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Warum São Paulo jeden Abend die Stadtautobahn für Autos sperrt | BR24

© Bayern 2

20 Millionen Menschen wohnen in São Paulo, die Luft ist schlecht, der Verkehr extrem und legaler Wohnraum Mangelware. Doch die brasilianische Megacity ist mit städtebaulichen Projekten auch Vorzeigestadt. Das zeigt jetzt eine Ausstellung in München.

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Warum São Paulo jeden Abend die Stadtautobahn für Autos sperrt

Die Luft ist schlecht, der Verkehr extrem und Grün gibt es kaum in São Paulo. Die Ausstellung "Zugang für alle" in München zeigt, wie die brasilianische Megacity trotzdem Lebensqualität schafft – und was sich deutsche Städte davon abschauen können.

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Der Besucher bleibt, noch bevor er die Ausstellung betritt, vor einer Infografik stehen. Kurator Daniel Talesnik macht deutlich, wie unterschiedlich zwei Städte sind: In São Paulo leben 12 Millionen Menschen, in München nur 1,4 Millionen, also ein Neuntel. Trotzdem sind die Grünflächen in München sieben Mal so groß wie dort – und das Radwege-Netz ist dreimal so lang.

Gebäude, die Leben durch- und zulassen

In der brasilianischen Megacity war in den letzten Jahrzehnten also der Druck viel stärker, den Mangel an öffentlichem Raum und freien Plätzen durch pfiffige architektonische sowie städtebauliche Lösungen auszugleichen. Entstanden sind so seit den 60er-Jahren Gebäude, die man als durchlässig zum Leben auf der Straße bezeichnen kann, die mit dem Blick auf soziale Nachhaltigkeit entworfen wurden.

Die Ausstellung beginnt mit fünf großen multiprogrammatischen, frei zugänglichen Gebäuden, die alles für alle bieten – und zwar vertikal gestaffelt, weil São Paulo eine verdichtete Stadt ist und man kaum in die Breite bauen kann, sondern in die Höhe gehen muss. Beim "SESC 24 de Maio"- Gebäude etwa beginnt das im Keller mit einem Theater, auf Straßenniveau gibt es eine offene Fläche – und darüber setzt sich das Gebäude auf Stelzen fort, es folgen aufsteigend Restaurants, Aufenthaltsräume, eine Bücherei, eine Etage für Ausstellungen, eine Zahnklinik, ein Stockwerk für den Sport, ein ganzes Geschoss zum Tanzen und auf dem Dach sitzen schließlich übereinander noch zwei Badebereiche mit Swimmingpools.

© Ciro Miguel 2018

Avenida Paulista: für Fahrzeuge gesperrt am Sonntag, São Paulo

© Ciro Miguel 2018

Dachgarten des Centro Cultural

© Ciro Miguel 2018

MASP (Museo de Arte de São Paulo)

© Ciro Miguel 2018

Centro Cultural, São Paulo

© Ciro Miguel 2018

Der “Strand” im SESC Pompéia

© Ciro Miguel 2018

Minhocão

© Ciro Miguel 2018

CEU Inácio Monteiro

© Danilo Zamboni 2018

CEU Inácio Monteiro

© Danilo Zamboni 2018

SESC Pompéia, São Paulo

Die Infrastruktur kompensiert das gnadenlose Wachstum der Stadt

"Viele Städte auf der Welt jagen immer noch dem Bilbao-Effekt hinterher – der die baskische Stadt durch sein Guggenheim-Museum radikal verändert hat. Viele Touristen kommen und wollen dieses famose Gebäude von Frank Gehry sehen. Das hat großen Einfluss auf den Rhythmus der Stadt. In São Paulo ist es anders", erklärt Kurator Daniel Talesnik. "Dort geht es bei den Gebäuden, die wir ausgewählt haben, um die innere Struktur der Stadt, um das Leben der Menschen, die dort wohnen und ganz andere Interessen haben als jene, die von außen kommen. Es geht uns also um Infrastruktur, die das gnadenlose Wachstum der Stadt kompensiert, sie lebenswerter macht und für positive Energien sorgt."

Faszinierend sind alle der 15 ausgewählten Projekte, darunter auch der berühmte Ibirapuera-Park von Oscar Niemeyer mit seinen organisch geschwungenen Dächern auf Stelzen. Interessant auch der Umgang mit öffentlichen Straßen. Die Stadtautobahn Minhocão wird jeden Abend ab halb zehn und immer sonntags für Autos gesperrt. Allein Fußgänger und Flaneure dürfen sich dort noch bewegen – und so finden Picknicks, Konzerte, Flohmärkte, Sport-Veranstaltungen, Partys und Theateraufführungen statt. Gleiches gilt für die Avenida Paulista. In der Ausstellung zeigen Fotos die unterschiedlichen Seins-Zustände – mal sieht man die Straßen voller Autos, mal voller Menschen.

Projekte, an denen sich München orientieren könnte

Kurator Daniel Talesnik hat auch in München nach vergleichbaren Gebäuden und Orten des Miteinanders gesucht. Gefunden hat er nichts. Allenfalls den Gasteig, der viele Voraussetzungen für ein offenporiges, eben durchlässiges und multiprogrammatisches Haus habe, aber zu wenige Menschen anziehe. Talesnik meint, auch deutschen Städten würden Orte und Gebäude, wie sie São Paulo bietet, durchaus gut tun.

Die Ausstellung "Zugang für alle. São Paulos soziale Infrastrukturen" ist bis 8. September im Architekturmuseum der TU München der Pinakothek der Moderne zu sehen.

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In der Megacity Sao Paulo mit 12 Millionen Einwohnern erobern sich die Menschen gerade ihre Räume. Und zwar auf sehr kreative Weise, mit der Hilfe von Stadtplanern.