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Autobiographie von Helmut Lethen: 81 Jahre deutsche Geschichte | BR24

© dpa

Portrait-Aufnahme von Helmut Lethen mit zerzaustem, ergrautem Haar im grauen Sakko vor grünem Hintergrund.

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Autobiographie von Helmut Lethen: 81 Jahre deutsche Geschichte

Der Vater ein Nazi, er selbst Teil der Studentenbewegung, die Ehefrau später bei der "Identitären Bewegung" dabei: In seiner Autobiographie erzählt Helmut Lethen die Geschichte eines ereignisreichen Lebens – und gleichzeitig eine Geschichte der BRD.

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Alles da, was man von einer idealtypischen 68er-Biographie erwarten darf: Helmut Lethen hat ein westdeutsches Intellektuellenleben gelebt wie tausende andere auch, nur ein bisschen bunter vielleicht, ein bisschen aufregender, mag sein auch ein bisschen verrückter. Lethen ist acht Jahre alt, als sein Vater, NSDAP-Mitglied seit den späten Zwanzigern, im Jahr 1947 aus britischer Kriegsgefangenschaft ins heimatliche Mönchengladbach zurückkehrt. Da hat sich die Mutter längst einen Hausfreund zugelegt."Der Vater stand 1947 mit einer Büchse Kakao vor der Haustür", erzählt Helmut Lethen. "Ihren Liebhaber gab's immer noch, aber mein Vater wurde zumindest toleriert." Politik habe überhaupt keine Rolle gespielt. Sein Vater sei der geschlagene Krieger gewesen. Den Söhnen habe er geraten: "Macht nichts Politisches, verbrennt euch nicht die Finger an der Politik." Ein Rat, an den sich Helmut Lethen nicht gehalten hat.

Aber zunächst, so beschreibt er es in seinen Memoiren "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug – Erinnerungen", lässt sich der junge Mann von den Texten Albert Camus' und Heinrich Bölls beeindrucken. Alain Resnais' KZ-Dokumentarfilm "Nacht und Nebel" wird zum politischen Erweckungserlebnis im Kino. Zum ersten Mal hört Lethen vom Holocaust – 1957, zwölf Jahre nach Kriegsende. Ein Schock.

Im "Glutkern" der Studentenbewegung

Später, als der junge Mann in Westberlin studiert, müssen ihn die Street Fighting Men und -Women der Neuen Linken nicht lange überreden, bei ihnen mitzumachen. Zu Beginn sei alles noch wohlerzogen und bürgerlich gesittet abgelaufen in der Berliner Linken, erinnert sich Helmut Lethen. Das habe sich ab Mitte der 60er-Jahre geändert: "Die Radikalisierung kam eigentlich dann durch Demonstrationstechniken, die wir aus Frankreich übernahmen. Man demonstrierte in Ketten, die sich mit großer Geschwindigkeit auf die Polizeiketten zubewegten." Doch dann habe er entdeckt, dass die klügsten Leute alle in den "Argument-Club" gingen und dort über Sexualität, Herrschaft und Faschismus diskutierten. Dieser Club sei "so ein bisschen der theoretische Glutkern der Studentenbewegung" gewesen.

© Rowohlt Berlin

Buchcover von Helmut Lethens Autobiographie: "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug", erschienen bei Rowohlt.

Helmut Lethen lässt die wilden Jahre, die auf anno '67 folgten, in seinen Lebenserinnerungen nicht ohne selbstironische Distanz Revue passieren: seine Zeit bei der maoistischen KPD/AO zum Beispiel, die Mitte der 70er mit seinem Ausschluss wegen "Versöhnlertums" endete. Es folgen intellektuell ertragreiche Jahre als Professor in Utrecht und Rostock.

Lieber ein dynamisches Eheleben als Funkstille

In Rostock verliebt Helmut Lethen sich in eine um 36 Jahre jüngere Studentin namens Caroline Sommerfeld – und sie sich in ihn. Als seine Frau sich nach jahrelanger, glücklicher Beziehung 2015 plötzlich der Neuen Rechten zuwendet, ist Lethen fassungslos: Caroline Sommerfeld beginnt sich in der "Identitären Bewegung" zu engagieren. Lethen versucht die politische Neuorientierung der Gattin mit Tapferkeit zu tragen, auch mit Rücksicht auf die drei gemeinsamen Kinder. Seine Frau und er diskutieren viel miteinander, erzählt der Kulturwissenschaftler, das sei doch gut: "In welcher Ehe gibt es eine solche Dynamik der Auseinandersetzung nach zwanzig Jahren? Meistens herrscht doch Funkstille, könnte ich jetzt stolz sagen. Und dabei verschweigen, dass natürlich die Auseinandersetzungen auch Schwerarbeit sind, für uns beide. Aber wir glauben, das miteinander auszuhalten, und zwar gut – zugunsten der Kinder."

Man langweilt sich keine Sekunde bei der Lektüre der Lethenschen Memoiren. Letztlich, resümiert Lethen, habe er ein durch und durch privilegiertes Leben geführt: "Ja, ich fürchte, das muss man so sagen. Ich habe weder Flucht noch Vertreibung erlebt, es gab keine Mordgeschichten. Ich empfinde es als ein harmloses Leben und wundere mich, dass man davon Aufsehen machen kann." Das kann man – vor allem, wenn man es mit so viel uneitlem Understatement macht, wie Helmut Lethen es in seiner Autobiographie tut.

Helmut Lethens Autobiographie "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug – Erinnerungen" ist bei Rowohlt-Berlin erschienen. 384 Seiten, 24 Euro.

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