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"Ausnahmezustand": Comic über die USA und Donald Trump | BR24

© Audio: BR / Bild: James Sturm/ Reprodukt Verlag

"Ausnahmezustand" von James Sturm verbindet die Krise im Leben einer Familie mit der Krise eines Landes um die Wahl von Donald Trump herum.

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"Ausnahmezustand": Comic über die USA und Donald Trump

In seiner Graphic Novel "Ausnahmezustand" verbindet James Sturm die Krise im Leben einer Familie mit der Krise seines Landes im Herbst und Winter 2016, rund um die Wahl von Donald Trump. Ein engagiertes Buch – in melancholisch tiefen Grautönen.

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Der Ausnahmezustand kündigt sich an – schon auf den ersten Bildern der Graphic Novel von James Sturm: eine Markierung auf dem Asphalt, ein Pfeil nach rechts. Dann die vielen Schilder an der Straße, da die Aufschrift "Trump", dort "Hillary". Und über dem Bild der Kommentar von Mark, der Hauptfigur: "Dieser Wahlkampf – im Herbst 2016 – ist eine Schlammschlacht". Mark weiß nicht mehr, wen er wählen soll. Er ist Anhänger des linken Demokraten Bernie Sanders. Er verachtet Trump, aber für die von der demokratischen Partei letztlich nominierte Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton will er – anders als seine Frau Lisa, die ihn gerade verlassen hat – eigentlich auch nicht stimmen. Das sei "derselbe alte Mist noch einmal".

Comic einer doppelten Krise

"Die Ernüchterung mit Blick auf die Politik ist sehr groß. Das hat die Tore für Trump geöffnet", sagt James Sturm. Marks Entscheidungen bei politischen Fragen hingen aber auch von der Beziehung zu seiner Frau ab. Er könne sich eigentlich auf Trump berufen, wenn er zornig werde auf seine Frau. Trumps Feindschaft gegenüber den Frauen sei bestens dokumentiert.

James Sturm konfrontiert die Leserinnen und Leser seiner eindringlichen Graphic Novel mit einer doppelten Krise: Es geht einerseits um die zerrissene amerikanische Gesellschaft im Herbst und Winter 2016, um die Verwerfungen, die mit der Wahl Trumps zum Präsidenten verbunden sind. Es geht gleichzeitig um die Krise von Mark und Lisa, die sich – genau in diesen Monaten – trennen. Überfordert sind beide, Mark ist immer wieder hilflos bei der Betreuung der beiden Kinder, ständig macht er etwas falsch. Er arbeitet als Handwerker beim Bau eines Hauses und wird von seinem Chef um das ihm zustehende Gehalt geprellt.

© James Sturm/ Reprodukt Verlag

Ausschnitt aus der Graphic Novel: "Ausnahmezustand" von James Sturm

Was ist da eigentlich passiert?

Beide Geschichten, die kleine der Familie wie die große des Landes, werden immer wieder mit feinen Andeutungen miteinander verbunden: Da sieht man Trump beim TV-Duell, dort zeigt Marks Vater beim Weihnachtsfest stolz seine Mütze mit der berühmt-berüchtigten Aufschrift "Make America Great Again". Momentaufnahmen einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. "Ich wollte wissen, was in Amerika geschehen ist. Und ich wollte das nicht nur dokumentieren. Ich wollte das so gut wie möglich zeigen", so Sturm. Erst nach Trumps Wahl im Jahr 2016 sei in den Medien darüber nachgedacht worden: Warum haben wir das übersehen? Wie konnte das passieren? "Mein Comic-Buch geht der Frage nach, was in den verschiedenen Gemeinden – vor unseren Augen – geschehen ist. Ich zeige Straßen, Häuser und Supermärkte aus der Gegend, in der ich lebe. Ebenso die Beziehungen von Menschen und auch die Geschichten, die ich gehört habe. Das alles sollte in die Graphic Novel einfließen, so gut wie möglich."

James Sturm hat für seinen Comic eine besondere Bildsprache entwickelt. Er hat auf Karteikarten gezeichnet, jeweils zwei Bilder pro Seite, das Buch hat ein Din-A-5-Format. Die Zeichnungen mit dünnem Strich hat Sturm zudem mit unterschiedlichen Grautönen aquarelliert, das gibt der Geschichte eine melancholische Tiefe. Und: Die Figuren in der Graphic Novel sind Mischwesen. Sie haben Menschenkörper und Hundegesichter. Eine spannende und den traurigen Grundton verstärkende Verfremdung, entstanden beim Skizzieren der Geschichte, wie James Sturm erzählt.

Kein fairer Wahlkampf

Wer dem Zeichner aus Vermont zuhört in diesen Tagen, zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA, erlebt einen Künstler, der sich sorgt: "Viele Wähler möchten einen Wandel. Trump und die Republikaner treten sehr aggressiv auf. Sie erschweren die Briefwahl und schüchtern die Wähler ein. Das ist nicht wirklich ein fairer Wahlkampf. Biden kann die Wahl nur dann gewinnen, wenn er deutlich vor Trump liegt. Sonst hat er wohl verloren. Und Trump hat immer gesagt, er werde sich zur Wehr setzen, wie immer auch das Ergebnis ausfallen wird. Das kann zu einem großen Problem werden und viel Chaos mit sich bringen."

James Sturm sagt, er wolle mit seinen Büchern auf die derzeitige Situation in den USA reagieren, einer Gesellschaft begegnen, die seinem Empfinden nach immer grausamer wird. Sturm hat ein Buch über die Demokratie gezeichnet und geschrieben, im Augenblick arbeitet er unter anderem an einem Comic für junge Leserinnen und Leser, der über Möglichkeiten zur Hilfe bei psychischen Erkrankungen informieren will (also auch über Institutionen, die die Republikaner liebend gerne abschaffen wollen). James Sturm ist ein aufmerksamer Beobachter und ein engagierter Künstler. Das zeigt auch die Graphic Novel "Ausnahmezustand", eine stille und gleichzeitig intensive Vermessung der amerikanischen Gegenwart. Die Geschichte von Mark und Lisa, diesem einst glücklichen Paar, bleibt darin übrigens letztlich offen. Ob das auch für die Geschichte der amerikanischen Gesellschaft gilt, wird sich zeigen.

© Reprodukt Verlag/ Montage BR

Cover: "Ausnahmezustand" Graphic Novel von James Sturm

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