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"Autofiktion betrachtet das Ich gar nicht so autobiografisch" | BR24

© Bayern 2

Ob Karl Ove Knausgård oder Annie Ernaux: Autofiktion ist im Trend. Der Literaturwissenschaftler Jan Wilm untersucht das Phänomen - auch im Selbstversuch, mit einem autofiktionalen Roman. Und erklärt im Interview wie autobiografisch Autofiktion ist.

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"Autofiktion betrachtet das Ich gar nicht so autobiografisch"

Ob Karl Ove Knausgård oder Annie Ernaux: Autofiktion ist im Trend. Der Literaturwissenschaftler Jan Wilm untersucht das Phänomen, auch im Selbstversuch – mit einem autofiktionalen Roman. Und erklärt im Gespräch, wie autobiografisch Autofiktion ist.

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Die eigene Lebensgeschichte mit Erfindungen zu verquicken, diese Erzählform der Autofiktion findet sich in jüngerer Zeit vermehrt in der Literatur. Der Essener Literaturwissenschaftler, Autor und Kritiker Jan Wilm beschäftigt sich mit diesem Phänomen nicht allein in akademischer Hinsicht. In Kürze erscheint von ihm selbst ein autofiktionaler Roman, „Winterjahrbuch“. Knut Cordsen hat mit Jan Wilm gesprochen.

Knut Cordsen: Ob man die Franzosen Édouard Louis oder Annie Ernaux nimmt, den Amerikaner Ocean Vuong oder den Norweger Karl Ove Knausgård, Andreas Maier oder Gerhard Henschel, die Liste ist lang und ließe sich beliebig erweitern: Alle schreiben sie Autofiktion. Woher rührt diese Lust an der Autofiktion Ihrer Meinung nach?

Jan Wilm: Zunächst würde ich mal sagen, dass die Debatte um Fakt und Fiktion, um das Vermischen der beiden wahrscheinlich so alt ist wie die Literatur selbst. Jetzt haben wir in jüngerer Zeit das Gefühl, dass es eine Konjunktur gibt. Ich würde einfach erst mal sagen: Wer schreibt, lebt immer schon in Spiegeln. Es gibt immer Veränderungen des Autobiografischen, Fiktionalisierungen. Warum man aber heute den Eindruck hat, dass fiktionales Schreiben vermehrt auftaucht, das hat meines Erachtens viele Gründe. Es ist vielleicht einerseits ein bisschen eine Fiktionsmüdigkeit zu erkennen bei Kritikerinnen und Kritikern, aber auch bei Lesenden und Schreibenden – so, als wären die großen Geschichten alle schon auserzählt. Man wendet sich jetzt dem Ich auf eine ganz andere Weise zu. Ich sprach davon, dass man schreibend in Spiegeln lebt: Fiktion bietet natürlich sehr viele Möglichkeiten. Sie erlaubt, etwas abzubilden, das Abgebildete aber gleichzeitig auch zu verdrehen. Und es gibt eben auch kommerzielle Gründe, warum man auf diese Art und Weise schreibt. Der Markt ist im Moment sehr daran interessiert, dass Autorinnen und Autoren mit ihrem Selbst als Stoff umgehen und es ästhetisieren.

© Alexander Paul Englert

Autor und Literaturwissenschaftler Jan Wilm

Knut Cordsen: Hat das auch etwas mit unserer modernen Selbst-Besessenheit zu tun und mit den Identitäts-Debatten unserer Zeit?

Jan Wilm: Ja, ich glaube schon. Das bietet natürlich sehr viel Gelegenheit, sich auch literarisch damit zu beschäftigen. Allerdings würde ich sagen, dass diese Selbst-Besessenheit wahrscheinlich weniger spezifisch für unsere Zeit ist als man glaubt. Menschen sind natürlich immer schon selbstbesessen und spätestens seit der Renaissance steht der Mensch im Zentrum der Gesellschaft und das Subjekt hat einen anderen Stellenwert. Ich würde eher sagen, dass das vielleicht eine paradoxe Gegenbewegung zu unserer Selbstbezogenheit ist, die wir besonders in Social-Media-Kanälen wiederfinden. Autorinnen und Autoren unterstreichen gerade, indem sie in das Autobiografische die Fiktion mit einspielen lassen, dass das Ich eben nicht ganz so wahr oder faktisch ist wie man häufig annimmt, sondern dass Personen auch Konstrukte sind. Person kommt aus dem Lateinischen – persona heißt Maske. Jeder Mensch muss sich irgendwie ein Ich konstruieren und dieses Ich im Laufe des Lebens erneuern. Und ich glaube, die Autofiktion betrachtet das Ich gar nicht so autobiografisch, sondern eher als etwas viel Poröseres, was auch tatsächlich umgewälzt und umgeschrieben werden kann.

Knut Cordsen: Sehr beliebt ist ja als eine Spielart der Autofiktion auch das Memoir. Oder wären Memoirs gar nicht unter Autofiktion zu fassen?

Jan Wilm: Es gibt immer mal wieder Vermischungen dieser beiden Begriffe. Vielleicht aus Gründen des Markt-Interesses hier und dort. Das Memoir ist schon noch mal was anderes als die Autofiktion. Um nochmal ins Lateinische zu gehen: Memoria ist natürlich das Gedächtnis, die Erinnerung. Im Memoir geht es vielmehr um ein Nachzeichnen von Erinnerung und es herrscht dort eine viel größere Bindung an so genannte Fakten. Das Memoir ist viel näher an der Autobiografie als an der Autofiktion. Ich vergröbere jetzt stark. Es gibt immer wieder Spielarten, die dieses Hin- und Herpendeln auch ganz anders machen. Es gibt natürlich Schreibende, die den Begriff Memoir ablehnen. Die kanadische Autorin Sheila Heti, die autobiografisches Scheiben betreibt, lehnt den Begriff ab, weil sie sagt, dass Memoir eine viel geringere symbolische Strahlkraft hat als Autofiktion.

Knut Cordsen: Sie selbst haben bereits unter anderem Studien über das Werk von J.M. Coetzee veröffentlicht. Und Sie werden interessanterweise selbst ein autofiktionales Werk im Herbst herausbringen, das "Winterjahrbuch" heißt. Und schon in der Ankündigung dieses Buches, das Ende August bei Schöffling & Co. erscheinen wird, ist von einem gewissen Jan Wilm die Rede: "Jan Wilm ist ein perspektivloser Philologe, der aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb ausgeschieden ist und – um die Arbeitslosigkeit hinauszuzögern – ein fremdfinanziertes Forschungsjahr in Los Angeles verbringt." Sind das also Sie, den Sie da zur Hauptfigur Ihres ersten Romans machen?

Jan Wilm: Zum Glück bin ich das nicht! Wenn ich das wäre, hätte ich mich wahrscheinlich schon längst umgebracht oder wäre ins Wasser gegangen – ins Wasser von Los Angeles vielleicht. Ich möchte das nochmal zurückführen auf den Begriff der Autofiktion und auch etwas aus dem Buch zitieren. In Los Angeles wird Jan Wilm gefragt, woran er denn da schreibt, woran er arbeitet. Da sagt er: "Es soll ein Buch über Schnee sein, aber keine wissenschaftliche Studie über Schnee und auch kein Roman oder so etwas. Eben kein Buch über Schnee. Auch kein Essay, kein Memoir, das durchschneit ist. Irgendwie eben ein Buch, das doch auch all diese Dinge sein könnte." Ich hatte andere Pläne mit diesem Buch. Ich hatte geplant, einen Roman über einen amerikanischen Zeitungsfotografen namens Gabriel Gordon Blackshaw zu schreiben und wollte diesem Mann, der vermutlich im Schnee – in einer Lawine – umgekommen ist, ein Leben beigeben. Da ist mir aber eine Person in die Quere gekommen. Diese Person heißt Jan Wilm, und die hat mich eigentlich wirklich mit der Pistole auf der Brust daran gehindert, dieses Buch so zu schreiben und hat sich in meinem Roman breit und es sich darin bequem gemacht. Jetzt musste ich eben auch von seinem Leben erzählen und die Wilm-Suppe auslöffeln.

Knut Cordsen: Und dieser fiktive Charakter Jan Wilm begibt sich auf Spurensuche in Kalifornien nach diesem verschollenen Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw.

Jan Wilm: Das macht er in der Tat, aber er hat sich da über mich hinweggesetzt und hat eben nicht nur nach diesem Fotografen und nach dem Schnee in Kalifornien gesucht, sondern er hat sich auch auf die Suche nach sich selbst gemacht. Jede Suche ist vielleicht auch eine Suche nach sich selbst, ein Entfernen von sich selbst, und in diesem Roman erzählt Jan Wilm dann schließlich ganz vieles über seine Eindrücke von Los Angeles, über den symbolischen Gehalt von Schnee, aber auch über verlorene Menschen in seinem Leben und in dem Leben von Gabriel Gordon Blackshaw.

Jan Wilms Roman „Winterjahrbuch“ erscheint am 27. August bei Schöffling & Co.

© Schöffling & Co./ Montage BR

Cover: Winterjahrbuch von Jan Wilm

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