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"Immer im Moment zu sein ist nicht das Allerschlechteste" | BR24

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David Wagner beim Bayerischen Buchpreis 2019

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    "Immer im Moment zu sein ist nicht das Allerschlechteste"

    David Wagner hat es mit "Der vergessliche Riese" geschafft, einen positiven Roman über Demenz zu schreiben. Im Interview erzählt er, wie man der Wiederholung die Musik entlocken und dem Vergessen das Angenehme abgewinnen kann.

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    Überraschend ist wieder Weihnachten. Überraschend jedenfalls für den dementen Vater, den "vergesslichen Riesen" in David Wagners gleichnamigem Buch. Meistens fehlt ihm die Orientierung in der Zeit, und was gerade war, vergisst er häufig sofort wieder. Demenz – ein schwieriges Thema, mit Angst und Beschämung besetzt. Und trotzdem ist "Der vergessliche Riese" ein positives Buch. Vielleicht auch deshalb hat es im November den Bayerischen Buchpreis bekommen. Judith Heitkamp hat mit David Wagner gesprochen.

    Judith Heitkamp: Der Ich-Erzähler heißt David wie Sie, ist Sohn wie Sie – und er scheint nie genervt zu sein. Dabei ist es wirklich anstrengend, immer wieder von vorne anzufangen, immer wieder die gleichen Dialoge zu führen.

    David Wagner: Ich bin selber schon manchmal genervt, wenn mein Vater zum hundertsten Mal fragt, wohin wir eigentlich gehen oder warum es so kalt ist, wenn wir am Weihnachtsabend durch Bonn spazieren. Aber ich habe eigentlich gelernt, das auszuhalten. Ich freue mich, dass er immer noch fragt und dass er noch da ist. Und ich habe verstanden, dass er eigentlich immer in der Gegenwart ist. Für ihn ist immer jetzt. Und die Frage vor drei Minuten hat er eben schon vergessen.

    Das ist großmütig. Da muss man erst mal hinkommen.

    Mein Vater ist eigentlich immer lieber geworden mit der Zeit, das ist das Erstaunliche, und unser Verhältnis immer freundschaftlicher. Dass er mich Freund nennt, das kommt nicht von ungefähr.

    Andererseits weiß man nicht – ist das eine clevere Strategie, um den Namen zu vermeiden, oder ist es einfach sehr liebevoll?

    Der Name fällt ja irgendwann im Buch. Der Vater weiß nicht immer genau, wer jetzt dieser Freund ist, ob das wirklich der Sohn ist oder jemand anderes. Aber auf jeden Fall sind die beiden einander sehr, sehr vertraut und kommen gut miteinander aus. Diese Annäherung kommt auch zustande, weil die zweite Frau des Vaters gestorben ist, er ist nun doppelt verwitwet und fragt sich, wieso, ob er so schwer auszuhalten ist, aber er ist gar nicht so schwer auszuhalten. Er ist eigentlich ein sehr angenehmer Mensch. Was lustig ist, mir haben einige Leute gesagt, nachdem sie das Buch gelesen haben, sie würden gern mal mit meinem Vater Zeit verbringen.

    Die Demenz bringt die Familie wieder zusammen.

    Ja, das ist ein faszinierender Rollentausch. Wir haben einen Vater und einen Sohn, der schon lange selber Vater ist, seine Tochter ist fast erwachsen. Und der eigene Vater wird plötzlich zum Kind.

    Wollten Sie ein Buch über Demenz schreiben oder über Familie?

    Ich wollte ein Buch über Familie schreiben. Die ganze Pathologie hat mich gar nicht so interessiert, ich wehre mich immer ein bisschen dagegen. Das Wort Demenz fällt nur ein einziges Mal, wenn ich mich recht erinnere, und zwar sagt das einmal der Arzt. Ansonsten verweigern sich die Kinder dieser Diagnose, weil die eigentlich glücklich sind, dass sie ihren Vater zurückhaben. Leider nicht so ganz, weil er nicht mehr so ganz bei sich ist. Die Geschichten, die ihm fehlen, weil er sich nicht mehr erinnert, die versuchen die Kinder aufzufüllen. Man kann sagen, dass sie die Familienerzählung neu erfinden. Und natürlich wollen sie diese Erzählung dabei auch ein bisschen verändern.

    Ich fand das sehr berührend. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Leute empfindlich reagieren, die eine sehr viel weniger harmonische Situation erleben.

    Ja, natürlich. Jede Demenz, jedes Vergessen ist anders. Es ist mir völlig klar, dass es Fälle gibt, in denen die Kranken depressiv oder aggressiv werden. Das sind eben andere Schicksale. Wir haben mit diesem Verlauf einfach Glück gehabt, glaube ich. Ich habe nicht den Eindruck, dass mein Vater ein verzweifelter Mensch ist. Er weiß ja, dass er vergisst. Ab und zu kommt das wie eine Erleuchtung, dann sagt er zu mir, weißt du, ich vergesse alles. Aber dass er alles vergisst, hat er dann nach einigen Minuten auch wieder vergessen. Es ist eigentlich ganz nützlich.

    Vielleicht sogar das Entscheidende? Dass dieser vergessliche Riese eben nicht versucht, seine Vergesslichkeit zu verstecken.

    Er hat sich damit arrangiert und lebt dadurch sehr, sehr in der Gegenwart. Eigentlich ist das etwas Großartiges. Manchmal finde ich es sogar erstrebenswert. Vergessen und ganz vergesslich zu sein heißt auch, wahnsinnig viel loszuwerden, an was man sich nicht gerne erinnert. Und immer nur im Moment zu sein ist nicht das Allerschlechteste.

    Die immer gleichen Dialoge, die Wiederholungen spielen auch formal eine große Rolle im Buch. Irgendwann kann man fast mitsprechen. Das erschließt sich auch in unseren beiden Lesungspodcasts mit Thomas Loibl, die von zwei Weihnachtsbesuchen in verschiedenen Jahren handeln. Wie war das für Sie beim Schreiben? Eigentlich sind ja Wiederholungen ja verpönt.

    Die Wiederholung ist ein musikalisches Stilmittel. Damit kann man Musik, Rhythmus, Klang in einen Text hineinbringen. Und Musik ist für die Figur des Riesen nicht unwichtig. Er singt gerne, ziemlich oft "Besame mucho", manchmal Wagner-Opern. Ich habe versucht, all das in diesem Sprachduktus nachzubilden, und da gehören Wiederholungen eben dazu.

    "Der vergessliche Riese" von David Wagner ist im Rowohlt Verlag erschienen. Im "Lesungen"-Podcast liest Thomas Loibl aus dem Roman.