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Ausstellung "Welt im Umbruch": Die 20er Jahre damals – und heute | BR24

© Audio: BR / Bild: Lotte Jacobi Archive, University of New Hampshire Library, Durham, USA

Warum ist so ein Bild beispielhaft für die 1920er Jahre? Die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum zeigt es!

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Ausstellung "Welt im Umbruch": Die 20er Jahre damals – und heute

Die 1920 Jahre waren Zeiten des Umbruchs, die Künstler damals haben das gespürt. Die Ausstellung "Welt im Umbruch" im Münchner Stadtmuseum zeigt, was sie aus dem Wissen gemacht haben – und was ihre Kunst mit den heutigen Zwanziger Jahren verbindet.

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Von
  • Stefan Mekiska

Es gibt ein ungemeines Interesse an den 1920er Jahren, das beweisen nicht nur Serienerfolge wie "Babylon Berlin", von dem in diesen Tagen die dritte Staffel ausgestrahlt wird. Woher aber rührt dieses Interesse? Vielleicht hilft zur Erklärung der Ausstellungstitel im Münchner Stadtmuseum: "Welt im Umbruch" heißt die und blickt auf die 1920er Jahre und die Gegenwart: Was damals der aufkommende Nationalsozialismus und die wachsende Welt der Maschinen gewesen sind, spiegelt sich heute in rechtem Terror, einer erschreckenden Pandemie und einer rasant fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche.

Die Kunst vor 100 Jahren regierte auf die Herausforderungen, indem sie versuchte, Fuß zu fassen in einer Zeit, die aus den Fugen geraten war – durch die Folgen des Ersten Weltkriegs, durch gescheiterte Revolutionen, durch eine sehr unsichere Basis für die junge Weimarer Demokratie. Künstlerisch gelang das über die "Wiedergabe des Realen, oder dessen, was wir Realität nennen", sagt Ulrich Pohlmann, Kurator der Ausstellung, und erinnert an die verschiedenen Pole dieser Zeit: "Auf der einen Seite hatten wir Hocharbeitslosigkeit, zum anderen gab es aber auch die Modernisierung einer Gesellschaft. Und künstlerisch wurden sehr viele Experimente gewagt."

© Sammlung Dietmar Siegert, München / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ausschnitt aus: Herbert Bayer, Selbstporträt.

Bilder und Fotos spiegeln in der Folge einen gewissen "Maschinenkult", aber auch einen Rückzug in die Innerlichkeit auf vielen Stillleben. Die Antworten heißen Neue Sachlichkeit in der bildenden Kunst. Und Neues Sehen in der Fotografie. Die löste sich auf der einen Seite vom Expressionismus, auf der anderen Seite vom Piktorialismus, der malerischen Unschärfe der Zeit um 1900 bis zum Ersten Weltkrieg.

Zu neun Kapiteln sortiert hängen jetzt Malerei und Fotografie im Münchner Stadtmuseum einträchtig nebeneinander. Da ordnet der Fotograf Albert Renger-Patzsch auf einem Tablett Gläser zusammen, originell diagonal gestellt, während Hannah Höch in einem künstlerischen Bravourstück Trinkgefäße von oben malt – jede Spiegelung, jede Brechung des Lichts wird wiedergegeben.

Ende der Schönmalerei

August Sander fotografiert seinen Malerfreund Anton Räderscheidt 1926 auf der Straße. Räderscheidt macht aus dem Foto wiederum ein Selbstporträt in Öl. Aenne Biermann hält mit der Kamera einen verschränkten Frauenakt fest. Christian Schad malt einen Halbakt. Die Frau räkelt sich provozierend und selbstbewusst in den Kissen. "Man kann manchmal jedes einzelne Härchen auf dem Körper oder auf der Haut erkennen", sagt Ulrich Pohlmann. "Und in der Fotografie ist es ganz ähnlich: Das ist eine Darstellungsform, die alles, was abgebildet wurde, auch so realistisch wiedergibt, nichts beschönigt, nichts unterdrückt."

© Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum, Wuppertal / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ausschnitt aus: Christian Schad, Halbakt, 1929

Aber ist diese neu-sachliche Kunst wirklich so objektiv, so unparteiisch? Ulrich Pohlmann zitiert eine historische Größe der hiesigen Kunstgeschichte: "Heinrich Wölfflin, der Münchner Kunsthistoriker, hat für die Neue Sachlichkeit einmal den Begriff 'Glühendes Eis' geprägt." Das passt, denn auch durchaus parteiische Maler wie Otto Dix, George Grosz oder Georg Scholz gehören zum Rundgang.

Bei letzterem ist auf dem Bild "Deutsche Kleinstadt bei Tage" von 1923 ein feister Metzger mit Messer und behängt mit Naturdärmen zu sehen – eine Spießer-Karikatur. Und im Kapitel "Politische Montage" kämpft John Heartfield, letztlich leider ohne Erfolg, mit Foto-Collagen gegen die Nazis.

Freiheit in und durch die Fotografie

Ein eigenes Kapitel ist der auffallend erfolgreichen Münchner Fotografie-Ausstellung "Lichtbild" gewidmet, 1930 fand sie in den Messehallen über der Theresienwiese statt: "Man sieht, dass in dieser Zeit München kurzfristig wirklich zu einer Art Zentrum für die Avantgarde des Neuen Sehens geworden ist. Es ist bis heute, glaube ich, die umfangreichste Manifestation der Fotografie, die in dieser Stadt stattgefunden hat."

Mit Lotte Jacobi, Aenne Biermann, Florence Henri, Germaine Krull und vielen anderen war die Emanzipation der Frau in der Fotografie vor 100 Jahren schon weit fortgeschritten: Es war ein Beruf, in der eine Frau unabhängig werden und sich auch aus sozialen Stereotypen lösen konnte, "frei von gesellschaftlichen Zwängen", wie es Pohlmann formuliert. "Es gibt auch eine gewisse Libertinage, die mit diesem Beruf verbunden war." Die dann aber bald unter der Knute der nationalsozialistischen Diktatur enden sollte. Der Blick in die "Welt im Umbruch" vor 100 Jahren sollte für uns auf jeden Fall lehrreich sein.

Die Ausstellung "Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre" ist vom 2. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021im Münchner Stadtmuseum zu sehen. Am Eröffnungswochenende, Samstag, 3. und Sonntag, 4. Oktober 2020 ist der Eintritt in die Ausstellung frei.

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