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Künstler müssen Wälder pflanzen – ein ernstes Spiel mit Ökologie | BR24

© Audio: BR / Bild: Maximilian Prüfer / DG

Maximilian Prüfer und Andreas Greiner im Gespräch

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Künstler müssen Wälder pflanzen – ein ernstes Spiel mit Ökologie

Maximilian Prüfer und Andreas Greiner nennen ihre Ausstellung "Everything is going to be alright". Im Gespräch mit Joana Ortmann verraten die beiden Künstler, warum mitnichten alles gut wird und warum sie sich dennoch für den Titel entschieden haben.

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Ihr müsst etwas verändern! Das fordern Jugendliche: 1992 zum Beispiel, die damals zwölfjährige Severn Cullis-Suzuki. Heute ist es das Credo von Greta Thunberg und ihren Mitstreitern. Ihre Wut richtet sich immer wieder auch gegen den Beschwichtigungsgestus der Erwachsenen: "Everything is going to be alright." "Alles wird gut." Mit diesem Satz haben nun zwei Künstler, die beide den Umgang mit der Natur zum Thema haben, eine gemeinsame Ausstellung in München betitelt, die in der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zu sehen ist. Joana Ortmann hat mit Maximilian Prüfer und Andreas Greiner über ihre Arbeiten gesprochen.

Joana Ortmann: "Everything is going to be alright." Warum wollten Sie von diesem Satz ausgehen?

Maximilian Prüfer: Ich habe den Vortrag von Severn Cullis-Suzuki schon vor vielen Jahren gesehen und war sehr beeindruckt. Für mich persönlich ist diese Wiederholung, auch über die Reden von Greta, eigentlich nur eine Bestärkung dessen, dass sich eben nichts großartig verändert hat und dass diese Beschwichtigung eigentlich bis jetzt anhält.

Andreas Greiner: Die erste Weltklimakonferenz von 1979 ist jetzt 40 Jahre her, und dieses ganze Wissen über die Zusammenhänge von Kohlenstoffdioxid und Klimawandel ist somit auch schon so alt und sicherlich im allgemeinen Bewusstsein mittlerweile längst angekommen. Aber das Handeln zieht halt nicht mit.

Sie beide nähern sich dem Thema Umgang mit der Natur aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Lassen Sie uns kurz beide Ansätze vorstellen. Andreas Greiner, Sie waren selber im Hambacher Forst, haben dort mit campiert, mit protestiert, dabei ist die Arbeit entstanden, die Sie zeigen.

Andreas Greiner: Das hat sicherlich biografische Gründe. Ich komme aus der Nähe des Hambacher Forstes, ich bin in Aachen geboren. Von daher war diese große Kohlegrube für mich schon immer so ein Faszinosum. Und die Motivation, mich da länger aufzuhalten, kam daher, dass ich dem Ganzen unmittelbar begegnen wollte, und als ich dann endlich dort war, wurde ich komplett mitgerissen von der Stimmung dort, von den Demonstrationen, von den Leuten, die in Baumhäusern wohnen, von den Polizeieinsätzen.

Sie haben dort fotografiert und Videos gedreht und dabei auch eine KI eingesetzt. Was hat die gemacht?

Andreas Greiner: Im Grunde genommen ist eine Künstliche Intelligenz ja nichts anderes als eine sehr elaborierte Art und Weise, große Datenmengen statistisch auszuwerten. Das Gleiche hat die KI mit meinen Bildern gemacht, sie statistisch ausgewertet und dann im nächsten Schritt gelernt, aus diesem Archiv und seiner Auswertung wieder neue Bilder zu generieren.

Was ist da entstanden?

Andreas Greiner: Da sind zwei Videoarbeiten und verschiedene Aufnahmen entstanden, in denen die KI die Möglichkeiten, die sie zu generieren gelernt hat, durchspielt. Und für mich selbst ist dabei die Erkenntnis herausgekommen, dass man als Künstler mit gut gemeinter ökologischer Überzeugung schon sehr genau hingucken muss, was man tut, und dann eigentlich feststellen muss, dass der Teufel im Detail liegt. In meinem Fall war es so, dass der Einsatz dieses Supercomputers, um das alles auszuwerten, sehr, sehr viel Energie verbraucht hat. Das war ein ganz großer Widerspruch zu dem, was ich eigentlich wollte.

Spüren Sie diesen Widerspruch auch, Maximilian Prüfer? Sie erforschen schon seit einigen Jahren Insekten und deren Sterben und sind jetzt für eines Ihrer letzten Projekte nach Sichuan gereist, nach China, in die Berge, um dort die künstliche Bestäubung von Obstbäumen zu beobachten.

Maximilian Prüfer: Bisher war meine Arbeit schwerpunktmäßig darauf ausgelegt, die Insekten als Repräsentanten menschlichen Verhaltens zu zeigen und zu visualisieren: Wie agieren wir eigentlich in einer Gruppe, als Kollektiv? Was bedeutet diese Lebensform Menschheit eigentlich? Und welchen Einfluss hat die? Nach welchen Systemen funktioniert die? Und in China war es genau andersherum. Da waren die Menschen in der Rolle der Insekten. Das fand ich total spannend, weil sich dadurch mein ganzes Arbeitsfeld und auch die Perspektive gedreht hat. Es war einfach erstaunlich zu sehen und auch körperlich wahrzunehmen, was es bedeutet, wenn ein ökologisches Gleichgewicht einfach nicht mehr vorhanden ist. Also, wenn es keine Insekten mehr gibt, keine Vögel, wenn da Stille ist. Und auf der anderen Seite aber sehr faszinierend, was der Mensch dann dennoch aus der Situation macht.

© Andreas Greiner / DG

Ausschnitt aus: Andreas Greiner, Mars on Earth, 2019

Wie haben Sie denn aus dieser künstlichen Situation heraus dann Kunst machen können?

Maximilian Prüfer: Also, ich muss ganz ehrlich sagen, das war äußerst herausfordernd, weil mir auf einmal jegliches Werkzeug gefehlt hat. Bisher habe ich die Spuren von Insekten mit verschiedenen Techniken, die ich selber erfunden habe, visualisiert. Und diese Spuren des Menschen zu visualisieren, war da gar nicht so einfach. Für die Ausstellung hier habe ich eine Arbeit gemacht, bei der ich die Bauern gebeten habe, einen Baum nicht zu bestäuben. Und dann habe ich dort die Hand-Bestäubung von denen gelernt, habe eine Blüte bestäubt und bin dann im Herbst nochmal an diesen Baum gereist, habe genau die Blüte geerntet und in Deutschland gießen lassen, sozusagen als konzeptionelle Plastik, so dass sich diese Form und alles, was sich an Idee und Inhalt darin befindet, dann als Plastik ausdrückt.

Sie verfolgen beide eine fast wissenschaftlichen Annäherung an dieses Thema. Worin liegt denn das Verbindende Ihrer beider Arbeiten?

Maximilian Prüfer: Also ich glaube, dass uns vor allem eine gewisse Ernsthaftigkeit verbindet, dass wir für uns in dieser Zeit Kunst auch als Mittel sehen, die Wahrnehmung auf bestimmte Themen zu überprüfen und dann schlussendlich auch zu visualisieren und zu bearbeiten.

Andreas Greiner: Aber ich würde nicht sagen, dass per se alle meine Kunstwerke etwas mit Wissenschaft oder Technik zu tun haben. Und ich bin auch gar nicht so gut darin, mit Technik umzugehen, muss ich ganz ehrlich zugeben. Natürlich habe ich mit einem Programmierer zusammengearbeitet, und das, was ich eigentlich gelernt habe, ist, mit dem Programmierer so menschlich umzugehen, dass wir beide uns verstehen, und ich verstehe, was er da am Computer macht, und wir am Ende beide zu einem Resultat kommen.

Maximilian Prüfer: Das ist das eigentlich Interessante. Ich werde ja auch sehr in den wissenschaftlichen Kontext gerückt. Aber ich glaube, dass die Kunst sich einfach immer aller Werkzeuge bedient, die irgendwie da sind. Und wir beide brauchen auch solche Werkzeuge, um im zeitgenössischen Kontext Phänomene erklärbar oder sichtbar zu machen, weil die Themen einfach extrem komplex werden.

Andreas Greiner: Klar, die Fragestellungen, die sich die Menschheit grundlegend stellt, sind vielleicht irgendwie verwandt. Aber die Art und Weise, wie wir damit umgehen, und die Werkzeuge, mit denen wir über diese Fragen nachdenken können, die ändern sich natürlich und damit auch die Kunst.

Kunst, die sich mit Natur befasst, ist immer auch etwas Idealisierendes gewesen. Wie sehen Sie beide sich denn da? Ihre Arbeiten sind ja auch wunderschön. Die Waldbilder von Andreas Greiner, die goldene Birne von Maximilian Prüfer...

Maximilian Prüfer: Das ist für mich tatsächlich die allerwichtigste Frage: Wie ist unser Verhältnis und vor allem die Begrifflichkeit von Natur? Das Wort "Umwelt" suggeriert eigentlich, das sei eine Welt, die außerhalb von uns stattfindet. Das finde ich schön an der Installation von Andreas, die den Austausch zwischen Menschen und Bäumen zeigt und damit eben auch, dass es keine Umwelt gibt, sondern dass wir in dieser Welt sind und vor allem auch aufgrund unseres Wissens und unserer Entwicklung als Menschheit wirkmächtig sind. Wir verlassen als Menschheit, würde ich sagen, gerade das Kleinkindalter und gehen eigentlich in eine Art Sachlichkeit, in der wir beginnen die Welt wirklich ernsthaft zu erfassen, wie sie ist, und feststellen: Wir können diesen Sinn nicht nur durch eine Suche gestalten, sondern wir können diesen Sinn schaffen, und das ist für mich etwas extrem Schönes. Und gleichzeitig bringt diese Wirkmächtigkeit auch eine Verantwortung mit sich.

© Andreas Greiner / DG

Ausschnitt aus: Andreas Greiner, Lost in the Woods II

Ist diese Verantwortung für Sie auch eine der Künstler*innen?

Andreas Greiner: Die Frage spielt für mich eine große Rolle: Wie kann ich diese Themen, die ich bearbeite, diese Fragen und diese Antworten, die ich finde, rückwirkend auf mein eigenes Handeln übertragen? Wenn das Wissen um den Klimawandel so alt ist, und das Denken und Handeln in den letzten 40 Jahren immer weiter auseinander gegangen ist, dann ist es jetzt wichtig, neue Handlungsmuster zu erfinden, eine neue Kultur und neue Werte zu definieren. Das beschäftigt mich gerade sehr. Offenbar liegt ja auch auf der Hand, dass wir versuchen, was zu ändern, und trotzdem gewissen Zwängen unterliegen. Es ist auch nicht so einfach zu sagen: Ich fahre jetzt nicht zu der Ausstellungseröffnung, weil mir die Fahrt zu viel Energieverbrauch bedeutet.

Daraus lese ich eine Einladung zur Interaktion? Machen Sie dann Interaktions-Kunst?

Maximilian Prüfer: Ich glaube, es geht uns um die vorher beschriebene Ernsthaftigkeit. Ich meine, Andreas hat dieses Projekt, einen Riesen-Wald zu pflanzen. Wenn man sich mit den Themen wirklich auseinandersetzt, und das ist natürlich in unserer Gesellschaft ein wahnsinniges Privileg, dann kann man irgendwann nicht mehr anders, als auch in eine gewisse Handlung zu gehen. Und dieses Performative? Ich könnte mir vorstellen, dass sich das in 10, 20, 30 Jahren in der Kunst noch sehr verstärkt, weil die Leute wirklich etwas verändern wollen. Die sehen sich dann natürlich auch damit konfrontiert, etwas machen zu müssen, wenn es andere nicht machen. So hart es auch klingt – aber dass Künstler Wälder pflanzen müssen, das ist schon ein diskussionswürdiges Thema an sich.

Die Ausstellung "Everything is going to be alright" ist bis 31. Oktober im Kunstraum der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zu sehen.

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