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Neues Ensemble, neues Programm: Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft zeigt "Aufgestaut".

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"Aufgestaut": So gut ist das neue Lach & Schieß-Ensemble

Lauter Irre und Übermotivierte in einem Bus im Dauerstau: Im neuen Programm der Kabarett-Truppe kommt keiner vom Fleck – und gerade das macht die Akteure wahnsinnig und das Publikum glücklich. Trotz Regen eine gefeierte Open-Air-Premiere in München.

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Von
  • Peter Jungblut

Ein Bus steht im Stau – aber was ist daran die Katastrophe? Dass es nicht weiter geht? Halb so schlimm. Dass es keinen Netzempfang gibt? Kommt schon mal vor. Dass draußen irgendwer um eine Flasche Wasser bettelt? Lässt sich ja einfach übersehen. Aber dass am Steuer eine Fahrerin sitzt, dass zehrt an den Nerven der Passagiere, zumindest der männlichen. Und so stürmt denn der unterbeschäftigte Motivationstrainer nach vorn und plärrt: "Das hätte man vermeiden müssen. Ich meine, wie können Sie es wagen, da einfach blindlings reinzubrettern? Hier sind Leute im Bus, die Termine haben!" Doch die so Gescholtene greift einfach zum Mikrofon und singt nach der Melodie von Nina Hagens Hiddensee-Hymne "Du hast den Farbfilm vergessen": "Ich kurv die Kutsche bedächtig und korrekt, dennoch versagt mir die Mannschaft den Respekt."

"Und jetzt sage ich Ihnen die Wahrheit!"

Da sitzt sie also ganz vorn singend und grantelnd am Steuer und wartet, was kommt, die Busfahrerin. Und sie hat einiges zu tun, muss sich nicht nur den hyperaktiven Coach vom Hals halten, sondern auch ein frustriertes Ehepaar, einen recht peniblen Beamten aus Niederglobsow, einen Arzt, der zehn Jahre an der Berliner Charité Milz-Transplantationen geübt hat und noch so einige andere, wie zum Beispiel das Ehepaar, das sich endlich mal aussprechen will, und den Bankkaufmann, der rein beruflich auf Hassprediger umgesattelt hat: "Und jetzt sage ich Ihnen die Wahrheit: Wir Hasser sind eigentlich das Rückgrat der Gesellschaft. Im Verborgenen ziehen wir einsam die Strippen. Und mit unseren systemrelevanten Hasskommentaren kriegen wir immer mehr Leute auf die Straße. Wenn ich abends da hocke und die Nachrichten anschaue und sehe, was man damit erreichen kann – das ist pures Gänsehaut-Feeling. Ich mache es ja nicht für mich, ich mache es für alle!"

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Frank Klötgen (links) und Sebastian Fritz (rechts)

Es spricht für das neue Programm der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, dass trotz Nieselregens und wirklich herbstlicher Temperaturen alle Zuschauer im Park der Seidlvilla in München-Schwabing über 90 Minuten unter freiem Himmel sitzen blieben, konzentriert zuhörten, mitunter lachten, häufiger jedoch staunten – etwa über die fleischpredigende Agrarlobbyistin und Julia-Klöckner-Bewunderin aus der Sitzreihe 7, die den Stau für eine Werbebotschaft in eigener Sache nutzt: "Ich meine, viele fragen sich, was kann das Fleisch für mich tun? Aber es muss heißen, was kann ich für das Fleisch tun, und das ist eine ganze Menge, weil das Fleisch nicht für sich selbst sprechen kann."

Bluttrinkende Illuminaten und Impfmafia

Klar, ohne Verschwörungstheorien kommt heute keine Satire aus. Und das Bestürzende daran: Es ist alles noch viel schlimmer. "Die Verschwörungstheorien haben die doch nur erfunden, um uns vom Nachdenken abzuhalten", sinniert der eitle Arzt: "Ist Ihnen mal aufgefallen, dass jede Verschwörungstheorie absolut abstruses Zeug enthält? Chemtrails, chinesische G5-Masten, bluttrinkende Illuminaten, jüdisch unterwanderte Impfmafia! Da schicken sie irgendwelche C-Promis raus, die sich als Staatsfeinde inszenieren und zack, zieht jeder Normalsterbliche seine Kritik doch sofort zurück, weil man mit denen nicht in einen Topf geworfen werden will."

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Viel Applaus: Ensemble nach "Aufgestaut"

Immer schneller dreht sich die Spirale des Wahnsinns in diesem Bus, der keinen Meter vorankommt. Bis die vermeintliche Wahrheit ans Licht kommt: "Wissen Sie, hinten im Bus ist gerade ein Telegram von QAnon angekommen, dass die Scheiben in Wirklichkeit Monitore sind, die von Bill Gates gesponsert sind. Da laufen Lügenfilme, die uns eine Stausituation vorgaukeln, um uns ruhigzuhalten. In Wirklichkeit sind wir schon längst in der Tiefgarage von Hillary Clinton, und die will unser Fleisch als Benzin für Autofahrer verkaufen!"

"Vielleicht können wir uns ja gegenseitig stressen"

Es macht Spaß, diesem Programm zuzusehen, da hat sich doch einiges "aufgestaut" in der Pandemie, und mancher wurde förmlich irre am Nichtstun: "Oh, all die Burnouts, wie ich sie vermisse. Zu meinen besten Zeiten hatte ich zwei in der Woche! Vielleicht können wir uns ja gegenseitig ein bisschen stressen?"

Christl Sittenauer, Sebastian Fritz und Frank Klötgen machen das temporeich, rabiat und ohne Scheu vor sehr schwarzem Humor. Deshalb kommen auch reichlich Passagiere zu Tode, werden lautstark niedergeballert oder meuchlings mit dem Messer massakriert, und als die Minibar leer ist, wird fachkundig darüber diskutiert, wer wohl zuerst verspeist werden sollte: der mollige Gast, an dem vergleichsweise viel dran ist, oder doch besser die gertenschlanke Mitfahrerin, weil die sich so gesund ernährt hat. Regisseur Sven Kemmler streute dabei als Stimmungsaufheller immer wieder Songs ein – so gekonnt, dass eigentlich keiner mehr weiter will, als sich der Stau endlich auflöst. Vielleicht rettet das ja das Weltklima.

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