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Kultur

Viel Werkstatt statt Werk beim Augsburger Brechtfestival 2020 | BR24

© Brechtfestival Augsburg/ KW Neun Grafikagentur

Plakat des Brechtfestivals Augsburg

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Viel Werkstatt statt Werk beim Augsburger Brechtfestival 2020

Unter der neuen Leitung von Jürgen Kuttner verspricht das Brechtfestival Augsburg in diesem Jahr ein großes Spektakel zu werden. Mit Corinna Harfouch, Lars Eidinger oder Martin Wuttke ist Prominenz geboten, alles bei bester Jahrmarkt-Stimmung.

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"Dort lernt man die Welt kennen, wie sie wirklich ist“, soll Brecht einmal einem Freund über den Augsburger Plärrer gesagt haben. Schwabens größtes Volksfest war für den Dichter genauso Panoptikum sozialer Abgründe, wie Spielplatz amouröser Abenteuer. In seinem "Plärrerlied" von 1917 strahlen die Lichter der Karusselle so hell wie das goldene Haar der verführten Unschuld. Kein Zufall, dass jetzt eine Blondine das Programmheft des Brechtfestivals ziert. Von Unschuld dort aber keine Spur.

Mit gefletschten Zähnen, tiefem Ausschnitt und ausgerüstet mit Maschinenpistole und Revolver ist sie das Covergirl eines Dreigroschen-Heftes: dünne graue Seiten, typographisches Chaos, Symbolgetümmel. Dazwischen das schnelle, schmutzige, aber auch "spektakuläre" Programm, wie Jürgen Kuttner, der zusammen mit Tom Kühnel das Festival leitet, erklärt: "Bei uns ist es das Anknüpfen daran, dass Brecht ja wirklich von diesem Augsburger Plärrer spricht, von diesem Jahrmarkt, Spektakel, Event oder Zirkus oder wie man das nennen soll. Dieses wilde Massenereignis, wo unberechenbar ist, wann was passiert, das war uns irgendwie wichtig, das rein zu holen", sagt Kuttner. Dieses Rock’n’rollhafte verändere natürlich die Sicht auf Brecht: draußen gäbe es ein Riesenrad, einen Ochse am Spieß und Bier, drinnen Kunst.

Ein "Brechtscher Gedanke, auf die Schnelle etwas hinzuballern"

Nicht der Brecht der politischen Gewissheiten wird in Augsburg präsentiert, sondern der Brecht der "Hauspostille" oder des "Fatzer"-Fragments. Nicht der Schulbuch-Brecht, sondern der Theater-Brecht – Theater verstanden als soziales Erlebnis. So gibt es in Augsburg zwei Spektakeltage zu Beginn und Ende des Festivals mit Lesungen, kleinen Aufführungen und ja, auch einem Riesenrad, in dem die Besucher eins zu eins mit Künstlerinnen in Kontakt kommen können. Lokale freie Theatergruppen stehen neben bekannten Namen wie Corinna Harfouch, Lars Eidinger oder Martin Wuttke. Letztere nehmen sich eher unbekannte Texte Brechts vor und zeigen mit wenig Aufwand und nur kurz geprobte Abende.

Werkstatt, nicht Werk. Prozess, nicht Produkt.

Es habe sie nicht interessiert, als Einkäufer tätig zu werden, erklärt Kuttner. "Sondern wir haben gesagt, wenn, dann ist das ein durchaus Brechtscher Gedanke, auf die Schnelle etwas hinzuballern. Und dann haben wir uns Leute gesucht, die wir schätzen, die große Künstler sind, mit denen wir immer schon gearbeitet haben". Die hätten das auch als eine interessante Herausforderung für sich gefunden, als ein anderes selbstverantwortliches Arbeiten. "Das wird vielleicht jetzt nicht alles so große Kunst sein, aber es wird ein Blick in so eine Art Werkstatt, in die Auseinandersetzung mit Brecht sein, und das finde ich interessant."

© KW Neun Grafikagentur

Brechtnacht

Kosmos Heiner Müller

Neben Brecht wird der literarische Erbe Brechts im Fokus des Festivals stehen: Heiner Müller. Die zirzensisch-assoziationssatte Inszenierung von Müllers Stück "Der Auftrag" aus Hannover – eine Arbeit der Festivalleiter selbst – eröffnet das Festival. In einer Hörspielreihe im Planetarium können die Besucher in den Kosmos Heiner Müller eintauchen. Zeitgebunden könnten diese Hörspiele manchmal wirken, werden hier doch oft konkrete Probleme einer DDR im Aufbau oder im Endstadium bearbeitet. Zeitgebunden erscheine das aber nur, wenn man nicht genau hinhöre oder das Gestern nicht als Teil des Heute begreife, sagt Jürgen Kuttner: "Das, was der als Geschichte beschreibt, ist immer noch unsere Gegenwart." Deswegen sei "Der Auftrag" einer der aktuellsten Stücke. Darin geht es um drei Revolutionäre, die nach Haiti fahren und die Sklavenbefreiung organisieren sollen. Als der Auftrag obsolet wurde habe sich der eine der beiden wieder zurückgezogen, sei heimgekehrt in die bürgerliche Familie und Außenminister geworden - wie Joschka Fischer. Ein anderer werde hingerichtet und der dritte sterbe. "Das ist die Welt, in der wir leben, das müssen wir uns nur klar machen", meint Kuttner.

Wie überhaupt der Appell der Macher an das Festivalpublikum ist: Habt Spaß, seid neugierig, strengt dabei trotzdem immer eure eigenen Köpfe an! "Es ist nicht so, dass wir für dieses Festival eine These hätten oder einen Lehrsatz. Sondern: Jeder kann Brecht verstehen, jeder kann Heiner Müller verstehen, dazu gehört auch ein bisschen Mühe. Und was wir bestenfalls können, ist neugierig machen. Dass man denkt: Muss ich nochmal nachgucken. Das wäre sowieso das Maximum dessen, was Kunst erreichen kann."

Das Brechtfestival Augsburg läuft vom 14. bis 23. Februar.

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