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Wie Brechts Rundfunk-Theorie die moderne Kunst inspiriert hat | BR24

© Lenbachhaus © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 für Lothar Fischer, Heimrad Prem, Helmut Sturm, HP

Gruppe SPUR: Architekturmodell SPUR-BAU, Gemeinschaftsarbeit der Gruppe SPUR, 1963,

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Wie Brechts Rundfunk-Theorie die moderne Kunst inspiriert hat

Das Radio werde kontrolliert, kritisierte Bertolt Brecht vor gut 100 Jahren. Zudem sollten nicht nur Rezepte und Wiener Walzer gesendet werden. Das Münchner Lenbachhaus zeigt nun wie diese klugen Medien-Analyse auf die Moderne Kunst gewirkt hat.

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Vier Gemälde gibt es im ersten Raum von Radio-Aktivität zu sehen. Bildnisse der sogenannten Neuen Sachlichkeit aus den 20er-Jahren des vergangen Jahrhunderts, in kühlen Farben gehalten. Im Zentrum steht jeweils ein vereinzelter Radio-Hörer, damals ein brandneues, hochaktuelles Phänomen. Alle tragen Kopfhörer mit kurzen Antennen, um den Rundfunk empfangen zu können.

Arbeiter und Bürger beim Radiohören

Erst beim genaueren Hinsehen ergibt sich: Der Eine ist ein Arbeiter – im Hintergrund ragt ein Fabrikschlot auf. Ein anderer verkörpert den Typus des Bastlers, inmitten von Topfpflanzen hat er sich selbst gerade ein Empfangsgerät gebaut.

Und dann sind da noch zwei Bürger, die sich dem Konsum des neuen, magischen Kanals hingeben, wie der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan das genannt hätte. Die Bürger, beide übrigens Brillenträger, verknüpfen das Radio-Hören mit weiteren Genüssen, mit Alkohol und Tabak-Konsum. Einer von ihnen sitzt nackt auf einem Stuhl und blickt den Betrachter mehr als selbstbewusst an, der andere lauscht in sich gekehrt, ein Textbuch in der Hand, offenbar einer Opernübertragung. Radio-Macher haben uns gesagt, hier werde noch aufmerksam zugehört, erläutert Kuratorin Stephanie Weber vom Lenbachhaus.

„Glotzt nicht so romantisch!“

Im zweiten Raum hängen Rudolf Schlichters ikonische Gemälde von Bertolt Brecht und Helene Weigel an der Wand. Es ist der Brecht, der in den 20er-Jahren das Motto „Glotzt nicht so romantisch“ ausgibt. In seiner Radio-Theorie beschäftigt sich der Autor kritisch mit dem neuen Medium und erörtert drei wesentliche Dinge: Erstens, das Medium muss befüllt werden. Mit welchen Inhalten? Das ist und bleibt die Frage bis heute. Zweitens, die Hörer sollten idealerweise zurücksenden können, sie dürfen nicht zu passiven Konsumenten werden. Und Drittens, das Radio gehört nicht allen. Das, so Brecht, wäre besser anders. Natürlich erinnern die Probleme und Fragen des Radios von damals genau an das, was heute ebenfalls als Rundfunk bezeichnet wird, nämlich was im Netz stattfindet.

© Foto: Lenbachhaus © Wilhelm Heise bzw. Rechtsnachfolge

Wilhelm Heise: Verblühender Frühling – Selbstbildnis als Radiobastler, 1926

© Foto: Lenbachhaus © Ernst Moritz Engert bzw. Rechtsnachfolge

Ernst Moritz: Radio, 1933

© Foto: Lenbachhaus © Viola Roehr-v. Alvensleben, München

Rudolf Schlichter: Bertolt Brecht, um 1926

Arbeiter-Radio und andere Emanzipationsbewegungen

Leider bleiben hier Kunstwerke, die sich mit der jüngsten, der digitalen Form des Rundfunks auseinandersetzen oder sie spiegeln, außen vor, stattdessen zeigt das Lenbachhaus, wie Brechts Radio-Theorie von Avantgarde-Künstlern der klassischen Moderne wie John Heartfield und George Grosz aufgegriffen und weitergedacht wird. Heartfield macht sich deshalb vor allem für die Arbeiter-Radio-Bewegung stark. Zu sehen sind in weiteren Räumen Kunstwerke der Münchner Gruppe Spur sowie der Situationisten, die im Kollektiv Sender-Empfänger-Probleme und hierarchische Strukturen - nicht nur der Kunst - auflösen wollen.

An einer neuen Sprache, eine weitere Folge der Brecht’schen Radio- und Medientheorie, sind dann die feministischen Künstlerinnen der 70er-Jahre interessiert. Sie forderten neue Formen des Schreibens wie des Sichtbarwerdens, denn nur wer sich in seiner eigenen Sprache vermitteln kann, bleibt authentisch und unterwirft sich nicht den Regeln und Normen der Machthaber, einem von außen geleiteten Diskurs.

Auch die Anti-Psychiatrie ist vertreten

Verdienstvoll auch, was die Anti-Psychiatrie, eine emanzipatorische Wissenschaftsbewegung der 60er- und 70er-Jahre, aus Brechts Gedankengebäude heraus liest und wie das zur Verbesserung der Situation psychisch Kranker führt, zu einem besseren, weil humanem Umgang mit seelischen Leiden. Auch die Anti-Psychiatrie wird in der Radio-Aktivität-Ausstellung mit einigen Exponaten gewürdigt.

Die Stärke dieser Ausstellung ist ihr größtes Manko. Brechts Radio-Theorie ist nur eine von vielen Medien-Betrachtungen, wenngleich eine sympathische. Brecht war aus Augsburg, aus Bayern, er steht uns also nah, aber es hat auch die italienischen Futuristen gegeben und ihren umstrittenen Chefideologen Filippo Tommaso Marinetti, der ebenfalls große Hoffnungen mit dem neuen Apparat verband, um ein Gegenbeispiel zu nennen. Stephanie Weber ist sich des Dilemmas bewusst. Jede Ausstellung sei ein Angebot, sagt sie, man hätte es auch anders machen können.

Das Beste kommt erst noch

Und so entpuppt sich die Radio-Aktivität-Ausstellung im Lenbachhaus als künstlerischer Gemischtwarenladen, der in Bildern, Gemälden, Audio-Dokumenten und Filmschnipseln um die emanzipatorischen Effekte des Radios und um Brechts Radio-Theorie kreist. Das Tollste aber kommt wahrscheinlich erst noch: Es sind die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler, die den größten Raum bespielen werden, mit Lectures, Performances und diversen Radio-Sendungen.

Die Ausstellung Radio-Aktivität läuft bis 23. August 2020 im Lenbachhaus

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