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Aufarbeitung: 75 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis | BR24

© picture alliance/Marijan Murat/dpa

Der Turm der evangelischen Markuskirche in Stuttgart

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    Aufarbeitung: 75 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis

    Vor 75 Jahren hat die evangelische Kirche ihre Mitschuld an den NS-Verbrechen eingeräumt. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis gilt als erster wichtiger Schritt zur Aufarbeitung von Schuld und der Verstrickung in der NS-Zeit.

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    Deutschland wenige Monate nach Kriegsende. Nicht nur die Städte gleichen Trümmerfeldern, auch die Institutionen müssen sich neu sortieren. So zum Beispiel die Evangelische Kirche. Auch sie hat sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – zwölf Jahre lang mit dem NS-Regime arrangiert. Nur ein knappes halbes Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterzeichnet der vorläufige Rat der EKD am 18. Oktober 1945 die Stuttgarter Schulderklärung.

    Historischer Schritt

    "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben", heißt es darin unter anderem. Das Papier gilt als historischer Schritt, so die Kirchenhistorikerin Claudia Lepp von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

    "Es war für die damalige Zeit etwas sehr Wichtiges, denn es wurde klar bekannt, Kirche hat sich schuldig gemacht. Und das war eben die Voraussetzung für die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der Ökumene und hatte für die Kirche durchaus positive Folgen." Claudia Lepp, Kirchenhistorikerin

    Anlass für das Bekenntnis war der Besuch hochrangiger Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Sie machten ein Schuldbekenntnis zur Bedingung für Hilfen an Deutschland. In der Bevölkerung löste das Dokument damals einen Sturm der Empörung aus. Aus heutiger Sicht dagegen fallen vor allem die Leerstellen auf: kein Wort über den Holocaust, die Juden oder andere Opfergruppen. Die recht allgemeinen Formulierungen waren offenbar schon das Maximum dessen, was zu diesem – immerhin sehr frühen – Zeitpunkt möglich war, sagt Claudia Lepp.

    "Man konnte ja kein Volk austauschen, man konnte auch kein Kirchenvolk austauschen. Das heißt, 1945 hatte man noch sozusagen das gleiche Kirchenvolk wie 1944. Und auch bei den Kirchenleitungen waren das nicht alles Leute, die Widerstand geleistet haben, das waren auch nicht alles Leute, die frei von Antisemitismus waren. Das heißt, das war ein langer Prozess." Claudia Lepp, Kirchenhistorikerin

    Von "zweiter Schuld" ist in diesem Zusammenhang oft die Rede, denn auch in der Nachkriegszeit wurde vieles verdrängt. Der Wandel kam mit dem Generationenwechsel, dem jüdisch-christlichen Dialog, Studienkommissionen und Neuansätzen wie der Theologie nach Auschwitz. Meilensteine, die inzwischen von neurechten Kreisen in Frage gestellt werden, wenn sie Vergangenheitsbewältigung als Schuldkultur stigmatisieren. Liane Bednarz, die sich seit Jahren als Autorin mit diesen Gruppen beschäftigt, sieht hier eine Gefahr.

    "Der Schuldkult ist eines der ganz zentralen Themen der neuen Rechten, damit wird die Erinnerungskultur verächtlich gemacht. Es wird behauptet, dass aufgrund des angeblichen Schuldkults sich Deutschland in eine multikulturelle Gesellschaft flüchte. Wenn diese Vorstellung auch noch einen christlichen Anstrich bekommt, dann wird es natürlich schon gefährlich, weil immer, wenn rechte Topoi sich ein christliches Gesicht verschaffen können, haben sie es viel einfacher, in die bürgerliche Mitte vorzudringen." Liane Bednarz, Autorin

    75 Jahre nach Unterzeichnung der Stuttgarter Erklärung ist der Umgang mit der Schuld also aktueller denn je. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm betont: "Die Frage, ob es noch immer an der Zeit sei, dieses Gedenken aufrecht zu erhalten, stellt sich nicht." Die Erinnerung an die Schuld und die Einsicht einer großen Verantwortung gehöre mittlerweile zur DNA der Evangelischen Kirche.

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