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Aufruhr an der Pariser Oper: Tänzer wehren sich gegen Rassismus | BR24

© Sébastien Muylaert/Picture Alliance

Oper Paris: Rassismus-Debatte

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    Aufruhr an der Pariser Oper: Tänzer wehren sich gegen Rassismus

    Strumpfhosen, die je nach Hautfarbe aufgehellt werden, Auftritte mit gelb gefärbten Gesichtern, ruppiger Umgangston: Tänzer des Pariser Balletts wehren sich mit einem Manifest gegen Rassismus in ihrer Institution. In München gelten andere Regeln.

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    Am 25. Mai, dem Tag, als der Afroamerikaner George Floyd bei einer gewaltsamen Festnahme in Minneapolis starb, setzten sich fünf Tänzer der Paris Oper zusammen, um über Rassismus zu sprechen - und zwar nicht nur den in den Vereinigten Staaten, sondern vor allem über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema. "In der Oper selbst haben wir kaum Schwierigkeiten", so der 20-jährige Tänzer Guillaume Diop in der französischen Zeitung "Le Monde", "aber wir hatten den Eindruck, dass auch da Veränderungen nötig sind und das wir als Künstler, die rassistische Erfahrungen machen, darüber sprechen müssen, was wir durchmachen." Also schrieb Diop gemeinsam mit den Ensemble-Mitgliedern Letizia Galloni, Jack Gasztowtt, Awa Joannnis und Isaac Lopes Gomes ein Manifest mit dem Titel "Über die Rassismusfrage an der Pariser Oper" (De la question raciale à l'Opéra des Paris).

    "Immer noch zu wenig Vielfalt"

    Initiator Diop hat trotz seines jugendlichen Alters bereits seit Jahren Gelegenheit, die Arbeitsbedingungen im Pariser Ballett zu beobachten: Seit seinem zwölften Lebensjahr absolvierte er an der Ballettschule der Oper in Nanterre seine Ausbildung, seit August 2018 ist er Mitglied in der Kompagnie – und hat dort, so ein Interviewer der Website "coredeballet", das "ansteckendste Lachen aller Zeiten". Doch der Alltag der Tänzer ist alles andere als witzig. Die Rassendiskriminierung sei auch in der französischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig, heißt es in dem Manifest, da mache die Oper leider keine Ausnahme: "Es gibt weiterhin problematische Gewohnheiten, bestimmten diskriminierenden Ausdrücken könnte deutlich wirksamer entgegen getreten werden, in der Kunst gibt es immer noch zu wenig Vielfalt." Mit der Stellungnahme wollen die Verfasser nach eigenen Worten "die Rassenfrage aus dem Schweigen" herausholen, das sie an der Oper immer noch umgebe.

    © Laurent Paillier/Le Pictorium

    Tänzer in der Pariser Opera Garnier

    Für den Alltags-Rassismus nennen die Tänzer zahlreiche Beispiele, die auch auf der französischsprachigen Website "sceneweb" aufgezählt werden: So würden Gesichter für Ballette mit "exotischen" Schauplätzen immer noch "schwarz" oder "gelb" geschminkt, etwa bei "La Bayadère" von Léon Minkus, einem viel gespielten Ballett, in dem es um die unglückliche Liebe einer indischen Tempeltänzerin geht. Bei Proben würden schwarze Tänzerinnen angeblafft, sie sollten sich "nicht wie eine Negerin" bewegen, asiatische Ensemble-Mitglieder würden mit "Hey, Koreaner" angesprochen, weil deren Namen "zu kompliziert" seien. Zahlreiche schwarze Tänzer glätteten ihre Haare, um attraktivere Rollen zu bekommen.

    Rosa Trikots gibt es nicht mehr

    Strumpfhosen würden seit Jahren je nach Hautfarbe aufgehellt, um auf der Bühne ein möglichst gleichartiges Erscheinungsbild herzustellen. Wenigstens die ehemals "fleischfarbenen" Trikots seien nicht mehr im Gebrauch, da sie doch zu "rosa" waren, stattdessen sollten sie farblich "nuancierter" werden. Säle, die längst offiziell umbenannt seien, wie das einstige "Carré der Negerinnen" im Palais Garnier, würden mündlich immer noch mit dem alten Namen bezeichnet. Ähnlich sei es mit dem "Tanz der Neger" in der "Bayadère", der vom früheren Ballettdirektor Benjamin Millepied zwar in "Kindertanz" umgetauft worden sei, was allerdings bis heute nicht alle respektierten. Insgesamt sei es dringend geboten, darüber nachzudenken, wie zeitgemäß das traditionelle "Weiße Ballett" noch sei.

    © Picture Alliance

    Benjamin Millepied (li.) mit Natalie Portman

    Das Rassismus-Thema verfolgt das Pariser Ballett seit dem Rücktritt von Direktor Benjamin Millepied im Februar 2016. Der prominente Choreograph und Ehemann der Schauspielerin Natalie Portman, der auch im Erfolgsfilm "Black Swan" mitspielte, hatte kurz nach seinem Dienstantritt im Oktober 2014 öffentlich erklärt, es gebe in der Truppe "einen hinterhältigen Rassismus". So sei ihm nahe gelegt worden, in Ensemble-Szenen keinen nicht-weißen Tänzer auftreten zu lassen, das "lenke zu sehr ab". Zwar zeigte sich Milllepied zunächst entschlossen, mit solchen Vorurteilen aufzuräumen, warf jedoch schon nach einem Jahr das Handtuch und ging zurück zum L.A. Dance Project, wo er auch schon zuvor tätig war.

    In München werden Tänzer nicht "überschminkt"

    Am Bayerischen Staatsballett in München wird übrigens keinem Tänzer mit Schminke oder Trikots für seinen Auftritt eine andere Hautfarbe verpasst, so Pressesprecherin Annette Baumann gegenüber dem BR. Wenn der kubanische Solist Osiel Gouneo die Titelrolle im "Spartakus" übernehme, sei die Figur eben schwarz. Ein Blick auf die Porträts des Ensembles im Internet zeigt allerdings auch, dass es in München vergleichsweise wenige nichtweiße, außereuropäische Tänzerinnen und Tänzer gibt, darunter als Solisten den ebenfalls kubanischen Tänzer Yonah Acosta und den Chinesen Jinhao Zhang. Wenn Ausstatter und Maskenbildner tätig würden, so Baumann, dann nie, um eine Hautfarbe zu übertünchen, sondern allenfalls um zum Beispiel im "Sommernachtstraum" sonnengebräunte Haut vorzutäuschen. Für schwarze Tänzer gebe es dunkle Trikots, nicht etwa "fleischfarbene" mit aufhellender Wirkung. Es sei schon vorgekommen, dass einem Tänzer mit einem besonders markanten Lockenkopf die Haare geglättet worden seien, aber der Betroffene sei weiß gewesen, das habe also nichts mit der Hautfarbe zu tun gehabt und sei rein künstlerisch begründet gewesen.

    © Emeric Fohlen/Picture Alliance

    Palais Garnier: Repräsentative Spielstätte

    Mit ihrem Anliegen blieben die Pariser Tänzer nicht allein: Inzwischen haben rund 400 von insgesamt knapp 1900 Mitarbeitern der Oper das Manifest unterschrieben. Es gibt auch erste Konsequenzen, nicht nur mehr Sensibilität, was die Trikots betrifft. Die Maskenbildner wurden eigens geschult, nicht-weiße Hautfarben und "krause" Haare nicht länger zu überschminken bzw. nicht zu glätten. Der neue Intendant Alexander Neef, bisher Leiter der Oper in Toronto, zeigte sich "sehr betroffen" von der Debatte und verwies darauf, dass er sich in Kanada längst mit diesen Themen beschäftigt habe. Bereits am 15. Juli stellte er sich persönlich den Autoren des Manifests in einer Videokonferenz. In Paris sieht er sich einer "Mission für mehr Vielfalt" verpflichtet und will dazu bis 15. Dezember einen Bericht vorlegen. Beauftragt hat er damit die Bürgerrechtlerin Constance Rivière und den Sozialhistoriker Pap Ndiaye, der einen senegalesischen Vater hat und in den Pariser Vororten aufwuchs.

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