". Mit dem Wolf hatte es Hitler eh, wie man an der Benennung seiner Hauptquartiere "Wolfsschanze", "Wolfsschlucht" und "Werwolf" sieht. Der Wolf war ein regelrechtes Totemtier und er ist es ja bis heute bei den Neonazis. Woher kommt das?

Zum einen wollten die Nazis wirklich Wölfe sein. Sie haben sich dieses Raubtier ausgesucht. Ihnen gefiel wohl vor allen Dingen das, was sie dem Wolf zugeschrieben haben, also das Blutrünstige, dass er seine Beute hetzt, bis er sie zur Strecke gebracht hat. Das Unerbittliche, was Menschen hier hereininterpretieren. Genauso wie eine Wolfsmeute wollten auch sie sein. Goebbels hat ja schon 1928, als es darum ging, den Reichstag einzuziehen, die anderen Parteien gewarnt und gesagt: ‚Wir kommen nicht als Freunde, wir kommen als Feinde, wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.‘ Und so hat sich dieses Bild durchgezogen. Bei Hitler kam dazu, dass er seinen eigenen Namen Adolf herleitet aus dem Germanischen, wo Adolf für ‚edler Wolf‘ stehen soll. Und dann hat er sich in seiner Anfangszeit noch in den Hotels gerne unter dem Deck-Namen ‚Herr Wolf‘ einquartiert, um unerkannt zu bleiben. Also war der Wolf für viele Nazis, gerade auch Hitler, eine große Tier-Ikone, an der man sich orientieren wollte.

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Eva Braun und Adolf Hitler mit ihren Hunden am Obersalzberg

Ich musste fast lachen, als ich las, dass Eva Braun auch Hunde besaß, nur waren das schwarze Scotch Terrier mit den Namen "Negus" und "Stasi". Die passten – anders als der Deutsche Schäferhund – nicht ins offizielle Bild der NS-Propaganda.

Die waren halt nicht eindrucksvoll genug. Das sind diese kleinen Hunde, die so ein wenig wie Landarzt-Koffer aussehen, sehr, sehr bodennah, aber auch Jagdhunde. Doch Hitler wollte unbedingt immer abgebildet werden mit dem Schäferhund. Der Schäferhund war schon der typische Hund der Deutschen, und er ist eine relativ junge Rasse. Um die Jahrhundertwende, 1901, wurde sie erst festgelegt von Max von Stephanitz. Aber er hat zu der Zeit bereits einen hohen Stellenwert – gerade bei den Nazis. Hitler hat den Schäferhund vor allen Dingen für seine Tugenden geliebt. Was man so dem Schäferhund zugeschrieben hat: dass er besonders treu ist, besonders fleißig, besonders ergeben und er quasi fast jede Aufgabe erledigt. Hitler hat das als soldatische Tugenden angesehen und fand diese Tugenden nirgendwo so schön wieder wie bei diesem Schäferhund.

Spiegelt sich im biologistischen Weltbild der Nazis, im Tierzucht-Gedanken – man träumte ja davon, selbst ausgestorbene Tiere wie den Auerochsen wiederauferstehen zu lassen durch Kreuzung anderer Rinderrassen – spiegelt sich in diesem Tierzucht-Phantasma das mörderische bzw. im Wortsinne bestialische Menschenzucht-Phantasma des Nationalsozialismus?

Das eine hat das andere quasi bedingt. Die Ideen, die aus der Tierzucht stammen, haben die Nazis einfach versucht, auf Menschen zu übertragen. Da gab es einige. Himmler und Hitler fanden, dass man das durchaus machen kann. Himmler hat ja seine SS-Männer teilweise auch nach der von ihm so genannten "Saatlese" ausgesucht. Er hat sich wohl wirklich abends an den Tisch gesetzt und sich Passfotos angeguckt und quasi mit der Lupe dann genau geschaut: Schöne Wangenknochen, bei wem ist die Nase zu lang, zu krumm oder so was. Das galt dann als wissenschaftlicher Ansatz, und so übertrug man quasi das, was man aus der Tier- oder Pflanzenzucht kannte.

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"Ein unglaublich weites Feld!": Autor Jan Mohnhaupt hat das Verhältnis der Nationalsozialisten zu Tieren untersucht

Wobei das mit der Tierzucht so eine Sache ist: Der Diplom-Landwirt Heinrich Himmler scheiterte schon an der Hühner-Zucht hier in München, aber die Hennen wollten nicht so wie die Hunnen wollten, könnte man salopp sagen.

Ja, das ist ja die große Frage, ob vielleicht die Hühner im Endeffekt schuld sind. Wären sie legefreudiger gewesen, wäre uns vielleicht die Partei-Karriere von Heinrich Himmler erspart geblieben. Aber Spaß beiseite: Es war anfangs wirklich seine Idee, sozusagen ein zweites Standbein mit seiner Frau zusammen zu haben. Und er hat sich dann, als das nicht klappte, aus Bayern Richtung Berlin allmählich verabschiedet und dort dann seine Parteikarriere vorangetrieben. Seine Frau schrieb ihm immer wieder Briefe und erzählte ihm davon, wie schlecht die Hühner legen, wie viele Tiere schon gestorben sind. Und so blieb er dann quasi ein erfolgloser Züchter, und dafür wurde er leider ein sehr erfolgreicher Parteifunktionär.

Auch die Parallelität in der nationalsozialistischen Metaphorik ist auffällig: Nicht nur der Kartoffelkäfer, den man auf den Feldern mit Gift bekämpfte, war ein "Schädling" und "Parasit", der jüdische Mitbürger war auch ein "Schädling".

Da wurde es dann wirklich sehr perfide, weil quasi zum ersten Mal der Parasit mit Menschen gleichgesetzt wurde. Bis dahin war dieses Wort meistens eine Metapher, mit der man versuchte zu erklären, dass die Juden ja eine Art Parasit in den verschiedenen Völkern sind. Manche haben das entschuldigt, indem sie sagten, das hänge damit zusammen, dass man ihnen auch nie richtig den Raum gegeben hat. Das war schon alles sehr fragwürdig. Aber bei den Nazis war es dann so, dass sie gesagt haben, die Juden sind quasi Ungeziefer. Himmler hat in einer Rede gesagt: Wenn man Läuse bekämpft, bekämpft man sie. Und genauso war es für ihn mit den Juden. Es galt, diese genauso zu bekämpfen, weil es ja Ungeziefer ist. Das war das Gefährliche und das Mörderische daran, dass man dann zum ersten Mal wirklich diese Gleichsetzung hatte.

Es gab in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Treblinka oder Buchenwald "Lager-Zoos", in denen man Bären, Rehe und Vögel hielt. Wozu dienten die?

Die dienten vor allen Dingen der Zerstreuung der Wachmannschaften in Treblinka. Das war wirklich sehr rudimentär und provisorisch, das waren einige Drahtverhaue, wo es dann einige wenige Füchse und Rehe und Fasane gab. In Buchenwald war das dann schon etwas schöner gestaltet. Da gab es einen kleinen Bären-Zwinger, so einen Kunst-Felsen, wie man das aus verschiedenen Zoos kennt. Dort haben dann die Wachmannschaften ihre Mittagspause verbringen können. Und wenn sie mal auf dumme Gedanken kamen, haben sie auch mal die Tiere geärgert, was dann wiederum den Kommandanten von Buchenwald, Karl Otto Koch, sehr geärgert hat. Er hat einige Erlasse geschrieben und gedroht damit, dass auch SS-Männer bestraft werden, wenn sie sich nicht anständig dem Tier gegenüber verhalten. In Buchenwald kann man heute noch die Ruinen sehen, sie sind erhalten. Von dort sind es vielleicht 15 Meter bis zum Krematorium, dazwischen ist nur ein Elektrozaun. Während auf der einen Seite Wachmannschaften Bären neckten, gingen auf der anderen Seite buchstäblich die Menschen durch den Schornstein.

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Herrmann Göring spielt mit einem Löwen

Ich habe mir bei der Lektüre Ihres Buches gedacht: Eigentlich fast schon gar nicht mehr verwunderlich, dass sich ein Generalfeldmarschall wie Ernst Rommel den Ehrentitel "Wüstenfuchs" gegeben hat.

Gerade das Militär hatte einen starken Bezug zu Tieren. Oft denkt man ja, der Zweite Weltkrieg wäre auf deutscher Seite so motorisiert gewesen, aber in Wirklichkeit war man ja immer noch total auf "Kamerad Pferd" in der Armee angewiesen, weil gerade an der Ostfront die Wege einfach nicht passierbar waren im Winter und man ohne Pferdekarren nicht vorangekommen wäre. 750.000 Pferde waren im Einsatz. Was den "Wüstenfuchs" anbetrifft: Größere Raubtiere haben im Militär auch in der Hinsicht eine Rolle gespielt, dass die Nazis die allerersten waren, die ihre Panzer nach Raubkatzen benannt haben: "Tiger" und "Panther".

Was die Bundeswehr dann ja fortgeführt hat.

Genau, das ist eine etwas fragwürdige Tradition, bis zum heutigen Tag mit dem "Leopard"-Panzer.

Vielleicht noch ein Wort zu dem Mann, dessen ausladendem Hinterteil man bescheinigte, eine starke Ähnlichkeit "mit dem Hinterteil eines Elefanten" zu haben: Hermann Göring, einer der mächtigsten Nazis, liebte Löwen, er hielt sich auch solche Löwenbabys zu Hause, er war permanent auf der Pirsch nach dem röhrenden Riesenhirsch, und dieser "Reichs-Jägermeister" Hermann Göring ist es auch, dem wir einen heute noch beliebten Kräuterlikör verdanken, nicht wahr?

Der "Jägermeister" ist 1935 entstanden. Kurz zuvor hatte Göring diese neue Einteilung der Jägermeister gemacht. Er war Reichs-Jägermeister, dann gab es Oberst-Jägermeister, und das ging so weiter streng hierarchisch bis in die verschiedenen Gaue. Der Wolfenbüttler Likör-Hersteller Curt Mast erfand zu der Zeit gerade einen neuen Kräuter-Schnaps. Erst sollte der "Hubertusbitter" heißen. Dann war aber dieser Name "Jägermeister" plötzlich in aller Munde, und Mast hat sich gedacht: Die Jäger trinken doch gerne alles erlegte Wild tot. Da habe ich sowieso schon eine gute Zielgruppe, und so hat er dann diesen Namen übernommen.

Jan Mohnhaupts Buch "Tiere im Nationalsozialismus" ist erschienen im Carl Hanser Verlag für 22 Euro.

© Hanser Verlag

Soeben erschienen: "Tiere im Nationalsozialismus" von Jan Mohnhaupt

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