BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Warum Wandteppiche nicht schwer, muffig und verstaubt sind | BR24

© Bayern2 kulturWelt

Bei Wandteppichen denken viele an abgehangene ausgebleichte Motten-Nester an den Wänden mittelalterlicher Thronsäle. Die Kunsthalle München kämpft gegen das Image an – mit knalligen Farben, modernen Formen und tiefen Inhalten.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum Wandteppiche nicht schwer, muffig und verstaubt sind

Bei Wandteppichen denken viele an abgehangene ausgebleichte Motten-Nester an den Wänden mittelalterlicher Thronsäle. Die Kunsthalle München kämpft gegen das Image an – mit knalligen Farben, modernen Formen und tiefen Inhalten.

Per Mail sharen
Teilen

Es mag Ausstellungen mit mehr Objekten in der Münchner Kunsthalle gegeben haben – aber wohl keine, die so viele Arbeitsstunden vereint wie diese: Mehr als 60 großformatige Wandteppiche zeigt die Schau, der Akzent liegt dabei auf Arbeiten aus der Zeit ab 1960. Denn Tapisserie und Moderne schließen sich eben nicht aus, sagt Kuratorin Carina Kaminski.

Da ist etwa ein Wandteppich von Joan Miró. Auf tiefschwarzem Grund mit enormer Sogwirkung liegt ein roter Kreis, daneben formiert sich ein weißer kalligraphischer Strich wie ein Faden zum Umriss eines Stiers. Anspielungen an den spanischen Stierkampf, bei dem ein Stück rotes Textil eine zentrale Rolle spielt, aber auch an Japan, erinnert der extrem hohe und schmale Teppich doch an japanische Rollbilder.

"Man möchte das gerne anfassen"

Von Victor Vasarely sind Teppiche in Velours-Technik zu sehen; da jegliche Spiegelungen ausgeschlossen sind funktionieren seine optischen Spielerein hier fast noch besser als in gemalter Form: "Ich finde, dass die Tapisserien und Teppiche eine ganz andere Wärme ausstrahlen, man möchte das auch gerne anfassen, man fühlt sich dem näher. Das sind ja auch Teppiche, also Gebrauchsgegenstände. Bei einem Gemälde würde man weniger auf die Idee kommen das anfassen zu wollen.", meint auch Kuratorin Kaminski.

© Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Isabelle Bideau

Detail aus einem Wandteppich von Henri Matisse

Immer wieder erstaunlich: Wie es trotz der Zwänge des Webens, also dem Drunter und Drüber von Kett- und Schussfaden gelingt, die gestische Spontaneität eines Pinselstrichs nachzuahmen – etwa in einem Wandteppich von Raoul Dufy, der nichts weniger Rasterhaftes zeigt als die Wellen des Meeres. Denn ein Raster liegt dem Weben nun mal zugrunde, vergleichbar etwa mit den Pixeln eines digitalen Bildes.

Bei all dem sind die Tapisserien keine gewebten Kopien bekannter Gemälde: Es sind stets eigenständige Entwürfe, die auf die Produktion und das eigene Medium Bezug nehmen. Picasso hat für seine "Frauen bei ihrer Toilette" extra viele Stoffmuster untergebracht, die nun tatsächlich wieder als Textil an der Wand prangen.

© Alain Séchas / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Isabelle Bideau

Detail aus einem Wandteppich von Alain Séchas

Die gezeigten Arbeiten stammen sämtlich aus dem "Mobilier national", einer französischen Einrichtung, die die staatlichen Gobelin-Manufakturen unter sich vereint. Hier wird nicht etwa für den Verkauf gearbeitet, nein, der französische Staat beauftragt sich selbst. Nebenbei bildet er aus und sorgt so langfristig dafür, dass das Fachwissen zum Beispiel auch für Restaurierungen und Rekonstruktionen alter Gobelins erhalten bleibt.

Warum die Tradition in Frankreich hoch gehalten wird

Präsentiert werden die Objekte in staatlichen Institutionen, die in Frankreich vorzugsweise in historischen Palais untergebracht sind, man denke nur an den Elysée-Palast des Präsidenten. Was dort aufgehängt wird, ist natürlich wohl überlegt, erklärt die Kuratorin Carina Kaminski: "Man kann damit eine Botschaft senden. Zum Beispiel, dass in Frankreich das Handwerk hochgehalten wird. Also man muss das zeigen, weil das kostet natürlich Geld, aber man muss auch zeigen, dass es das wert ist, dass man das erhalten will und dass das einen Repräsentationscharakter hat. Und es ist ja tatsächlich so, dass die königlichen Tapisserie-Manufakturen aus dem 17. Jahrhundert auch mit dem Ansinnen gegründet wurden, dass man eben den Ruhm des Monarchen mehren möchte."

Die Fäden der Moderne. Matisse, Picasso, Miró... Und die französischen Gobelins. Bis 8. März in der Kunsthalle München.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!