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"Ich als Mensch" zeigt Miriam Cahns radikale Kunst | BR24

© Markus Mühlheim / Mit freundlicher Genehmigung von Miriam Cahn, Galerie Meyer Riegger und Galerie Jocelyn Wolff

Ausschnitt aus einem Werk von Miriam Cahn ohne Titel, vom 8.7.18, Pastel und Stoff auf Papier, 28 x 32 cm

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"Ich als Mensch" zeigt Miriam Cahns radikale Kunst

Sie brütet nicht über Bildern, die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn malt drauflos: So entstehen sinnliche und explizite Werke. Das Münchner Haus der Kunst zeigt in der Ausstellung "Ich als Mensch" Cahns überwältigende, zutiefst feministische Arbeit.

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„In meinem Werk ist jeder Tag wichtig“, notierte Miriam Cahn einmal und umriss damit ihre unbedingte, am Geschehen orientierte Malleidenschaft. Ihre expressionistischen, bisweilen zu giftiger Farbblüte ausholenden Bilder stellen Fragen: zu Krieg, Flucht und Vertreibung, zu gesellschaftlichen Normen und Rollenzuschreibungen, zu Sex, Lust, Macht und Leben und Tod. "Für mich ist das unabdingbar", sagt Miriam Cahn, "dass ich nicht nur auf mich, auf das Ich schaue, sondern eben auch auf die Umwelt, auf die Umgebung, wie die Umgebung ist."

Eine Ausstellung wie ein Akku

"Ich als Mensch" ist der Titel der umfassenden Werkschau, die das Münchener Haus der Kunst der Schweizer Malerin widmet. Eine Ausstellung wie ein Akku. Sie ist vital, energiegeladen, trotzig, kraftvoll, zumutend, aufklärerisch und feministisch. „Die Kriegerin“ heißt das Bild einer Frau mit dunkel lodernden Augen und knallroten Lippen, die nur so strotzt vor konzentrierter Entschlossenheit. Ein grelles Gelb, das Kopf und Schultern umgibt, verstärkt den Eindruck des Trotzes. Man steht der Kriegerin, die einen Helm zu tragen scheint, wie nahezu allen anderen Figuren Miriam Cahns, auf Augenhöhe gegenüber – ein Bild mit der ruhigen Kraft einer Ikone.

"Also wenn man jetzt so wie ich von der Performance der 70er Jahre das mitbekommen hat," sagt Miriam Cahn, "dann ist der Körper das Zentrum. Das Werkzeug. Das Denkende sozusagen. Die Hände. Ich denke mit den Händen, aber nicht nur mit den Händen, sondern mit dem Ganzen, also auch mit dem Hirn. Und in dem Moment stellt sich natürlich mit der Politik, die hinten dran ist, die Frage: Was machen Frauen, was machen Männer? Ist das denn körperabhängig oder nicht."

Was ist erotisch, was pornografisch?

Miriam Cahn spielt mit sexuellen Rollenmustern und Identitätsvorstellungen, oft gehen die Formen fließend ineinander über wie etwa in dem Bild „Äffin“, das aus einer durchgehenden Malbewegung zu bestehen scheint, die ein Zwitterwesen mit angezogenen Beinen und entblößtem weiblichen Geschlecht umkreist. Doch so fluide Körper mit Körpern oder mit ihrer Umgebung ineinander übergehen mögen, und so provisorisch der Auftritt schemenhafter Mischwesen erscheint: Die Fragestellungen, die sich hinter den Bildern verbergen, sind von bohrender Radikalität und Explizität. Etwa in dem Bild einer blau verschleierten, aber entblößten Frau mit rot aufleuchtenden Brustwarzen und angeschwollener Klitoris, die forsch den Blick erwidert. Der weibliche Akt ist eine Antwort auf das berühmte Bild „L‘origine du monde“ von Gustave Courbet, „Der Ursprung der Welt“, in dem das Geschlecht der Frau offenliegt, aber ihr Kopf unter einem Laken verschwunden ist.

© Markus Mühlheim / Mit freundlicher Genehmigung von Miriam Cahn, Galerie Meyer Riegger und Galerie Jocelyn Wolff

Miriam Cahns weiblicher Akt bezieht sich auf das berühmte Bild „L‘origine du monde“ von Gustave Courbet - doch Cahn gibt der Frau eine Identität.

"Das Zurückschauen", so Miriam Cahn, "das entspricht der Augenhöhe. L’origine du monde ist ein unglaublich tolles Bild und gleichzeitig pornografisch. Und was ist der pornografische Teil? Das ist, weil die Frau eigentlich gar kein Individuum ist, weil sie keinen Kopf hat. Und da hab ich gedacht: Wie sieht‘s denn aus, wenn L’origine du monde zurückschaut? Ist das dann immer noch erotisch oder pornografisch? Und wie ist das, wenn man die Klitoris überdeutlich darstellt, die ja beim Courbet auch nicht sichtbar ist. Und wie ist das noch in Kombination mit der Burka-Diskussion? Also da sind fast ein wenig viel Sachen reingepackt für meinen Begriff, aber das ist ok. Das ist heute so."

Zwischen radikalem Feminismus und verspielter Frauenpower

Neben den Körperbildern, die zwischen radikalem Feminismus und verspielter Frauenpower oszillieren, zeigt die Ausstellung großformatige Kohlezeichnungen aus dem Frühwerk, eine Serie mit bunt leuchtenden Atompilzen und Bilder, die Flucht und Vertreibung thematisieren und dem existenziellen Kampf ums Überleben auf den Grund gehen.

Der Malakt ist bei Miriam Cahn kein Brüten über den Bildern, sondern ein schnelles, energiegeladenes Formfinden für aktuelle Geschehnisse und Zeitphänomene. Dabei geht es ihr auch um das Zusammenspiel von Fassungslosigkeit und Faszination, sagt Miriam Cahn: "Das ist überhaupt meine Auffassung von Kunst. Man macht je nachdem sehr schöne Bilder mit grausamen Hintergründen. Dann kommt ein Denken her, was heißt das eigentlich, und das finde ich so etwas vom grundsätzlich Interessantesten an der Kunst, ist es denn das, was da ist, wirklich das, was da ist." Sinnliche Denkbilder, die hinterfragen und anregen und manchmal überwältigen mit ihrer ganzen Mallust.

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