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Die Kritiker sind überzeugt - wenn auch nicht mehrheitlich: Die Münchner Kammerspiele haben den Titel "Theater des Jahres" erneut verdient.

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    Ausgezeichnet: Münchner Kammerspiele erneut "Theater des Jahres"

    Der umstrittene Theaterchef Matthias Lilienthal darf sich nach seinem Abschied aus München nachträglich über Kritiker-Lob freuen. "Tatort"-Kommissar Fabian Hinrichs und Sandra Hüller ("Toni Erdmann") wurden von "Theater heute" ebenfalls prämiert.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Die Kritiker haben ihren Frieden gemacht mit den Münchner Kammerspielen und noch einmal einen politischen Preis verliehen an den höchst umstrittenen Ex-Intendanten Matthias Lilienthal. Zum zweiten Mal in Folge wurde sein ehemaliges Haus "Theater des Jahres", wenn auch nur mit dreizehn von insgesamt 44 Stimmen, doch solche zufälligen Mehrheitsverhältnisse gehören seit Jahrzehnten zu den Schwachpunkten der wichtigsten Branchen-Auszeichnung. Lilienthal warf nach nur fünf Jahren hin, weil ihm in München aus der Kommunalpolitik, vor allem von der CSU, ein eisiger Wind entgegen wehte, aber auch beim Publikum und bei der Kritik war sein Theaterkonzept nicht immer mehrheitsfähig.

    "Einfach keine Lust mehr"

    Weg vom Schauspiel, hin zu experimentellen Formen, diesen Weg wollten viele nicht mitgehen, vor allem in den ersten Spielzeiten waren die Kammerspiele ziemlich leer, und manche Zeitungen alles andere als "amüsiert". Lilienthal hatte sich zum Abschied gegenüber dem BR selbstkritisch gezeigt: "Ich glaube, was sehr gut aufgegangen ist, das war eine extreme Verjüngung von Regisseuren und vom Ensemble, was auch gut aufgegangen ist, war die Einführung von internationalen Regisseuren. Was auf einer bestimmten Ebene gescheitert ist, ist das Regieführen im Großen Haus von freien Gruppen. Das hatten wir in der ersten Spielzeit, danach hatten die einfach keine Lust mehr dazu."

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    Bildrechte: Christoph Soeder/Picture Alliance

    Sandra Hüller

    Wie auch immer, rein künstlerisch gesehen war die Verleihung von Theaterpreisen für die abgelaufene Saison als Ganzes streng genommen gar nicht möglich, musste die Spielzeit doch mittendrin wegen Corona abgebrochen werden. Es waren diesmal also zwangsläufig auch nicht verwirklichte Premieren zu bewerten, gute Vorsätze, angedachte Konzepte, keine eigentliche Gesamtleistung. Insofern war es folgerichtig, dass ein gutes Dutzend Kritiker der Einfachheit halber das Urteil des vergangenen Jahres bestätigte und Matthias Lilienthal ein Lob hinterher rief, nicht zuletzt, um die Münchner Politiker zu ärgern.

    "Leicht suizidales Verhältnis" der Münchner

    Außerdem galten die Kammerspiele als irgendwie fortschrittlich und risikofreudig, das muss aus der Sicht von schnell gelangweilten Berufs-Zuschauern immer gewürdigt werden – nichts fürchten Kritiker nämlich mehr als das, was das Durchschnitts- und Gelegenheitspublikum liebt: klassische Texte, konventionell, möglichst auch üppig bebildert. Der Ex-Intendant selbst hat übrigens zum Abschied mit dem Publikum an der Isar seinen Frieden gemacht: "Ich finde, dass die Münchner das in den fünf Jahren bravourös gemeistert haben, sogar in eine Art 'amour fou' zu den Kammerspielen verfallen sind, auch mit der 85-prozentigen Platzausnutzung, die wir in der fünften Spielzeit hatten. Das ist ja erst mal ein großartiges Ergebnis. Das dann die Liebesaffäre der 'amour fou' manchmal in ein leicht suizidales Verhältnis landete, gehört mit dazu."

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    Bildrechte: Peter Kneffel/dpa

    Ex-Kammerspiele-Chef Matthias Lilienthal

    Schauspieler des Jahres wurde Fabian Hinrichs, den Fernsehzuschauern bekannt als fränkischer "Tatort"-Kommisar, den Theaterleuten ein Begriff, weil er regelmäßig und mit akrobatischem Körpereinsatz kapitalismuskritische Monologe des Regisseurs und Dramatikers René Pollesch performt. Zuletzt hatte Hinrichs so einen Text unter dem Titel "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" sogar im riesigen Berliner Friedrichstadtpalast vor über 2.000 Zuschauern gestaltet. Darin ging es in erster Linie um die Vereinsamung des Menschen in der Wohlstandsgesellschaft, garniert mit ein paar Show-Einlagen. Die Uraufführung wurde überwiegend sehr positiv besprochen, in Berlin fand das Revuetheater Friedrichstadtpalast viel Beifall für das Experiment. Die seit dem Film "Toni Erdmann" (2016) einem breiten Publikum bekannte Sandra Hüller erhielt sage und schreibe zum vierten Mal die Auszeichnung als Schauspielerin des Jahres, diesmal für ihren "Hamlet" am Schauspielhaus Bochum.

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    Bildrechte: Nicolas Amer/Picture Alliance

    "Tatort"-Kommissar: Fabian Hinrichs

    Ungewöhnlicher Weise würdigten die Kritiker eine Choreographin mit der Inszenierung des Jahres: Die aus Wien stammende und meist in Österreich und den Niederlanden arbeitende Florentina Holzinger beeindruckte mit ihrer Produktion "Tanz", die im Wiener Tanzquartier uraufgeführt wurde und dann auf Tour durch Europa ging. Holzingers Anliegen war dabei die Ballett-Tradition von Filippo Taglionis "La Sylphide" (1832) bis in die Gegenwart – eine Tradition, die vor allem durch die Befreiung des Balletts zur eigenständigen Kunstform geprägt ist.

    © Birgit Hupfeld/Residenztheater München
    Bildrechte: Birgit Hupfeld/Residenztheater München

    "Die Verlorenen" - Szenenbild

    "Die Verlorenen": Stück des Jahres

    Autor des Jahres wurde Ewald Palmetshofer für sein Stück "Die Verlorenen", das im Oktober 2019 am Münchner Residenztheater erstmals zu sehen war. Einmal mehr geht es auch dort um die Vereinsamung des Menschen, in diesem Fall der Hauptfigur Clara, die der Welt "ohne Mann, Kind und Geld" abhanden gekommen ist, sich selbst hasst und in den Wald fliehen will. Kritiker lobten das Stück und jubelten: "Fahrt nach München!"

    © Karl Schöndorfer/Picture Alliance
    Bildrechte: Karl Schöndorfer/Picture Alliance

    Johannes Nussbaum

    Johannes Nussbaum als Nachwuchskünstler ausgezeichnet

    Zu den preisgekrönten Nachwuchskünstlern gehören Gina Haller (Schauspielhaus Bochum), der aus der TV-Serie "Vorstadtweiber" als "Simon Schneider" bekannte Johannes Nussbaum (Ensemble-Mitglied des Münchner Residenztheaters) und Caren Jeß (Schauspielhaus Graz). Julia Oschatz ist Bühnenbildnerin des Jahres ("Hamlet", Maxim-Gorki-Theater Berlin), Victoria Behr wurde für ihre Kostüme in Herbert Fritschs "Amphitryon" (Oktober 2019, Schaubühne Berlin) ausgezeichnet.

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