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Jutta Lampe

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    Auf der Bühne "einfach Mensch": Schauspielerin Jutta Lampe tot

    Sie prägte wie kaum ein anderer die Berliner Schaubühne. Dreißig Jahre lang setzte Jutta Lampe dort Maßstäbe und arbeitete mit Star-Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy und Klaus Michael Grüber zusammen. Sie starb in der Nacht auf Donnerstag.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Ihr großes Vorbild war nach ihren eigenen Worten die Schauspielerin Eleonora Duse, obwohl Jutta Lampe die bereits 1924 gestorbene legendäre Tragödin natürlich niemals auf der Bühne erlebt hatte. Gleichwohl hatte Lampe "alles gelesen", was die Duse jemals geschrieben hatte. Anders als die Kolleginnen machte sich diese große italienische Bühnendarstellerin im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem mit ihrem "ungeschminkten", vergleichsweise realistischen Spiel einen Namen - und das in einer Zeit, die eigentlich pathetische Auftritte schätzte.

    Unverständnis über "Stücke-Zertrümmerer"

    Die mutmaßlich 1937 in Flensburg geborene Lampe - über ihr Geburtsdatum gibt es widersprüchliche Angaben - studierte bei Eduard Marks in Hamburg Schauspiel und begann ihre Karriere in Wiesbaden. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) von 2007 bekannte sich Lampe entschieden zum wortorientierten Schauspiel und äußerte ihr Unverständnis über "Stücke-Zertrümmerer" und den Bühnen-Nachwuchs, der "nicht mehr an das Wort glaube": "Ich bin trotz der verschiedenen Ästhetiken, die ich kennen lernen durfte, nie auf die Idee gekommen, an großen Texten etwa von Schiller, Goethe oder Kleist zu zweifeln."

    Bis ins höhere Alter war Lampe eine Anhängerin der "Stanislawski"-Methode in der Schauspielerei, die nach dem wegweisenden russischen Theaterreformer benannt ist. Der verlangte von seinem Ensemble absolute Identifikation mit den Rollen, also das gerade Gegenteil von dem, was später Bertolt Brecht propagierte, die Distanz. Weil gerade dieser "innere Abstand" gegenüber den Texten im modernen Regietheater eher noch forciert wird, fühlte sich Lampe bisweilen fremd unter Kollegen, auch als Hochschullehrerin an der Universität der Künste (UdK) in Berlin.

    Peter Stein war ihre "Lebensbegegnung"

    Bundesweit bekannt wurde Jutta Lampe durch ihre dreißigjährige Tätigkeit an der Berliner Schaubühne, wo sie neben solchen Superstars wie Edith Clever und Bruno Ganz bestehen musste. Mit dem maßgeblichen Haus-Regisseur Regisseur Peter Stein, den sie schon bei einem frühen Engagement in Bremen kennen gelernt hatte, war sie von 1967 bis 1984 auch verheiratet - eine "Lebensbegegnung", wie sie 2005 der "Neuen Zürcher Zeitung" verriet: "Ich werde nie vergessen, wie meine Empfindung da war: dass man einfach als der Mensch, der man ist, und mit einer anderen Geschichte in sich auf die Bühne kommen darf. Man musste nicht irgendwas spielen oder imitieren oder sich was vormachen."

    Im Nachruf der Schaubühne heißt es: "Wer Jutta Lampe einmal gehört hat, wird ihre Sprachmelodie nicht vergessen, die gedankliche Schärfe, mit der sie Texte zum Leben erweckte, wer sie einmal sah, die Grazie nicht, mit der sie und mit ihr zusammen alle Beteiligten die Bühne zu einer Welt, zu einem Raum werden ließen, der Erkenntnis forderte und Fantasie zuließ – einen Raum, den es nur geben kann, wenn sich in einem Theater Menschen versammeln, um ein Theaterstück zu sehen."

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    Jutta Lampe am Mikrofon

    Wichtigster Autor wurde für die Schauspielerin damals der Gesellschafts-Satiriker Botho Strauß, der seine größten Erfolge in den siebziger Jahren feierte. Als er für Jutta Lampe 2010 eine Laudatio schrieb, hieß es dort: "Jutta Lampe war nie eine Diva, nie Publikumsschwarm oder Star - nicht einmal eine 'Tatort'-Kommissarin." Ungeachtet dessen wurde die Lampe speziell in Berlin vom Publikum geliebt und verehrt.

    Filmrolle in "Die bleierne Zeit"

    Als sie 1999 ihre Kündigung erhielt, war das für sie erst einmal ein ziemlicher Schock, wie sie der FAZ sagte: "Manchmal muss man ja vom Schicksal einen Tritt in den Hintern kriegen, damit man gezwungen wird, sich zu bewegen. Auch jetzt denke ich noch: Gott sei Dank ist es so gekommen, dass ich mich nun anders, selbständiger mit meinem Beruf auseinandersetze. Aber die ersten beiden Jahre danach war ich doch ziemlich verzweifelt und wusste nicht, was tun." Tatsächlich liebäugelte die Schauspielerin damit, den Beruf an den Nagel zu hängen. Ab 2005 wagte sie jedoch einen Neuanfang als Ensemble-Mitglied am Schauspielhaus Zürich.

    In Film und Fernsehen machte sich Jutta Lampe rar. Ihre bekannteste Rolle war die "Juliane" in Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" (1981), wo es um die Familiengeschichte einer späteren Terroristin ging, angelehnt an das Schicksal der Pfarrerstochter und späteren RAF-Attentäterin Gudrun Ensslin. Trotta besetzte die Lampe dann noch einmal im Drama "Rosenstraße" (2003). Der Film beschrieb die wahre Begebenheit, wie 1943 mutige Frauen ihre jüdischen Angehörige vor dem Transport in Todeslager bewahrten. Jutta Lampe war als Hauptdarstellerin "Ruth" zu sehen, die sich als alte Frau in New York nach dem Tod ihres Mannes an die lange zurückliegenden Begebenheiten erinnert.

    Zu den vielen Auszeichnungen, die Jutta Lampe erhielt, gehören neben dem Bundesverdienstkreuz der Nestroy-Theaterpreis (2000) und der Stanislawski-Preis (2004).

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