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Aufsehenerregende Studie: Werden Studenten immer intoleranter? | BR24

© Bernd F. Oehmen/Picture Alliance

Haupteingang: Universität Frankfurt

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    Aufsehenerregende Studie: Werden Studenten immer intoleranter?

    Selbst an den Universitäten sinkt offenbar die Bereitschaft, andere Meinungen zuzulassen, so eine wissenschaftliche Untersuchung. Vor allem mit betont konservativen Ansichten in Forschung und Lehre hadern viele Studenten, andere schweigen lieber.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Der Befund ist durchaus alarmierend: Zumindest Studenten der Frankfurter Goethe-Universität, so eine Studie, die in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" veröffentlicht wurde und deren englischsprachige Fassung im Netz nachzulesen ist, sind nicht durchgängig bereit, andere Meinungen zu ertragen. Darüber hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) unter der Überschrift "Toleranz im geschlossenen Zirkel" berichtet. Tatsächlich zeigt ein Blick in die Studienergebnisse, die am 26. Oktober veröffentlicht wurden, dass viele Studierende zunehmend Schwierigkeiten mit betont konservativen Ansichten haben. Durchgeführt wurde die Untersuchung von den beiden Sozialforschern Matthias Revers (Leeds) und Richard Traunmüller (Mannheim).

    Sogar Bücher gelten als gefährlich

    Sie schreiben in ihrer Zusammenfassung, dreißig Prozent der Befragten seien der Meinung, dass jemand, der behauptet, der Islam gehöre nicht zur westlichen Welt, auf dem Universitätsgelände keine Rede-Erlaubnis erhalten sollte. Sogar eine Mehrheit von 54 Prozent der Studenten würde allen, die Homosexualität für "unmoralisch" halten, auf dem Campus den Mund verbieten. Noch mehr, nämlich 64 Prozent, wollen nicht, dass an der Uni Lehrkräfte unterrichten, die glauben, dass Männer und Frauen "aus biologischen Gründen unterschiedliche Fähigkeiten" haben. Rekordverdächtige 84 Prozent der Studenten könnten keine Dozenten ertragen, der Homosexualität für "unmoralisch" hält. Ein gutes Drittel der Umfrageteilnehmer will sogar die Bücher von solchen Autoren aus den Bibliotheken entfernen.

    © Michael Zegers/Picture Alliance

    Auf dem Campus: Gefährliche Debatte?

    Vor allem untereinander haben Studenten offenkundig Probleme, offen und ehrlich zu ihrer Meinung zu stehen. Jeder vierte hat schon mal negative Erfahrungen mit einer Meinungsäußerung gemacht und ein Drittel fühlt sich in Seminar-Debatten an der freien Rede gehindert. Die Autoren zitieren dazu einen seit Jahrzehnten nur noch selten genannten Klassiker der Sozialforschung, Elisabeth Noelle-Neumanns "Schweigespirale" (1980), wo behauptet wurde, dass sich viele Menschen nicht mehr trauen, ihre wahren Ansichten mitzuteilen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie dem echten oder gefühlten "Meinungsklima" widersprechen. 31 Prozent der Befragten in der neuen Studie antworteten, sie fürchteten "etwas" oder sogar "extrem" beleidigte Reaktionen von Kommilitonen. Aber nur zwanzig Prozent hatten Angst, für eine Meinung vom Dozenten kritisiert zu werden.

    Schauen alle durch dieselbe Brille?

    Studenten, die sich selbst als "links" einstuften, taten sich besonders schwer, Sprecher mit gegenläufiger Ansicht zu ertragen, so die Autoren der Studie. Eher konservativ eingestellte Studierende hätten besondere Schwierigkeiten, sich zu Themen wie Sexualität, Geschlechter-Debatte und Einwanderung zu äußern. Aber sogar Vertreter der "Mehrheitsmeinungen" blieben vorsichtig und/oder hatten negative Erfahrungen gemacht. Das alles dürfte Wasser auf die Mühlen der Kritiker von "Cancel Culture" und falsch verstandener politischer Korrektheit sein. Gleichwohl kann es nicht verwundern, dass es an einer Universität, die traditionell als linksliberal gilt, konservative bis reaktionäre Ansichten schwer haben. So wollen 38 Prozent der Befragten, die überhaupt gewählt haben, sich für die "Linke" entschieden haben, 24 Prozent für die Grünen, nur acht Prozent für CDU und FDP. Bei so einem engen Ausschnitt der Gesamtgesellschaft scheinen entsprechende Ergebnisse nur folgerichtig.

    "Die Frankfurter Goethe-Universität war ein Brennpunkt des Geschehens. Bei einem Podium über das Kopftuch flogen sogar die Fäuste, weil fleißige Diskurswächter auf dem Podium eine Brutstätte rechten Denkens witterten", schreibt die "FAZ" in ihrem Artikel über die Studie. In dem jetzt veröffentlichten Text von Revers und Traunmüller selbst wird ein FDP-naher Student zitiert, der bei einer Diskussion über den amerikanischen Wahlkampf von 2016 von seinem Dozenten mit dem Hinweis gerüffelt worden sein will, "bestimmte Meinungen seien keine Meinungen". Eine Studentin gab zu Protokoll, der "Chef im Raum" habe eine "sehr klare Ansicht", der schwer zu widersprechen sei.

    Wird das Vertrauen der Öffentlichkeit beschädigt?

    Das Fazit der Wissenschaftler: "Wir haben alle unsere Vorurteile und blinden Flecken, aber wenn wir alle durch dieselbe ideologische Brille auf kritische Themen der Sozialwissenschaften schauen, verlieren wir als Berufsstand unsere Fähigkeit, sie wahrzunehmen und zu korrigieren. Einförmige Fakultäten von politisch gleichgesinnten Studenten, Lehrern und Forschern können den Sozialwissenschaften nicht förderlich sein. Der Mangel an unterschiedlichen Standpunkten unterhöhlt nicht nur die intellektuelle Kreativität und die wissenschaftliche Genauigkeit, sondern wird letztlich auch das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Sozialforschung beschädigen."

    Von den insgesamt knapp 7000 Studenten der Sozialwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität antworteten den Wissenschaftlern 932, aber nur 501 haben die Fragebögen zu achtzig und mehr Prozent ausgefüllt. Die Erhebung wurde vom 16. Mai bis 2. Juli 2018 durchgeführt.

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