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Lassen sich die Person Emil Nolde und sein Werk trennen? | BR24

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Diese Ausstellung sorgt für heftige Diskussionen: "Emil Nolde - Eine deutsche Legende" zeigt die Nähe des Malers zum NS-Regime. Angela Merkel ließ deswegen im Kanzleramt zwei Bilder abhängen. Ist Nolde nun eine Persona Non Grata?

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Lassen sich die Person Emil Nolde und sein Werk trennen?

Diese Ausstellung sorgt für heftige Diskussionen: "Emil Nolde – Eine deutsche Legende" zeigt die Nähe des Malers zum NS-Regime. Angela Merkel ließ deswegen im Kanzleramt zwei Bilder abhängen. Ist Nolde nun eine Persona Non Grata?

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Ende einer Legende, Ende einer Selbststilisierung, Ende einer Ikone. Diese Schlagworte werden die Ausstellung der Nationalgalerie begleiten, und wir werden die hundert dort hängenden Originale anders sehen, als Emil Nolde es gewünscht hätte.

Lange schon bekannt ist: Nolde war Parteimitglied seit 1934, er hat sich den Nazis angedient, sein völkisches Denken, seine Verbundenheit zum deutschen Boden immer wieder betont. Es gab Nationalsozialisten, die ihm weiterhin gewogen waren, Himmler hat ihn gar nach Hause eingeladen, die offizielle Parteilinie aber war klar: Nolde galt als entartet, von keinem Künstler wurden so viele Bilder beschlagnahmt.

© Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde in München, Januar/Februar 1937

Wachsender Antisemitismus und Loyalität zur NS-Ideologie

Und doch wuchs sein Antisemitismus, seine Loyalität zur NS-Ideologie. Es war, so vermuten die Leiter des Forschungsprojekts in Seebüll, das seit 2013 Noldes Verstrickungen mit dem NS-Regime untersucht, nach dem Krieg ein Akt der Pietät, Nolde zu schützen. Widersprüche hatten damals keinen Raum, weder bei ihm selbst noch bei seinen Freunden und Nachlassverwaltern. Nolde war ein Genie in der Selbstvermarktung und im Umgang mit den Medien. Gute Rezensionen schickte er den Galerien, schlechte zeigte er seinen Freunden nach dem Motto: Ich, das arme, verkannte Genie.

Eine der Legenden, die er von sich selbst strickte, war jene der ungemalten Bilder. Die kleinformatigen Kunstwerke sind zu sehen in der Ausstellung, wir lernen aber auch: Er hat seit 1927 solche kleinen Formate angefertigt, um sie dann zu übertragen in Ölbilder.

Deutliche Leerstelle

Emil Nolde hatte eine starke Abneigung gegen Max Liebermann, er konnte ihn nicht ausstehen und Juden insgesamt ebenso wenig. Antisemitische Zerrbilder finden wir bei ihm nicht, wohl aber eine deutliche Leerstelle. Aya Soika hat die Ausstellung in Berlin kuratiert und verweist auf einen politischen Bezug: "1933 hörte er auf, die biblischen Figurenbilder zu malen, mit denen er bekannt geworden ist als Erneuerer der deutschen religiösen Malkunst. Sie können auch leicht seiner Meinung nach zum Missverständnis führen, dass er ein Maler der Juden ist, denn diese alttestamentarischen Gestalten, die möchte er ja gerne als Juden darstellen und erst Anfang der 50er-Jahre knüpft er daran wieder an."

© Nolde Stiftung Seebüll

"Sind das jetzt braune Blüten?" - Emil Nolde, Reife Sonnenblumen (1932)

Eine Leerstelle zeigt also den Antisemitismus seines Werkes, dafür sind mehr nordische Bilder von starken Wikingern entstanden. Viele Blumenmotive, Meeresbilder. Die Ausstellung im ersten Stock hat das Atelier in Seebüll, seinem Rückzugsort nahe der dänischen Grenze, nachgestellt, und zwar so, wie Nolde es in den 40er-Jahren selbst angeordnet hat – mit Blumenstillleben, Wolkenformationen und Landschaftsidyllen. Bis 41 gehörte er zu den bestverdienenden Künstlern Deutschlands. Nolde hatte nie ein Malverbot, wohl aber ab 1941 ein Berufsverbot. Das heißt, er konnte keine Bezugsscheine für Farben und Leinwand einlösen. Zudem wird er aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen.

Seine Frau Ada beschreibt den Widerspruch, den sie in der Verfemung ihres Mannes sieht: "Der deutscheste, germanische, treueste Künstler ist ausgeschlossen. Es ist der Dank für seinen Kampf gegen die Überfremdung und die Juden. Es ist der Dank für seine Zugehörigkeit zur Partei, in der er, trotz vieler Fehler, doch die Lösung der Volksprobleme sieht."

© dpa/piture-alliance

Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung in Seebüll

Ende einer Selbststilisierung

25.000 Dokumente haben die Forscher im Auftrag der Stiftung Seebüll ausgewertet. Sie beenden die Selbststilisierung eines Künstlers, aber wie wirken sie sich aus auf die Wahrnehmung seiner Kunst? Christian Ring ist der Direktor der Nolde Stiftung in Seebüll und findet, dass man beides reflektieren muss: "Ich wurde schon oft gefragt: Kann ich mich an den Nolde-Bildern jetzt nicht mehr freuen, sind das jetzt braune Blüten? Ich freue mich nach wie vor an den Nolde-Bildern, weil sie von der künstlerischen Ausdruckskraft so stark sind. Nolde hat die Farben zu seinem eigentlichen Medium auserkoren, damit hat er die Kunstgeschichte geprägt. Und das ist nach wie vor großartige Kunst."

Die Bundeskanzlerin hat ihre Nolde-Bilder abgehängt, wegen der neuesten Forschungsergebnisse. Damit ist Nolde, einst von Bundeskanzler Helmut Schmidt hoch verehrt, 63 Jahre nach seinem Tod plötzlich eine Persona Non Grata. Es droht ihm das Schicksal einer Antilegende, vergiftet durch die eigene politische Dummheit und einen widerlichen Opportunismus. Seine Biografie wird ab jetzt sein Werk überschatten. Wie bei vielen Künstlern der Moderne, wenn sie sich Verfehlungen welcher Art auch immer geleistet haben.

Bleibt die Frage: Gelingt es, bei dem jetzt einsetzenden Medienrummel, die Qualität seiner Bilder noch zu erkennen, sich an das Genie zu erinnern und gleichzeitig die Ambivalenz seines Lebens in die Betrachtung zu integrieren? Eine Pauschalantwort darauf gibt es nicht. Dafür aber eine Frage, die jeder individuell für sich beantworten muss und die Christian Ring so formuliert: Was wissen und was sehen wir?

"Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus": 12. April – 15. September 2019, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin

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