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"Auf der Couch in Tunis" beweist Gespür für Charaktere | BR24

© Kazak Productions / Carole Bethuel / Audio: BR

Müssen nach der Revolution in Tunesien alle auf die Couch? Selma eröffnet eine Praxis für Psychoanalyse – und trifft auf kleine und große Probleme.

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"Auf der Couch in Tunis" beweist Gespür für Charaktere

Psychotherapeutin Selma kehrt aus Paris in ihre Heimat zurück und richtet über den Dächern von Tunis ihre Praxis ein. Gesprächsbedarf gibt es genug bei den Menschen dort – aber auch das hartnäckige Vorurteil, Psychoanalyse sei beinahe schon Hexerei.

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Wer ganz beiläufig alles über eine Figur erzählen will, der schickt sie zum Friseur: Wie offen spricht sie denn über sich, während ihr das Haar zurechtgeschnitten wird? Erzählt sie überhaupt etwas oder windet sie sich heraus aus der Gesprächssituation? Mag sie sich und den eigenen Haarschopf? Und wie soll der aussehen, was über die Trägerin verraten, was kaschieren? All das lässt sich in wenigen Sekunden erzählen, schickt man eine Figur in den Friseursalon.

Nicht die Protagonistin wird analysiert, sondern die Gesellschaft

Regisseurin Manele Labidi macht genau das: Ihre Protagonistin heißt Selma, ist gerade aus Paris nach Tunis zurückgekehrt. Eine entschlossene Frau. Psychoanalytikerin. Lockenkopf. Warum Selma jetzt, nach der tunesischen Revolution, in ihre Heimat zurückkehrt, wird nicht eindeutig erklärt. Überhaupt hält sich die Regisseurin angenehm zurück und versucht gar nicht erst, ihre Psychoanalytikerin selbst zu analysieren. Einmal aber gibt Selma doch einen Hinweis – wenn sie erzählt, in Paris gäbe es an jeder Ecke einen Psychotherapeuten, da werde sie sicher nicht gebraucht. In der Bemerkung steckt mehr als die Sorge, der Erfolg könne ausbleiben. Selma weiß, dass Tunis und die Bewohner der Stadt sich gerade neu sortieren, dass sie Gesprächsbedarf haben, das Private, aber auch die Politik, Normen und Traditionen, hinterfragen.

© Kazak Productions / Carole Bethuel

An der Grenze zum Klamauk und Klischee – die Komödie "Auf der Couch in Tunis"

Vielleicht, das ist die stille Hoffnung dieser Frau, kann sie hier also wirklich etwas beitragen – zum Gesunden der Gesellschaft und des Einzelnen. Und diese Hoffnung wiegt schwerer als die lästigen Widerstände, denen Selma begegnet und aus denen Labidi ihre Pointen strickt: Unbewegliche Bürokraten, die französische Diplome nicht anerkennen. Alte, nur schwer zu bekämpfende Vorurteile, nach denen die Psychoanalyse der Hexerei schon ziemlich nahekommt. Und parallel dazu die rasant ansteigende Anfrage der Patienten – die stehen nämlich Schlange vor Selmas Praxis über Tunis' Dächern, wollen endlich offen über ihre sexuellen Neigungen sprechen, über das Verhältnis zur Mutter, die politische Unsicherheit.

Nah am Leben – und am Klamauk

Von solchen Episoden, Gesprächen zumeist, lebt der Film. Stück für Stück geben sie Einblicke in die Gesellschaft und in das komplexe Verhältnis zwischen Tunesien und Frankreich. Selma, von Golshifteh Farahani frisch und glaubwürdig gespielt, hält die Episoden nicht bloß zusammen. Sie bewahrt die Komödie überhaupt davor abzurutschen – denn einige Szenen spielen schon sehr mit Klischee und Klamauk: die Bürokratin, die unter dem Tisch Dessous verkauft, oder der Polizist, der wie ein Sheriff durch die Stadt spaziert und alkoholisierte Fahrer am Atem erkennen will.

© Kazak Productions / Carole Bethuel

Bürokratie, Vorurteile – aber großer Andrang von Patienten: Selmas Job als Psychotherapeutin wird zunehmend anstrengend

Regisseurin Manele Labidi gelingt mit dieser Komödie kein Porträt einer Gesellschaft, das einen nachhaltig beschäftigt. Aber sie beweist doch ein Gespür dafür, ganz verschiedene Charaktere zu erfinden, ein Gespür für Nebenfiguren, die einem Film Vielfalt in Form und Ton geben. So wäre man zwar bei manchem Gespräch mit menschlichen Kuriositäten lieber nicht der heimliche Beobachter auf der Couch gewesen, aber einige waren eben doch dabei, die mehr sind als kurios und klischeebeladen. Und mit ihnen ist man gern ins Gespräch gekommen.

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