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"Aufstehen für die Kultur": Künstler verlangen mehr Gehör | BR24

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Mehrere hundert Kulturschaffende demonstrierten auf dem Münchner Königsplatz für den Erhalt der Arbeitsplätze und warnten, dass die Kultur "erstickt und erstirbt". Ehemalige Kunstminister zeigten sich besorgt und verärgert über die aktuelle Politik.

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"Aufstehen für die Kultur": Künstler verlangen mehr Gehör

Mehrere hundert Kulturschaffende demonstrierten auf dem Münchner Königsplatz für den Erhalt der Arbeitsplätze und warnten, dass die Kultur "erstickt". Ehemalige Kunstminister zeigten sich besorgt und verärgert über die aktuelle Corona-Politik.

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Von
  • Peter Jungblut
  • Manuel Rauch

Gerade noch rechtzeitig, als sich ein paar hundert Teilnehmer auf dem Münchner Königsplatz versammelten, hörte der Regen auf und hier und da blitzte sogar mal der blaue Himmel durch die Wolken. Ein Hoffnungszeichen, zumindest rein wettermäßig. Natürlich hoffen die Veranstalter inständig, dass die Kultur nicht länger im Regen steht. Doch so alarmierend, wie die aktuellen Corona-Infektionszahlen sind, scheinen irgendwelche Lockerungen illusorisch. Und so waren die Teilnehmer hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Bangen.

Die Veranstalterin und Initiatorin der Demo, Veronika Stross, ist freischaffende Bratschistin und spielt in mehreren Orchestern. Aufgeregt ist sie, verständlicherweise, denn bei vielen Kulturmachern geht's um ihre Existenz: "Wir sind eigentlich kurz davor, dass die Kultur erstickt, stirbt. Ich sage das jetzt so dramatisch, aber es ist wirklich so. Wir müssen schauen, dass wir das aufhalten können."

"Kunst und Kultur sind systemrelevant"

Nach Angaben der Polizei kamen insgesamt rund 800 Menschen, um auf die Not der Kulturschaffenden im Freistaat hinzuweisen. Die Organisatoren schätzten die Teilnehmerzahl auf gut 1.000. Mit dabei waren zahlreiche Prominente. Der Liedermacher Konstantin Wecker und der Kabarettist Gerhard Polt richteten sich per Videobotschaft an die Demonstranten.

Die Stimmung war friedlich. Alle Demo-Teilnehmer trugen Mund-Nasen-Schutz. Zu Beginn hatten sich die Veranstalter klar von Corona-Leugnern distanziert. "Die können gleich wieder heimgehen", hatte Schauspieler und Kabarettist Roland Hefter auf der Bühne gesagt.

Hefter betonte: "Kunst und Kultur sind systemrelevant. Ohne Kunst und Kultur geht alles kaputt." Er forderte, die finanzielle Unterstützung für Künstler müsse so sein, dass man nicht nur von seinen Ersparnissen leben müsse.

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Hunderte Künstler und Kulturschaffende haben auf dem Königplatz demonstriert und auf ihre Nöte aufmerksam gemacht. Dabei ging es ihnen nicht nur um Geld, sondern auch um Möglichkeiten wieder arbeiten zu können.

"Nicht gedacht, dass es so schwer ist"

Vier Kunstminister ließen sich auf der Demonstration blicken, drei ehemalige und der aktuelle, der bayerische Kunstminister Bernd Sibler (CSU). Dieser musste auf der Bühne Buh-Rufe hinnehmen.

Siblers Vorgänger Wolfgang Heubisch von der FDP verweist darauf, dass das Hilfsprogramm für Künstler erstens ein Flop gewesen und zweitens Ende September beendet worden sei. Er ist schwer verärgert über das Tempo und die Inhalte der aktuellen Kulturpolitik und kritisierte auch Ministerpräsident Markus Söder persönlich: "Bayern ist ein Kulturstaat, darauf hat er geschworen, und da muss sich endgültig was rühren, und nicht nur immer Ankündigungen. Jetzt sind wir schon wieder drei Wochen über der Frist. Das Hilfsprogramm ist ausgelaufen, jetzt soll ein neues kommen, da habe ich schon wieder gelesen, dass dafür ein Steuerberater nötig ist. Da kann ich nur sagen: Versteht ihr nicht, welche Aufgabe die Kultur gerade in unserem Freistaat hat? Ich habe nicht geahnt, dass es so schwer ist, das rüberzubringen."

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Kunstminister Bernd Sibler auf der Demo

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Julian Nida-Rümelin unter den Propyläen

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Ehemaliger Kultusminister Hans Maier

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Veranstalterin Veronika Stross

Selbst der 89-jährige Hans Maier war da, langjähriger Kultusminister unter Franz-Josef Strauß. Ja, er geht nach wie vor in Orgel-Konzerte, verrät er, sogar "gerade jetzt": "Man sollte sich nicht verkriechen, sondern nach Möglichkeit am geselligen Leben teilnehmen." Und wie es seine Art ist, kritisiert er die aktuelle Politik nicht frontal, sondern sehr bedächtig, aber deutlich. Auf die Tonart komme es an: "Wichtig erscheinen mir nicht nur Handlungen, sondern auch Haltungen und Umgangsweisen. Auch die Worte muss man sorgfältig wählen. Aber unser Ministerpräsident ist ja lernfähig. Er hat ja im Laufe der letzten zehn Jahre auch erstaunliche Volten geschlagen. Ich hoffe, dass er diese Lernfähigkeit auch im Bereich der Künste zeigt."

Nida-Rümelin: "Ich mache mir einfach Sorgen"

Weil die Kulturschaffenden untereinander selten einig seien, sei es gar nicht leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, so Maier. Umso wichtiger sei die Demo. Und der frühere Bundeskultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin, seit Jahren Philosophie-Professor in München, erinnert im Gespräch mit dem BR daran, dass viele Künstler innerlich bereits so gut wie abgeschlossen haben mit ihren bisherigen Tätigkeiten: "Meine Sorge ist, dass viele Künstlerinnen und Künstler sich derzeit überlegen, ob sie ihren Beruf überhaupt noch ausüben können. Konzertveranstalter, die sich fragen, ob sich das in den nächsten Jahren je wieder normalisieren wird, ob die Ängste nicht so tief sitzen, dass wir Großveranstaltungen gar nicht mehr machen können. Deshalb braucht es jetzt eine gesamtgesellschaftliche Verantwortlichkeit, und die sehe ich im Augenblick nicht. Es gibt lediglich Pflaster, die auf Probleme geklebt werden. Also, ich mache mir da schon Sorgen."

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Mehrere hundert Künstler haben bei einer Kundgebung in München an die Politik appelliert, die Kulturszene in der Corona-Pandemie mehr zu unterstützen. Ihre Aktion steht unter dem Motto "Aufstehen für die Kultur". Die Polizei zählte 400 Teilnehmer.

Nida-Rümelin fehlt es an der seiner Meinung nach nötigen Konsequenz in der Politik. Er verweist wie viele andere darauf, dass es in Zügen und Flugzeugen oft gar keine Abstände gibt, im Theater jedoch selbst mehrere freie Sitze angeblich nicht ausreichen, um die Sicherheit der Zuschauer zu gewährleisten: "Ich bin tatsächlich der Meinung, dass wir klare, nachvollziehbare, kohärente Kriterien brauchen, nach denen sich die Maßnahmen dann je nach Risikolage orientieren. Das heißt, die Maßnahmen können sich unterscheiden, aber die Kriterien müssen klar sein, und davon kann gegenwärtig keine Rede sein."

Für Nida-Rümelin ist "Risiko überschaubar"

Nida-Rümelin sieht eine "Diskriminierung der Kultur". Er frage sich, ob die Strategie der vergangenen Monate, nach der die Politik vor dem "hochgefährlichen" Corona-Virus warne, zielführend sei. Er verstehe sich auf Statistiken und komme daher zum Ergebnis: "Für das Gros der Bevölkerung, also diejenigen, die keine Vorerkrankungen haben oder hochbetagt sind, ist das Risiko überschaubar. Für die jungen unter 35 Jahren ist das Risiko sogar geringer als bei einer Grippe. Das spricht sich herum." Es gehe folglich darum, Corona aus den Alten- und Pflegeheimen heraus zu halten und Risikopatienten mit FFP-2-Masken auszustatten, die einen erhöhten Schutz böten: "Die Perspektive eines zweiten Lockdowns ist für mich nicht nur deshalb keine Option, weil sie Not und Leid mit sich brächte, sondern weil die Effektivität des Lockdowns durchaus in Zweifel gezogen werden kann." Ein Theaterbesuch sei jedenfalls "weitgehend ohne Risiko" und Menschen, die sich dafür interessierten, sollten ihre Pläne keinesfalls aufgeben.

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Ohne Kultur ist Gesundheit sinnlos - eine der Parolen

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Entschiedene Haltung

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Sorgen um Existenz

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Anwalt für die Musik

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Systemrelevante Kultur?

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Kultur - und keiner geht hin?

Sibler: "Wir müssen sehr aufpassen"

Kunstminister Bernd Sibler arbeitet derzeit an den Details des angekündigten neuen Hilfsprogramms für Künstler, das ohne zeitliche Begrenzung angekündigt wurde, "solange die Pandemie dauert". So soll es ein besonderes Stipendien-Angebot für arbeitslose Berufseinsteiger in Kunst und Kultur geben. Auch die Spielstätten sollen weiterhin gefördert werden. Einzelheiten werden wohl nächste Woche bekannt gegeben.

Doch Lockerungen etwa bei den Obergrenzen für Zuschauer lehnt Sibler derzeit ab - obwohl zehn Intendanten in einem Offenen Brief an Söder verlangt haben, auch bei hohen Infektionszahlen die derzeitige Höchstgrenze von 200 Zuschauern nicht abzusenken: "Tatsächlich sind die Zahlen jetzt zu früh zu hoch. Das ist das Problem. Wir haben zwar gute Erfahrungen im Kunst- und Kulturbereich, aber die Leute müssen hin kommen, die müssen irgendwo mit anderen Menschen zusammentreffen, also wir müssen sehr, sehr aufpassen, dass die Zahlen nicht noch weiter steigen."

"Die Zahlen überrennen uns"

Er wisse, so Sibler gegenüber dem BR, dass er den Theatern gerade viel zumuten müsse: "Ich habe fast alle Intendanten schon erreicht, mit vielen von ihnen gesprochen. Im Einzelgespräch bekommt man schon mehr Verständnis für die Maßnahmen. Aber es ist schon eine schwierige Entscheidung, weil wir in den letzten Monaten hart daran gearbeitet haben, dass wir mehr Öffnungen hinbekommen. Die Zahlen überrennen uns, also kann der Kurs nicht weiter verfolgt werden."

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Moderator Roland Hefter eröffnet die Kundgebung

Wo mehr als 100 Infektionsfälle pro 100.000 Einwohnern in einer Woche vorkommen, wird die Zahl der Zuschauer also wohl tatsächlich bei maximal fünfzig liegen. Die örtlichen Gesundheitsämter, so Sibler, könnten jedoch Ausnahmeregelungen anordnen. CSU-Urgestein Hans Maier jedenfalls bleibt trotz seines hohen Alters gelassen und warnt vor einem zweiten Lockdown. Er hat nicht vor, in nächster Zeit durchweg daheim zu bleiben, sondern will weiterhin Veranstaltungen besuchen: "Ja, gerade jetzt, meine ich. Eine Gesellschaft kann ja nicht auf null und auf Bewegungsunfähigkeit heruntergefahren werden. Das kann man vorübergehend und in Krisenzeiten und mit hohen Ansteckungsrisiken ein paar Tage tun, aber nicht auf die Dauer."

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Die Sorge um die Kultur in Bayern in sehr groß, so der Kabarettist Wolfgang Krebs. Wichtig seien jetzt strukturerhaltende Maßnahmen, also beispielsweise die Unterstützung für Veranstalter, denn sie organisieren auch die wichtige Kleinkunst.

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