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© Sheela Gowda
Bildrechte: Sheela Gowda

Arte Povera auf indisch: Die Kunst von Sheela Gowda ist voll politischer Sprengkraft

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Darum ist Kuhdung für die Künstlerin Sheela Gowda politisch

Kuhdung, Gewürze, Menschenhaar: Das sind die Materialien der indischen Künstlerin Sheela Gowda. Nach der Corona-Zwangspause der Museen ist ihre große Einzel-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus nun endlich geöffnet.

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Von
  • Christine Hamel

Der erste Impuls: Man möchte Ordnung schaffen in diesem Kuddelmuddel. Hier ein Knäuel, dort ein Haufen dunkler Seile, an der Wand hängen Gespinste und einzelne Schlaufen wild durcheinander, dazwischen halten die Seile hier und da verchromte Stoßstangen. "Behold" heißt die Arbeit der 1957 geborenen, im südindischen Bengaluru lebenden Künstlerin Sheela Gowda: Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Seile aus Haar geflochten sind. 4000 Meter handgedrehtes Menschenhaar, das die indische Künstlerin zufällig auf einem Markt fand.

Menschenhaar, das Autos schützt

"Die Seile sind aus dem Haar von vielen Tausend Menschen gemacht, die es als Opfergabe an Pilgerstätten hinterlassen haben. Diese Haarseile werden als Talisman benutzt, man bindet sie um die Stoßstange eines Autos, um Kühe oder andere Dinge", erklärt die Künstlerin. "Der Brauch, Haar, das den Göttern geopfert wurde, an Stoßstangen zu binden, steckt voller Ironie. Es geht darum, dass das Opfer schon von der Frau erbracht wurde, die sich ihr Haar abgeschnitten hat. Dadurch entsteht der Schutz. Es ist die kollektive Stärke der Haare, die etwas industriell Gefertigtes halten."

© © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer
Bildrechte: © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer

Seile, gedreht aus schwarzem Frauenhaar: Die Installation "Behold" (2009)

Die Ausstellung "It..Matters" im Münchener Lenbachhaus zeigt Installationen, bei denen Stangen, Teerfässer, Seile, Gewürzmahlsteine, Kuhdung oder flache Schalen auf dem Boden lagern oder in den Raum wuchern. Arte povera, indisch, mit einer stillen Sprengkraft, die in den ideologischen Attacken der Arbeiten steckt. "Untitled – Cow Dung" ist eine von Sheela Gowdas ersten Installationen zu Beginn der 90er Jahre, mit denen sie die figürliche Ölmalerei hinter sich lässt. Hunderte handtellergroße Kuhdung-Fladen, ein paar Kugeln und Brickets.

Kuhdung ist politisch

Dann hatte sie angefangen, mehr über ihre Arbeit nachzudenken, erzählt Sheela Gowda. "Ich wollte wissen, was ich in welchem Kontext ausdrücke und was meine Antwort ist auf eine immer mehr rechtsgerichtete Politik. Ich fand dann eine Lösung in Kuhdung." Der finde in Indien vor allem in den Dörfern Verwendung und werde meist von Frauen verarbeitet. "Ich mag all diese Bezüge und Verweise, aber ich arbeite mit Kuhdung tatsächlich politisch." Denn: Rund um die Kuh gebe es heute viel Gewalt, man nutze sie zur Stimmungsmache. "Das ist natürlich besondere Ironie, dass ein Symbol der Friedfertigkeit zur Ursache von Gewalt wird.", betont Sheela Gowda. Kuhdung als Verweis auf Hindu-Nationalismus und eine spalterische Politik, die den inneren Zusammenhalt Indiens massiv bedrohen. Bei allem metaphorischem Gehalt bewahren Sheela Gowdas alltägliche und einfache Materialien aber immer ihren Rückbezug zur Realität, der sie entnommen wurden.

© © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer
Bildrechte: © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer

Was hat mehr Gewicht? Industrielle Produktion oder traditionelles Handwerk? Die Arbeit "What yet remains" (2017)

Gowdas raumgreifende Installationen funktionieren wie ein Brennspiegel, in dem sich die Entwicklungen des Subkontinents konzentrieren und kritisch hinterfragt werden. Die Wechselwirkung von Tradition und Moderne zum Beispiel, der verheerende Triumph industrieller Produktion über traditionelles Handwerk oder die Spannung zwischen Metropolen und Dörfern.

Die Wechselwirkungen von Tradition und Moderne

"Someplace" ist ein Gerüst aus Metallrohren, die in verschiedenen Höhen und Längen kreuz und quer durch den Raum führen. An den offenen Rohrenden hört man Radio auf Kannada, der offiziellen Sprache des Bundesstaates Karnataka, gesprochen von Millionen. Eine sinnliche Erinnerung an die Zusammenflüsse der Kulturen. Als Künstlerin sei es wichtig, einen Standpunkt von Außen einzunehmen, einen Schritt zurückzutreten, um eine größere Perspektive zu gewinnen und Objektivität, meint Sheela Gowda. Es gehe darum, Vernunft in den eigenen Überzeugungen walten zu lassen, Fragen zu stellen und zu widerstehen. "Das ist die Rolle der Künstlerin – unabhängig von der eigenen Kultur."

Das Münchner Lenbachhaus zeigt die Ausstellung "Sheela Gowda. It..Matters" noch bis 18.Oktober 2020.

© © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer
Bildrechte: © Sheela Gowda. Photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer

"Darkroom 2006." Teerfässer, Metallplatten aus Teerfässern, Asphalt, Spiegel

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