BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Ausstellung "Von Ferne": So seltsam war die DDR | BR24

© Bayern 2 - kulturWelt

Unter dem Titel "Von Ferne" zeigt die Villa Stuck Bilder zur DDR. Präsentiert werden künstlerische Fotografien, ebenso Installationen, Objekte und Collagen. Eine zentrale Idee ist die Transformation von Bildern in neue Kontexte.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Ausstellung "Von Ferne": So seltsam war die DDR

Mit der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall wurde das Ende der DDR eingeläutet. Eine Ausstellung in der Münchner Villa Stuck zeigt Fotografien, Collagen und Installationen über ein verschwundenes Land – und lässt es wieder auferstehen.

Per Mail sharen

Noch einmal bröckelt der Putz. Ein Hinterhof im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, kaputte Hauswände, der Boden zerfurcht. Im Vordergrund ein junger Mann, nackt, androgyn wirkend, in der Hand eine Zigarette, der Blick melancholisch, versunken. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Tina Bara. Einerseits Alltag. Andererseits – im Abstand von nun über 30 Jahren – Erinnerung.

"So haben wir gelebt, in diesem Zerfall", sagt die Fotografin beim Rundgang durch die Ausstellung in der Villa Stuck. "Das kriecht natürlich auch in die Seele. Und das ruft natürlich auch Stimmungen hervor, wenn man jeden Tag in so einem Hof aufwacht. Das hat erst einmal etwas ästhetisch Reizvolles. Und wir haben das auch irgendwie geliebt und uns da drin auch eingerichtet. Aber auf die Dauer ist das keine gute Energie."

Sehnsucht nach einem anderen Leben

Tina Bara gehört zu den 18 Künstlerinnen und Künstlern, deren "Bilder zur DDR" in der Villa Stuck zu sehen sind. Bara studierte in den 80er-Jahren Geschichte in Ostberlin und fand in der Fotografie schließlich eine Gegenwelt. Die Aufnahmen, die sie zeigt, auch in einem Film, sind ihre ersten künstlerischen Arbeiten. Junge Menschen vom Prenzlauer Berg, getrieben von der Sehnsucht nach einem anderen Leben, ebenso Aufnahmen aus den höchst maroden Buna-Werken bei Halle: Sinnbilder für das ganze Land hinter der Mauer, ein spannender und auch böser Kontrast. Seit nun über 25 Jahren ist Tina Bara Professorin an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Die DDR, sagt die Künstlerin, sei mittlerweile schon ziemlich weit weg. "Ich habe mir früher nie vorstellen können, dass man einmal mal in eine Situation gerät wie unsere Eltern, dass irgendetwas 'früher' ist. Und das etwas komplett anders ist. Und dadurch, dass die Welt so viele andere Probleme heute hat und in einem so anderen Zustand ist. Wie ich immer kaum verstehen konnte, dass meine Eltern den Krieg erlebt haben, genauso fern kommt mir auch das jetzt manchmal vor."

© Tina Bara

Ein Selbstporträt von Tina Bara aus den 80er Jahren. Die Aufnahme ist in ihrem Film "Lange Weile" zu sehen.

Persönliche Blicke auf die DDR

Die ganz unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten geben nicht ein bestimmtes Bild der DDR wieder. Die Erinnerungen sind vielfältig. Der aus Japan stammende Fotograf Seiichi Furuya, der in den 80er-Jahren als Dolmetscher in die DDR kam, lässt Dias an vier Wände werfen: Da die Berliner Mauer, dort eine Wiese voller Pusteblumen, dort Transparente mit den Köpfen der greisen Staatsführung. Und immer wieder Porträts seiner Frau, die an Schizophrenie erkrankte und freiwillig aus dem Leben schied. Erasmus Schröter aus Leipzig wiederum zeigt Auszüge aus einer großen privaten Sammlung mit Echt-Foto-Postkarten aus der DDR: Blumenkübel, Neubauten, Monumente, die offizielle, zensierte Bilderwelt.

Sabine Schmid, die Kuratorin, will mit der Ausstellung unter anderem erkunden, was mit Bildern geschieht, wenn sie in neue Kontexte übertragen werden. "Diese Aneignung und die ästhetische Transformation von bestehendem Material in neue Kunstwerke hat einen ganz eigenen Zugriff. Sie erlaubt vielleicht auch andere Freiheiten, als wir es vielleicht in einem historischen Museum hätten. Gerade das sehr Persönliche, Individuelle, auch diese sehr persönlichen Standpunkte wirklich klar auszusprechen, das machen sehr viele Künstlerinnen und Künstler hier in der Ausstellung."

Bilder aus dem Stasi-Archiv

Rote Nelken für den Besten der Woche – eine der vielen bemühten DDR-Phrasen – dürfen nicht fehlen: Ulrich Wüst gestaltet besondere Leporellos, unter anderem mit öffentlichen Losungen und Parolen. Die Stasi wiederum wurde unbeabsichtigt zum Leihgeber der Ausstellung "Von Ferne". Verschiedene Künstler arbeiten mit dem Bildarchiv des Überwachungsapparates. Jens Klein, Fotograf in Leipzig, präsentiert eine Bilderserie mit sogenannten "Hetzschriftenballons": Ballons, die vom Westen über die Mauer geschickt wurden und Flugblätter in den Osten brachten.

Die Stasi, so erzählt der Künstler, hat die aufgespürten Exemplare abgelichtet und akribisch verzeichnet, auch mit der Windrichtung. "Diese Ballons gab es nur deswegen, weil es die innerdeutsche Grenze gab. Und weil diese Ballons die Grenze überwinden konnten. Und die sind ein Symbol für mich geworden, ein bildgewordenes Symbol. Das könnte auch Land Art sein. Ein Künstler, der diese Objekte in der Landschaft drapiert und davon Fotos gemacht hat, als Performance oder Land Art."

Jens Klein erzählt, er habe die Bilder dieser Ballons zufällig im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde entdeckt. Er präsentiert sie und die Geschichte dahinter anstelle eigener Arbeiten. Nicht nur am Beispiel dieser Serie wird deutlich, wie die Ausstellung "Von Ferne" funktionieren kann. Es geht zum einen um die weniger bekannten Geschichten hinter den Zeitläuften: um Geschichten, die noch immer erzählt werden sollten. Zum anderen geht es um das Nachdenken über die Frage, was für ein merkwürdiges Land die DDR eigentlich gewesen ist. In beiden Fällen gibt es dankbare Anstöße.

© Simon Menner, BStU

Ein zerstörtes Bild: Der Berliner Fotograf Simon Menner zeigt Fotografien aus dem Stasi-Archiv. Sie wurden zerrissen und später rekonstruiert.

Die Ausstellung "Von Ferne. Bilder zu DDR" ist bis zum 15. September in der Münchner Villa Stuck zu sehen. Begleitend zur Ausstellung ist – in der Buchhandlung Walther König – ein Begleitbuch erschienen, mit Essays unter anderem von der in der DDR verbotenen Schriftstellerin Gabriele Stötzer.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!