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"Aus und davon": Drei Generation, ein Roman | BR24

© Ulrich Baumgarten / picture alliance Audio: BR

Die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn fragt in "Aus und davon" wie wir werden wer wir sind.

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"Aus und davon": Drei Generation, ein Roman

Eine erschöpfte Mutter, eine pflichtbewusste Oma und ein dickes Enkelkind: Die Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn fragt in ihrem neuen Roman "Aus und davon" wie wir werden wer wir sind – und wer wie warum was zum Mittagessen kocht.

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Die erschöpfte alleinerziehende Mutter Cornelia, die pflichtbewusste Oma Elisabeth, Bruno, das dicke Enkelkind - und dann "Aus und davon", so der Titel des neuen Romans von Anna Katharina Hahn. Die Mutter bricht aus, jedenfalls ein bisschen... aus und vorbei, auf und davon, das sind radikale Vorstellungen, aber Mittagessen muss doch gekocht werden. Judith Heitkamp im Gespräch mit der Stuttgarter Schriftstellerin.

Judith Heitkamp: Der erste, der sich auf und davon macht, ist Hinz, der Großvater, der im fortgeschrittenen Alter von einer neuen Liebe beflügelt wird. Dem folgen Sie aber nicht, Sie bleiben bei den Frauen.

Anna Katharina Hahn: Mich hat vor allem interessiert, wie Elisabeth so geworden ist, wie sie ist, warum sie in den Augen ihres Mannes ein ganz anderer Mensch ist als in denen ihrer Tochter Cornelia. Sie passt auf die Enkel auf, damit Cornelia diese Amerika-Reise machen kann. Elisabeth ist eine Frau, die alles schaffen und keine Schwäche zeigen will. Das hat mit ihrer Erziehung im pietistischen Milieu ebenso zu tun wie mit ihrer Selbstständigkeit, sie hat lange ihr eigenes Reisebüro gehabt... wie ist sie zu dieser Person geworden und welche verschiedenen Rollen spielt sie?

Prägung und Perspektiven der Generationen sind sehr wichtig - und teilweise gegenseitig kaum vermittelbar. Kleines Beispiel: Die Oma kocht Fertig-Miracoli aus der Packung und die chronisch gestresste Mutter zwingt sich zum gesunden Kochen mit frischen Zutaten. Für die beiden ein Gegensatz - Sie erzählen es aber so, dass man merkt, es kommt eigentlich aus dem gleichen Pflichtbewusstsein.

Ja, sicher. Kulturgüter wie Kochen verändern sich, Elisabeth möchte ja dem Wunsch Cornelias entsprechen, alles soll gut funktionieren, und dann gibt sie auf, weil sie selber merkt, dass sie das alles nicht schafft. Also kocht sie Miracoli für ihre Enkel, und für die ist das dann ein Ereignis, weil sie so etwas noch nie gegessen haben.

Elisabeth hätte ihr eigenes Leben nicht führen können ohne solche Kompromisse.

Eben. Ich komme zum Beispiel aus einem Haushalt, wo die Eltern selbstständig waren. Meine Mutter hat früh wieder angefangen zu arbeiten und Miracoli war auch eine Rettung. Die gab es ständig ... nicht gerade zu unserer Begeisterung, aber es war halt nötig und man hat es murrend hingenommen.

Fertigprodukte oder frisch kochen - auch dahinter steckt die Frage "Was muss ich leisten für die gute Entwicklung meiner Kinder?" Reagieren wir das in jeder Generation wieder neu ab?

Was will man mit dieser großen Verantwortung machen? Welche Erwartungen hat man selbst, was will man unbedingt anders machen als die eigenen Eltern? Wie werden Menschen in unserer Gesellschaft geformt, wie ändern sich diese Moden, wie kommt es, dass diese Traditionen trotzdem nicht totzukriegen sind. Sehr spannend. Und ich habe eigene Kinder, da habe ich natürlich auch unerschöpfliche Vorräte, um das zu beobachten ...

© Suhrkamp

Anna Katharina Hahn: Aus und Davon. Suhrkamp Verlag, 25 Euro.

Sie interessieren sich für bürgerliche Mittelstandsfamilien, gerne in Stuttgart, wobei in "Aus und davon" die jüngere Generation schon ganz schön strampeln muss, um nicht abzurutschen ... dennoch ein Milieu, das manche und auch manche Kritiker langweilig finden. Was halten Sie dem entgegen?

Das verstehe ich nicht. Die ganze Bundesrepublik Deutschland ist ein bürgerliches Land. Wir haben längst nicht so rigide traditionelle Klassenstrukturen wie in England oder Frankreich. Das Bürgertum ist das Milieu, in dem wir uns fast alle bewegen, unsere Träume sind weniger von Superreichtum bestimmt als vom Häuschen mit Garten oder von der Etagenwohnung mit etwas mehr Platz. Ich denke, selbst die, die sich als Intellektuelle oder Künstler bezeichnen - wir alle sind deutsche Spießer. Und deswegen kann ich dieses Milieu nicht langweilig finden. Die Leute, die das über meine Bücher sagen, lesen nicht genau. Es ist ebenso Bürgertum wie Prekariat, das mich interessiert, das liegt oft nah beieinander.

Und es finden sich dort immer noch Geschichten, die fast nie erzählt werden. Wie die vom Drama des dicken Kindes, das in Ihrem Roman vorkommt. Bruno, das Enkelkind hat viel Übergewicht und befindet sich zusammen mit seiner Mutter in einer Endlosschleife von "Du bist trotzdem richtig so, wie du bist!" und gleichzeitig auch immer "Du musst unbedingt anders werden!".

Und ich glaube, Cornelia als Mutter und sehr sportliche Frau und Physiotherapeutin hat es damit besonders schwer. Jeder Mensch, der ein Kind hat, das aus dem Rahmen fällt - sei es nur durchs Geschlecht, Jungs zum Beispiel: in der Schule ist es ganz schwierig mit Jungs, die ein bisschen wilder sind - der weiß, wie schwer es ist, gesellschaftlichem Druck standzuhalten. Das dicke Kind ist sehr alltäglich und auf der anderen Seite eine vernachlässigte Größe. Das hat man und dann ist man halt schuld.

Cornelia bricht aus der Situation aus mit einer Reise in die USA - soweit man bei pflichtbewussten Müttern von Ausbrüchen sprechen kann, sie bereitet alles gut vor... Was halten Sie von Befreiungsschlägen? "Aus und davon" - dieser Bruch, nach dem alles anders wird: Ist das ein Konzept, das funktioniert?

Ich glaube es eigentlich nicht. Der Alltag wartet und die Zwänge warten. Die Veränderung muss von innen kommen, der Ortswechsel hilft, glaube ich, relativ wenig. Ich halte es eher mit diesem alten, ich glaube, polnischen Sprichwort: Ein Pferd fährt über den Ozean und bleibt trotzdem ein Pferd. Die Amerika-Reise war ja auch kompositorisch gewollt, mehr als psychologisch. Amerika spielt eine große Rolle in der Familiengeschichte dieser Frauen. Da musste Cornelia einfach hinfahren.

Es gibt drei Erzählperspektiven, die die Geschichten dreier Generationen aufspannen. Eine davon ist die einer Puppe. Da haben Sie sich aber was getraut ...?

Das kam eigentlich beim Schreiben und hat mir auch mit am meisten Freude gemacht, diesen Linsenmaier zu erfinden, als Erzähler der Geschichte von Elisabeths Mutter. Sie ist zum Teil die Geschichte meiner eigenen Großmutter, die mit 18 Jahren tatsächlich in den USA genau diesen Job gemacht hat. Allerdings nicht unter so schrägen Verwandten ... der Linsenmaier ist so ein bisschen die Gothic Novel innerhalb des Romans.

Anna Katharina Hahn : "Aus und davon", Suhrkamp Verlag, 25 Euro.

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