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Seht her! Der wiederentdeckte Fotograf Toni Schneiders | BR24

© © Nachlass Toni Schneiders/ Stiftung F.C. Gundlach

Toni Schneiders: Unheimliches Nest, Bodensee 1949

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Seht her! Der wiederentdeckte Fotograf Toni Schneiders

Toni Schneiders war einer der wegweisenden deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Er nahm vorweg, wie wir heute Bilder gestalten und wahrnehmen. Zu seinem 100. Geburtstag ist sein Werk im Münchner Kunstfoyer zu sehen - ein verblüffendes Erlebnis .

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Was ist das? Eine Schwarzweiß-Aufnahme vom All, intergalaktischer Sternensprühnebel? Eine Zelle, die sich teilt? Ein Embryo? Egal, es ist ein schönes Bild, geheimnisvoll wie der Titel „Unheimliches Nest“. Das Besondere daran: Es ist eine Makroaufnahme, erklärt Kurator Sebastian Lux, also eine Aufnahme von etwas ganz Kleinem, nämlich von einer Luftblase in einem gefrorenen See. Auch deswegen heißt die Ausstellung "Schaut her!“, doch diese Aufforderung ist nahezu unnötig.

Es ist zwingend, diese Schwarzweiß-Fotografien zu betrachten: ein Signalpfahl zum Beispiel wirft verloren ein paar sich spiegelnde Linien in das weite diffuse Grau des Bodensees und wirkt zwischen den fernen Schatten zweier Ruderboote vor dem aufgelösten Horizont wie eine Chiffre der Einsamkeit.

Die Entdeckung der Wirklichkeit

Nur ein paar grafische Linien, viel Fläche und doch so viel emotionale Tiefe! Ein radikaler Blick. So hat man viele Dinge noch nicht gesehen, jedenfalls nicht damals, 1949 und in den Jahren danach, als sich aus der Gruppe fotoform heraus die subjektive Fotografie entwickelte. Die Entdeckung der eigenen Wirklichkeit schlug ein, so ein damaliger Kritiker, "wie eine Atombombe im Komposthaufen der zeitgenössischen Fotografie".

© Nachlass Toni Schneiders/Stiftung F.C. Gundlach

Toni Schneiders: Auf der Jagd 1950

© Nachlass Toni Schneiders/Stiftung F.C. Gundlach

Toni Schneiders: Stellwerk frühmorgens, Lindau 1949

© Nachlass Toni Schneiders/Stiftung F.C. Gundlach

Toni Schneiders: Lichtspuren Hamburger Dom 1950

© Nachlass Toni Schneiders/Stiftung F.C. Gundlach

Toni Schneiders: Balkenschrift im Wasser/ Fährhafen Meersburg 1948

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Toni Schneiders: Drei Scheiben Brot, Lindau 1970

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Toni Schneiders: Frauen, Lübeck 1950

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Toni Schneiders: Zwiebelblüten, Hamburg 1949

Von Menschen und Landschaften

Toni Schneiders hat – anders als die Objektfotografen der Neuen Sachlichkeit und auch anders als die fotoform-Kollegen – immer auch Menschen porträtiert, oft als Teil einer Szenerie, die er mit allen Mitteln der Lichtkunst einfing. Die Arbeiter im Stahlwalzwerk Wuppermann: geübte Bändiger glühender Stahlschlangen in einer dampfdurchzogenen Halle. Keine Reportagefotos, sondern Porträts, die eine Zeitstimmung einfangen. Landschaften löste Toni Schneiders auf in ihre Strukturen, Bodentiefen, Hügellinien, Steinkanten. Das Auge wandert darüber wie eine Hand.

Bilder aus fremden Welten

Das halbe Jahr war Toni Schneiders auf Reisen, mit dem VW Käfer durch Eritrea und Äthiopien bis zum Bad der Königin von Saaba. Die Fotos erschienen in Zeitschriften wie Merian. Publikationen, die das Sehen prägten und sinnlich Teil haben ließen an der Erfahrung fremder Länder, die damals tatsächlich noch weit weg waren. Man blickt heute auf diese Fotografien, Bilder aus einer anderen, vergangenen Welt, die moderner, gegenwärtiger und verzaubernder nicht sein könnten.

Die Ausstellung Schaut her! Fotografien von Toni Schneiders im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer in München noch bis 7. Juni.

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