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Aua: Die Ausstellung "Schuhe bewegen" im Münchner Stadtmuseum | BR24

© Münchner Stadtmuseum

10 Zentimeter lange Schuhe für Lotosfüße, Ende 19. Jahrhundert

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Aua: Die Ausstellung "Schuhe bewegen" im Münchner Stadtmuseum

Seit dem 19. Jahrhundert sammelt das Münchner Stadtmuseum Schuhe. Schließlich ist man vor allem an Alltagskultur interessiert. Die Ausstellung "Ready to go: Schuhe bewegen" zeigt 550 Paare – und die sind oft schmerzhaft schön anzusehen.

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Jetzt gehen die Ausstellungsbesucherinnen durch einen dunklen Gang. Vorbei an Videos mit Schuhpräsentationen und vorbei an wilden Schuhobjekten, die Künstlerinnen extra für die Schau gestaltet haben.

Tasten statt Anprobe

Im hell erleuchteten Hauptraum dann ein wahrer Traum von einem Schuhsalon: In Vitrinen 550 Paar Schuhe vom 16. Jahrhundert bis heute, kleine Eckbänke wie zum Anprobieren, dazu Hörstationen, an denen einige Schuhe von ihrem Schicksal erzählen. Und: Frei stehende, nachgebaute Modelle, die man tatsächlich mit den Fingern ertasten kann. Etwa venezianische Chopinen aus dem späten 16. Jahrhundert: Weiße Lederkunstwerke, bei denen modebewusste, wohlhabende Damen auf 19 Zentimeter hohen Sohlenstelzen balancierten. Isabella Belting ist die Hüterin der Münchner Schuhschätze. Sie erklärt den Erfolg dieser eher unbequemen Schuhe damit, dass die Edelfrauen gemerkt hätten, "dass das auch optisch was ausmacht und sie ganz stolz einen Kopf größer sind als ihre Mitmenschen." So sei dieser Schuh zum Statussymbol geworden.

Vom nützlichen Accessoire zum Gesundheitsrisiko: High Heels

Absätze gibt es zunächst bei den männlichen Reitern, damit ihnen auf dem Rücken des Pferdes nicht der Steigbügel wegrutscht. Die wurden in früheren Zeiten gern durch die Farbe Rot gekennzeichnet. Das erwähnte Schuhpaar war auch eines der ersten, bei denen man den linken vom rechten unterscheiden konnte. Vorher waren alle Schuhe zunächst gleich und mussten schmerzensreich eingelaufen werden. Spätestens im 19. Jahrhundert wurde aus dem Absatz aber ein Folterinstrument für Frauen.

Isabella Belting zitiert dazu den französischen Schuhdesigner Christian Louboutin: "Ja, wir Männer, wir tragen ja diese Schuhe nicht. Wir machen einfach Design, was schön ist. Das kann ein hoher, dünner Stiletto sein. Wir müssen nicht drin laufen und sind dadurch viel freier in unserer Phantasie, als wenn eine Frau den Schuh gestaltet, die natürlich daran denkt, wie trägt sich der? Tut der weh? Ist der gesund?

© Münchner Stadtmuseum

Schuhe für Lotosfüße (um 1900) und Plateau-Heels (1989)

Geändertes Schuhbewusstsein

In einer Vitrine ist auch ein Entwurf von Christian Louboutin zu sehen. Aber, ready to go? Sehr glitzernd und mit hohen Absätzen. Und auch Designerkollege Manolo Blahnik meint es nicht besser mit heutigen Frauenfüßen. Wohin so ein Design führen kann, zeigt die medizinische Abteilung in der Ausstellung: Zu Hallux-Valgus-Verformungen der Füße. Und auch die Lotosfüsse bleiben uns nicht erspart. Durch sozialen Druck und falsche Schönheitsideale ließen sich bis in die Neuzeit in China Frauen ihre Füße durch Abbinden verkrüppeln.

Bei uns hingegen haben Sportmode und Körperbewusstsein der Frauen inzwischen Sneakers, Adiletten und Birkenstock-Modelle trendy gemacht. Jugendkulturen wie Grunge oder Gothic haben eigene Schuhe im Holzfällerstil, mit Plateausohlen oder spitzen Schnäbeln wie im Mittelalter. Von den vielfach zu schnürenden Stiefelmodellen in der sogenannten Fetischabteilung ganz zu schweigen! Und der Veganismus macht inzwischen die Suche nach Ersatzmaterialien für Leder notwendig.

Auch die Schuhe aus Notzeiten werden nicht vergessen

Ähnlich flexibel in der Materialwahl mussten auch schon die Menschen im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit sein. Das Stadtmuseum besitzt eine ganze Vitrine voller Exponate aus den Jahren bis 1948. Alles wurde da zusammengenäht: Vom Jackenstoff über frühes Plastik bis zur Holzsohle. Gleich daneben ein unscheinbares Exponat: Männersandalen aus syrischer Produktion. Im Jahr 2016 übrig geblieben am Hauptbahnhof in München. Sie haben ihren Träger auf der Flucht weit tragen müssen.

Die Ausstellung "Ready to go: Schuhe bewegen" ist bis zum 21. Juni 2020 im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

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Schuhgeschäfte gibts ja genug in München. Aber jetzt schlendern wir an Schuhen vorbei, die man nicht kaufen kann. Leider nicht. Denn das Münchner Stadtmuseum zeigt gerade 500 Paar Schuhe aus vergangenen Zeiten.