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Das chinesische Konsulat in Hamburg setzte einen Verlag unter Druck - erfolgreich. Nun berichtete eine in Deutschland lebende Chinesin dem BR, wie "Empörung" erzeugt werden sollte: Mit Aufrufen in Chatgruppen - doch nur zehn von 171 Usern reagierten.

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Auf Wunsch Empörung: So sorgt China in Deutschland für "Ordnung"

Das chinesische Konsulat in Hamburg setzte einen Verlag unter Druck - erfolgreich. Nun berichtete eine in Deutschland lebende Chinesin dem BR, wie "Empörung" erzeugt werden sollte: Mit Aufrufen in Chatgruppen - doch nur zehn von 171 Usern reagierten.

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Von
  • Peter Jungblut

Die chinesische Gemeinde in Deutschland sei "verärgert", hieß es letzte Woche in einer Mitteilung auf einer halboffiziellen Seite des "China Internet Information Centers". Grund dafür war ein einziger Satz in dem im Juni vergangenen Jahres erschienenen deutschen Kinderbuch "Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz", wonach das Corona-Virus aus China stamme und sich von dort ausgebreitet habe. Das will das offizielle China nicht wahrhaben, kündigte sogar eine Strafanzeige an und erreichte letztlich, dass der Carlsen-Verlag einknickte. Das Buch wurde zurückgezogen und soll ohne den beanstandeten Satz neu gedruckt werden, nach Angaben des Verlags, weil die Passage "von untergeordneter Relevanz" sei.

Vom chinesischen Konsulat in Hamburg hieß es bei "German.China.org", es sei bei Carlsen "vorstellig geworden" und "warne" die chinesischen Landsleute. Sie sollten "vorsichtig und ruhig" sein, wenn sie "mit solchen Handlungen konfrontiert würden". Provokation, Diskriminierung und Hass seien "nicht mit den Grundwerten in Deutschland vereinbar".

Nur zehn von 170 Frauen teilten die "Empörung"

Das offizielle China gab sich also den Anschein, als müsse es seine eigenen, aufgebrachten Bürger im Zaum halten und bremsen, unüberlegte Schritte gegen Carlsen zu unternehmen. Ein namentlich nicht genannter chinesischer "Anwalt" wurde mit dem Satz zitiert, "beleidigende und diskriminierende Handlungen gegen chinesische Einwanderer und ihre Kinder in Deutschland" würden zunehmen, "was an irreführenden Berichten einiger deutscher Medien liege".

Aber stimmt das wirklich, dass die chinesische Gemeinde in Deutschland hellauf empört war? Beim BR meldete sich eine Akademikerin, die in Deutschland an einer Hochschule arbeitet und Chinesisch unterrichtet, und sie berichtete, dass in einer WeChat-Gruppe, einer Plattform des chinesischen Anbieters Tencent, in der sie sich mit anderen Frauen austauscht, nur zehn von 170 Mitgliedern die offiziell gewünschte "Empörung" geteilt hätten.

Die allermeisten hätten sich für die Angelegenheit überhaupt nicht interessiert, einige wenige die eine oder andere Position dazu eingenommen. Im Übrigen, so die Frau, werde das wohl genauso gehandhabt wie in China auch: Jemand regt sich über irgendwas auf und läuft mit einer Denunziation zum Amt: "Das läuft genau wie in China mit der Zensur. Ein Leser oder eine Leserin sieht irgendwo einen verdächtigen Begriff und meldet ihn bei den zuständigen Behörden, alarmiert sie. Damit ist das Regime eingeschaltet."

Gern wird die "Angst um die Sicherheit" geschürt

Und wenn erstmal das "System" eingeschaltet sei, laufe alles von selbst. In der Regel führten die Behörden zwar im Hintergrund Regie, aber eben nicht öffentlich sichtbar. Stattdessen werde über Bande gespielt, würden willfährige Leute gesucht, die sich als "besorgte Bürger" zur Verfügung stellen und ihren Unmut äußern, mal über dies, mal über jenes. Diktaturen in aller Welt folgen ja diesem Muster und behaupten ständig, sie handelten im Sinne des Volkes: "Die Botschaft oder die Konsulate stehen bei solchen Aktionen normalerweise nicht in der ersten Reihe. Sie machen das über eine Privatperson oder eine Landsmannschaft oder einen Verein chinesischer Wissenschaftler oder Studenten. Diese Vereine haben neutrale und unabhängige Namen. Entweder sind sie direkt abhängig von den Behörden, oder jemand in der Leitung steht in Verbindung mit ihnen." Gern schürten die Behörden derzeit bei den Landsleuten die "Sorge um die eigene Sicherheit", so die Chinesin.

© Bernd von Jutrczenka/Picture Alliance
Bildrechte: Bernd von Jutrczenka/Picture Alliance

Demonstration vor der chinesischen Botschaft in Berlin im Juni 2020

Wer chinesische Medien nutze, habe den Eindruck, dass Chinesen nur in China wirklich sicher sind - überall sonst lauerten Gefahren. Ein Ablenkungsmanöver, was sonst: "Von den chinesischen Medien werden solche Berichte bevorzugt, wonach Chinesen im Ausland gehasst oder überfallen werden, das Thema wird sehr in den Vordergrund gestellt. Ich denke, diese Verknüpfung steigert bei den Chinesen die Sorge um die eigene Sicherheit und lenkt die Menschen vom eigentlichen Thema ab, in diesem Fall dem Ursprung des Corona-Virus."

"Ja, ich habe Angst"

Mag sein, dass es wirklich einzelne Chinesen hierzulande gibt, die das Kinderbuch des Hamburger Carlsen-Verlags unerträglich fanden, nur, weil dort zu lesen war, wo nun mal die ersten bekannten Infektionen mit dem Corona-Virus auftraten: In China. Doch wer solche Allgemeinplätze druckt, muss mit Gegenwind rechnen. Und für die unabhängig denkenden und handelnden Chinesen werden die Zeiten sogar in Deutschland immer härter: "Ja, ich habe Angst, natürlich, ich muss immer an meine Familie, meine Eltern in China denken. Mir persönlich ist noch nichts Schlimmes passiert, aber ich habe eine Freundin, die vor dem Konsulat in Frankfurt mehrmals protestiert hat. Daraufhin hat sie keinen neuen chinesischen Pass bekommen und durfte fortan nicht mehr reisen, natürlich auch nicht nach China."

Mit dem Geheimdienst oder Spitzeln hatte die Hochschullehrerin persönlich noch keinen Kontakt, berichtet aber, dass offizielle Mitarbeiter angehalten seien, immer nur zu zweit unterwegs zu sein, um sich gegenseitig zu überwachen.

Je mehr Menschen, je mehr Meinungen - demnach müsste es unter den vielen Chinesen eigentlich besonders viele verschiedene Ansichten geben. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Gefragt ist lediglich die Meinung der Führung der Kommunistischen Partei: "Ja, in den letzten Jahren ist es sehr viel schlimmer geworden. Früher hatte man noch die Chancen, sanfte Kritik im Netz zu formulieren, aber heutzutage, glaube ich, wagt niemand mehr, sich zu äußern."

"Man muss wirklich kämpfen"

"Das hat mich überhaupt nicht gewundert", sagte der Schweizer China-Kenner Ralph Weber gegenüber dem BR zu dem Hamburger Fall: "Für mich ist das Teil eines Musters, das wir schon länger beobachten. Die chinesischen Behörden, seien es Konsulate oder Botschaften, versuchen immer mehr, Einfluss zu nehmen." Er bestätigte, das die chinesische Zensur auch im Ausland immer aktiver wird: "Es nimmt an Intensität zu. Der Druck, der durch die Medien ausgeübt wird, zum Beispiel durch die Beilagen, die von China finanziert werden, das hat zugenommen. Es geht letztlich um Diskurs-Steuerung in unseren Gesellschaften. Es geht darum, den Versuch zu unternehmen, zu beeinflussen, wie wir über China denken und sprechen. Dafür werden enorme Ressourcen von China eingesetzt."

Auf die Frage, wie Deutschland auf den chinesischen Druck reagieren sollte, hatte die Hochschul-Lehrerin zunächst keine Antwort parat. Dann schrieb sie nachträglich eine Mail. Wenn jemand hart bleibe, gebe die Partei nach, wenn jemand Schwäche zeige, nutze die Partei das aus - ein Zitat aus Maos Schriften. Das sei auch ihre persönliche Lebenserfahrung, so die Chinesin: "Man sollte wirklich kämpfen, sich wehren. Deutschland hat ja mit der Unterdrückung durch Diktaturen eine ähnliche Erfahrung wie China, wenn man an die Nazi-Zeit denkt oder an die DDR. Man hat keine andere Wahl, man muss wirklich kämpfen." Der Hamburger Carlsen-Verlag hat sich allerdings nicht daran gehalten.

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