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Wie Thomas Manns politische Biografie heute inspirieren kann | BR24

© BR/Picture alliance/AP Images

Es dauerte, bis sich Thomas Mann explizit zur Demokratie bekannte, dann aber umso vehementer. Im Literaturhaus München wird seine politische Biografie nun zum Vorbild für eine zeitgemäße demokratische Lebensform.

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Wie Thomas Manns politische Biografie heute inspirieren kann

Es dauerte, bis sich Thomas Mann explizit zur Demokratie bekannte, dann aber umso vehementer. Im Literaturhaus München wird seine politische Biografie nun zum Vorbild für eine zeitgemäße demokratische Lebensform.

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Das Licht der Scheinwerfer suggeriert kalifornische Sonne. Lange Schatten fallen auf eine hohe weiße Fassade, die nach oben hin offen bleibt. Die Palmen auf der Fotowand wachsen so tatsächlich im Garten des Anwesens 1550 San Remo Drive. Hier, in Pacific Palisades in Los Angeles, hatte Thomas Mann 1941 ein Haus im Bauhausstil errichten lassen. Als abstrahierter und nicht abgeschlossener Nachbau mit Wohn- und Arbeitszimmer und Terrasse zum Garten steht es jetzt im Literaturhaus München. Ein großes Symbol für ein großes Thema und eine große literarische Autorität. Und für deren Verhältnis zueinander, erklärt Heike Mertens vom Thomas Mann House in LA: "Ich glaube man kann das Haus in seiner Architektur durchaus als ein transluzentes Bekenntnis Thomas Manns zu der offenen demokratischen Gesellschaft, die er in den USA als Zufluchtsort angetroffen hat, bewerten. Er selber war jetzt sicherlich kein Anhänger der modernen Architektur. Gleichwohl ist es ein Zeichen auch der Anpassung an die Gesellschaft vor Ort, ein Ankommen. Und ein wirkliches Bekenntnis zur Demokratischen Kultur."

Ein Haus als Symbol für ein demokratisches Bekenntnis

Es ist keine einfache Aufgabe, die sich Heike Mertens, Leiterin des Thomas Mann Hauses und Tanja Graf vom Literaturhaus München mit der Ausstellung "Democracy will win – Thomas Mann" gestellt haben: Anhand der politischen Biografie des Autors demokratische Haltung vor Augen führen und ihren Wert auch für unsere Tage spürbar werden lassen. Umso überzeugender meistern sie sie mit einer kreativen Ausstellungsgestaltung und einem schlüssigen kuratorischen Konzept, das Tanja Graf so erklärt: "Wir nehmen das Haus als Symbol und beleuchten einmal den Demokratiebegriff am Beispiel Thomas Manns. Bekanntlich hatte er ja einen etwas verschlungenen Weg, bis er zum bekennenden Demokraten wurde und das fand ich besonders interessant, weil wir uns in der Gegenwart ja auch damit beschäftigen, dass Demokratie nicht mehr so selbstverständlich ist, wie uns das jahrzehntelang erschienen ist."

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Thomas Mann am Schreibtisch, sechzehn Jahre bevor er ins Exil ging und sich zum Schreiben in seine moderne Villa in Pacific Palisades zurückzog.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Weg vom "unpolitischen" Autor in Deutschland zum vehementen Verfechter der Demokratie im amerikanischen Exil, Pacific Palisades, um 1944.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Wenn er Zeit hat, nimmt der Literaturnobelpreisträger mit Witz und Neugier am Treiben seiner Familie teil. 1946 mit Tochter Elisabeth im Garten.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Thomas Mann hat einen Blick für das Schöne in seiner Umgebung.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Weil Sprechen immer auch "Handeln" ist, hat das Kuratoren-Team u.a. Thomas Manns BBC-Reden in Audio-Auszügen versammelt.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Als Demokrat geht es darum, "Bekenntnis" abzulegen: Bei Thomas Mann war es die explizite Absage an Deutschland 1936 durch den Rückzug ins Exil.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

In Thomas Manns Werken findet sich in mehreren Figuren ein starker Bezug zur Person Katia Mann.

© ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Das Haus als Symbol für die Anpassung an die Gesellschaft vor Ort, für das Bekenntnis zur Demokratischen Kultur. Foto aus der Zeit 1942 - 1952.

© Marion Bösker von Paucker

"Bekenntnis" und "Handeln" entsteht aus einem Gefühl der "Verantwortung". Reden ist in diesem Fall Handeln.

Anhand von fünf Begriffen hat Tanja Graf mit ihrem Team thematische Schneisen durch eine Autorenbiografie geschlagen, macht diese zugleich zu zentralen Achsen demokratischer Bewegungen seit den 1960er Jahren und somit zur Verbindung der beiden Ausstellungsteile. Es war Thomas Manns "Herkunft" – so der erste Begriff – aus einflussreicher Kaufmannsfamilie, die entscheidend war für seine anfängliche Skepsis gegenüber demokratischen Bestrebungen. Soziale Herkunft prägt auch heute noch, ob ein Mensch überhaupt politisch entscheidungsmächtig ist oder nicht. Fotos Thomas Manns Weg vom "unpolitischen" Autor in Deutschland zum vehementen Verfechter der Demokratie im amerikanischen Exil war immer auch Reaktion auf den "Zeitgeist" – am deutlichsten auf den Nationalsozialismus.

Haltung gegenüber Radikalisierungsbewegungen, damals wie heute

Genauso sieht sich der demokratische Bürger unserer Tage vor den neuen Radikalisierungsbewegungen gezwungen, Haltung zu beiziehen. Also – so der dritte Begriff – "Bekenntnis" abzulegen. Bei Thomas Mann war es die explizite Absage an Deutschland 1936 und der Gang ins Exil. In der Geschichte der Demokratiebewegungen sind solche Bekenntnisse Sätze wie "Ich bin ein Berliner" oder "Wir schaffen das". Und weil Sprechen immer auch "Handeln" ist, hat das Kuratoren-Team unter diesem Schlagwort unter anderem Thomas Manns BBC Reden in Audio-Auszügen versammelt.

Für die jüngere Demokratiegeschichte zitieren sie hier in Bild und Ton Willy Brandts Kniefall in Warschau oder den Blumenstrauß-Wurf von Susanne Henning-Wellsow gegen Thomas Kemmerich in Thüringen. Schließlich geschieht beides – "Bekenntnis" und "Handeln" – aus einem Gefühl der "Verantwortung", das letzte Schlagwort in der Ausstellung.

Thomas Mann hat diese genauso auf sich bezogen, wie auf das deutsche Volk und seine moralische Verantwortung für die Verbrechen des Nazi-Regimes. Aber auch auf die politischen Entwicklungen im Amerika der 1950er Jahre.

© picture alliance/Christoph Soeder/dpa

Igor Levit mit Luisa Neubauer beim Klimaprotest

Heute zeigen Künstler wie Igor Levit Verantwortung. In kurzen Tweeds vielleicht mit weniger elaborierten Worten als Thomas Mann, aber mit nicht weniger Breitenwirkung. Eher mehr!

Arbeit an der Demokratie als Mediengeschichte

Um diese Wirkung geht es auch in der Ausstellung, sagt Tanja Graf: "Dazu dienen natürlich diese ikonischen Bilder, dass die unseren Nerv treffen und dass sie uns etwas vor Augen führen, dass wir sagen, natürlich wir müssen hier aufpassen, wir müssen hier Verantwortung übernehmen, wir müsse für andere gerade stehen, wir müssen zusammenhalten."

Arbeit an der Demokratie "in Gedanken und Gefühl", hatte Thomas Mann einst anvisiert. Beides beherzigt die Ausstellung. Durch die kluge Mischung aus Dokumenten und Audio-Material im ersten, auf Thomas Mann bezogenen Teil, und aus Filmen und Animationen zur jüngeren Geschichte im zweiten Teil, zeigt sie zudem auch: Die Frage nach der Art, Differenzierung und Wirkung eines demokratischen Bekenntnisses ist immer auch eine des Mediums. Sprache, Sound, Bild und Musik können kräftige Stimmen für – genauso wie gegen – die Demokratie werden. Genau für dieses für brauchen wir sie.

Die Ausstellung "Democracy will win! - Thomas Mann" im Literaturhaus München, noch bis 4.10.20 (nach derzeitigem Stand)

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