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Auf der Suche nach dem ultimativen Heilmittel gegen Kater | BR24

© dpa/ picture-alliance

Der trunkene Silen von Peter Paul Rubens: Benebelt blickt die aufgedunsene Gottheit aus der kaum vorhandenen Wäsche

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    Auf der Suche nach dem ultimativen Heilmittel gegen Kater

    Der Kater gehört zu den weitverbreitetsten Leiden weltweit. Trotzdem ist er Brachland wissenschaftlicher Forschung. Der kanadische Journalist Shaughnessy Bishop-Stall hat das Phänomen erforscht – im zehnjährigen Selbstversuch.

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    Einen Kranz aus Petersilie beim Zubettgehen um den Hals legen – und am Morgen danach zwei rohe Euleneier trinken, verrührt in einem Glas Wein: Das empfiehlt Plinius in der Antike den Freunden von Trinkgelagen. Im Mittelalter setzten die Liebhaber ausschweifenden Weingenusses schlicht auf Kohl, Hering und Käse. In Puerto Rico behandeln die passionierten Trinker ihren Kater mit Limettenspalten – die klemmen sie sich unter die Achsel. In den Alpen geht manch ein Guru dem Kater noch heute mit einem heißen Ganzkörper-Kräuter-Heubad an den Kragen.

    Das sind nur ein paar der unzähligen Heil-Methoden, die der kanadische Autor und selbsternannte Katerforscher Shaughnessy Bishop-Stall auf seiner Suche nach dem ultimativen Heilmittel für den Morgen danach herausgefunden hat. Zehn Jahre hat er getrunken und gesucht. Er hat in Archiven gestöbert, war in Hangover-Hospitals, hat Voodoo-Priester und Ärzte befragt. Und tatsächlich hat er ein Katermittel gefunden. Sich selbst hat er bei seinen Recherchen aber zwischenzeitlich verloren. Doch der Reihe nach.

    © Mark Raynes Roberts

    Der Journalist und selbsternannte Katerforscher Shaughnessy Bishop-Stall

    Man nehme...

    Die gute Nachricht: Der Bishop-Stall'sche Erlöser-Cocktail setzt sich aus einer Reihe von Mitteln zusammen, die allesamt rezeptfrei zu haben sind. Als da wären: Die Vitamine B1, B6 und B12, Mariendistel, N-Acetylcystein (NAC), Magnesium sowie Weihrauch (Boswellia) oder ein analoges entzündungshemmendes Analgetikum. Um die Wirksamkeit zu erhöhen, soll der bizarre Mix auf einmal eingenommen werden – möglichst zwischen dem Alkoholkonsum und dem Schlafengehen. Notfalls auch während des Trinkens oder beim Wiederaufwachen in der Nacht.

    Verhindern soll der Pulver- und Pillenhaufen dem Katerforscher zufolge, dass sich am Morgen danach "ihre Organe versteifen, ihr Magen verkrampft, ihr Gehirn in Flammen aufgeht, ihr Mund sich mit Asche füllt und sich alles, was sie sonst geschluckt haben, wieder nach oben schlängelt."

    .. oder vielleicht besser doch nicht?

    Klingt eigentlich vielversprechend. Allerdings musste Bishop-Stall nach einer Phase hemmungslosen, weil katerlosen Trinkens feststellen: die wirklich heimtückischen Symptome übermäßigen Alkoholkonsums werden damit nicht ausradiert. Erschöpfung, Ängste, innere Leere und Depression setzten ihm zu. Komplett aufgeben wollte er sein Unterfangen aber noch nicht: "Während ich jetzt an der Verfeinerung des Rezepts arbeite – verschiedene Arten von Magnesium und methylierten B-Vitaminen hinzufüge und zu NAD recherchiere –, bin ich mir daher nicht sicher, ob ich im Sinne des Allgemeinwohls handle. Und es könnte sogar noch schlichtere Gründe geben, die dafür sprechen, weiterzukatern".

    © dpa/ picture-alliance

    Wiesnbesucher schläft seinen Rausch aus

    Das Oktoberfest gab ihm den Rest

    Ausgerechnet das Oktoberfest bringt die Wende. Nach einem exzessiven Wiesn-Besuch im zehnten Jahr seiner Anti-Kater-Mission beschließt Bishop-Stall, nach Kanada zurückzukehren und die Recherchen zu seinem Buch abzuschließen. "Mein Geist und mein Körper sind noch immer vulkanisiert, ich habe kein Bargeld mehr und eine stark geschröpfte Kreditkarte, und jeder neue Einfall erscheint mir so lächerlich wie der letzte. Ich fühle mich wie der alte Silenos, der aufgedunsen und magenkrank vom Alkohol über die Erde stolpert, Berge hinunterrast, in Brunnen pinkelt, zuerst inmitten von Nymphen und Satyrn in reinigenden Wasserbecken und dann in Pfützen aus Tränen und in bayrischem Bier das Bewusstsein verliert. Ich muss dem ein Ende bereiten."

    Eigentlich kaum verwunderlich: Denn nach zehn Jahren fast täglichen Alkoholkonsums ist Bishop-Stall gesundheitlich angeschlagen. Er sehnt sich nach den Zeiten zurück, als er noch "jung, schlank und durstig war" und fühlt sich einfach mies: "Es geht mir nicht gut. Ich fühle mich voll und schwer – so sehr, dass es mir manchmal schwerfällt zu sitzen, zu stehen oder die Straße zu überqueren. Und ich hasse dieses Gefühl, das ich einfach nicht loswerde – dass jetzt jeder Tag wieder ein Morgen danach ist. Nie ein neuer Anfang."

    Garantiert heilsam

    In dieser Phase nimmt er sich den Tipp einer Trink-und Katerfreundin zu Herzen, die ihm rät, Jack Londons "König Alkohol" (wieder) zu lesen. "Jack London hat gelernt: Wenn man mit etwas so Starkem herumhantiert – sich direkt hineinstürzt und darin herumrollt –, dann lässt man den Teufel in sein Bett. Und dann kann man ihn nicht einfach wieder hinauswerfen."

    Diese Warnung führt zu einer Option, die Bishop-Stall bislang nicht in Betracht gezogen hat: nichts zu trinken, diesem langweiligsten aber wohl auch wirksamsten Mittel gegen den Katzenjammer, der einen am Morgen danach befällt. Wenigstens von Zeit zu Zeit.

    © Dumont Verlag/ Montage BR

    Cover: Shaughnessy Bishop-Stall VERKATERT. Der Morgen danach.

    Shaughnessy Bishop-Stall: "VERKATERT. Der Morgen danach. Ein Mann auf der Suche nach dem ultimativen Heilmittel", aus dem Englischen von Stephan Kleiner, erscheint im Dumont Verlag

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