Der russische Präsident bei einer Kranzniederlegung
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Wladimir Putin bei einem Besuch in St. Petersburg

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"Atommächte verlieren nicht": Russlands Angst vor Niederlage

Der Kreml zeigt Nerven: Mit absurden "Argumenten" klammern sich Putin und seine Getreuen an die Hoffnung auf einen "Sieg" und machen damit umso mehr deutlich, dass sie eine Niederlage nicht mehr ausschließen: "Keine Ahnung, wie ich weiterleben soll."

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Das wirkte auf manchen Russen sehr beunruhigend: Im Netz tauchten Fotos von Luftverteidigungsbatterien auf Moskauer Behörden-Dächern auf, etwa dem Verteidigungsministerium. Offiziell wurde das bisher nicht kommentiert, dafür ist die Debatte in den einschlägigen russischen Telegramm-Kanälen umso lebhafter. "Ich sehe das als sehr positives Zeichen", so Militärblogger und Kreml-Liebling Alexander Kots. "Das bedeutet, dass sich das Armeekommando aller Risiken bewusst ist und versteht, dass Angriffe auf Moskau und die Region eine Frage der Zeit sind. Es ist gut, dass sie mit der Vorbereitung im Vorhinein begonnen haben und nicht nach den ersten Einschlägen."

Ein weiterer populärer Netz-Kommentator schrieb: "Je früher der Krieg alle erreicht, desto eher wird er enden." Ein anderer Blogger regte sich darüber auf, dass die Fotos der Moskauer Abwehrbatterien weltweit verbreitet werden, das sei in Kriegszeiten verhängnisvoll: "Feindliche Satelliten sind nicht untätig." Das alles spricht für eine gewisse Hysterie, an der kremlnahe Kreise angesichts ausbleibender militärischer Erfolge offenkundig interessiert sind.

Lawrow beantwortet "poetische" Frage

Ob sich der Kreml tatsächlich auf direkte Angriffe aus der Ukraine vorbereitet oder nicht doch nur auf neue Drohgebärden setzt, das sei dahingestellt. Jedenfalls scheint die politische Führung hochnervös. Der jüngste Auftritt des russischen Außenministers Sergej Lawrow verstörte sogar die Propagandisten: Journalisten wollten wissen, was denn sein "Lieblingswort" im vergangenen Jahr gewesen sei. Der Hobby-Lyriker Lawrow nannte das eine "poetische" Frage und antwortete, seine Hoffnung setze er auf den "Sieg". Er habe aber auch keine Angst, das seiner Meinung nach "schrecklichste" Wort der letzten Zeit auszusprechen: "Krieg". Das ist keineswegs selbstverständlich, denn offiziell nennt der Kreml den Angriff auf die Ukraine immer noch eine "Spezialoperation". Wer von "Krieg" spricht, riskiert Strafen wegen der "Diskriminierung der Armee" oder unpatriotischen Verhaltens.

"Ja, wir werden wieder ein Imperium genannt"

Lawrow scheint sich nicht mehr darum zu scheren und sorgte mit einer weiteren, vieldeutigen Bemerkung für Aufsehen: "Eines Tages wird dieser Krieg enden. Wir werden trotzdem für unsere Wahrheit einstehen. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich weiterleben soll. Alles wird davon abhängen, welche Schlüsse Europa daraus zieht." In dieser Formulierung fehlte jeder Hinweis auf den "Sieg", stattdessen klang sie so deprimierend, dass viele russische Medien stutzig wurden. Lawrow war gefragt worden, ob sich Russland mit dem Angriff auf die Ukraine nicht ebenso "imperialistisch" verhalten habe wie die USA: "Ja, wir werden jetzt wieder ein Imperium genannt. Ich überlasse die Bewertung dem Ermessen der Spezialisten und Experten."

Der Minister sprach wortreich von einer "Demütigung" der Russen, die es zu verhindern gelte, ohne freilich konkretere Kriegsziele zu nennen. Insgesamt wirkte Lawrow erstaunlich unsicher und sah Russland vom Westen ähnlich "verfolgt" wie die Juden im Nationalsozialismus: "Unser Land ist [aus westlicher Sicht] zu groß und steht im Weg." Um seinen befremdlichen, international Empörung auslösenden Vergleich zu rechtfertigen, gestand der Minister, er sei "gezwungen", die Boulevardpresse zu lesen, weil deren Schlagzeilen "manchmal die Nachrichten beherrschten".

"Das sollte jedem klar sein"

Auch der für seine extremistischen Wortmeldungen bekannte ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew sorgte jetzt mit einem Telegram-Post für Fragezeichen. Er vertrat die Ansicht, dass Russland per Definition nicht verlieren kann und richtete einen Appell an die westlichen Unterstützer der Ukraine: "Es kommt keiner der Armen auf die Idee, die folgende elementare Schlussfolgerung zu ziehen: Die Niederlage einer Atommacht in einem konventionellen Krieg kann den Ausbruch eines Atomkrieges provozieren. Atommächte haben keine großen Konflikte verloren, von denen ihr Schicksal abhängt. Das sollte jedem klar sein. Sogar einem westlichen Politiker, der sich zumindest eine Spur von Intelligenz bewahrt hat."

"Wir beten zum Herrn"

Ähnlich martialisch predigte Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche: "Wir beten zum Herrn, dass er diese Verrückten aufklärt und ihnen hilft zu verstehen, dass jeder Wunsch, Russland zu zerstören, das Ende der Welt bedeuten wird." Weniger pathetisch ausgedrückt ist der Kirchenmann offenbar der Ansicht, dass nur noch Gott dem Kreml helfen kann.

Wladimir Putin nannte den "Sieg" seines Landes beim Besuch eines Rüstungsbetriebs in St. Petersburg "unvermeidlich" und verstieg sich zur Behauptung, sein Land produziere "drei Mal mehr Luftabwehrraketen" als die Vereinigten Staaten. Russlands Rüstungsbranche sei sogar produktiver als die Konkurrenz der gesamten übrigen Welt zusammengenommen: "Das gibt uns Zuversicht." Diese absurden Übertreibungen verleiteten das liberale russische Wirtschaftsblatt "Kommersant" zu dem ironischen Satz, offenbar betrachte Putin derartige Äußerungen als "Teil seines Jobs": "Seine Ansichten sollten kanonisch werden, alphabetisch sortiert in allen Schulbüchern."

Der Chefredakteur der im Ausland erscheinenden "Novaya Gazeta Europe", Kyrill Martinow, höhnte in einem Interview, Putins Augen würden nur dann "freundlicher", wenn er über Raketen rede. Jetzt gingen ihm schlicht die Argumente aus und weil er seinen Einsatz so sehr erhöht habe, sei er jetzt dazu verdammt, stets seine alten Parolen zu wiederholen. Außer den Nachbarstaaten Angst zu machen, sei ihm nichts geblieben: "Der einzige Grund, ihm überhaupt noch zuzuhören, ist für die Menschen die Frage, ob er den dritten Weltkrieg ausrufen wird."

Putin beschwört "Versuch, Krieg zu beenden"

Skurril ist Putins fragwürdige Siegesgewissheit auch deshalb, weil er selbst öffentlich Missstände etwa in der russischen Luftfahrtindustrie gegeißelt hatte und der Fachkräftemangel in der krisengeschüttelten, von westlichen Vorprodukten abhängigen Rüstungswirtschaft täglich Thema in den russischen Medien ist. Gemessen daran war eine andere Botschaft von Putin aussagekräftiger: "Alles, was wir heute tun, einschließlich der speziellen Militäroperation, ist ein Versuch, diesen Krieg zu beenden. Das ist der zentrale Punkt unserer Operation." Das sollte wohl die Propagandalüge stützen, wonach Russland sich von der Ukraine "angegriffen" fühlt, hatte aber die unfreiwillige doppelte Bedeutung, dass der Kreml einfach nicht weiß, wie er gesichtswahrend aus dem Krieg herauskommt.

Erstaunlich offen kommentierte die kremlnahe Nachrichtenagentur RIA Nowosti die anhaltende Debatte über Sieg und Niederlage: "Sowohl die Fehleinschätzung Russlands als auch die Unterschätzung seiner Fähigkeiten haben mehr als einmal zu katastrophalen Folgen für diejenigen geführt, die auf seine Niederlage gesetzt haben", heißt es dort, was sehr nach "Pfeifen im Walde" klingt. Enttäuscht stellte Kolumnist Petr Akopow fest, dass inzwischen sogar Diplomatie-Legende Henry Kissinger auf Putins Abgang setzt und den "Zusammenbruch Russlands als Staat" nicht mehr ausschließt.

Militärblogger Boris Rozhin (800.000 Follower) klagte auf Telegram, dass Moskau kaum noch Eskalationsstufen übrig hat: "Die Menge der von der NATO [an die Ukraine] gelieferten Waffen sollte nicht überraschen. Wenn sich die roten Linien ständig verschieben, warum auch nicht. So oder so werden wir noch an den Rand kommen, jenseits dessen sich direkt die Frage nach dem Einsatz von Atomwaffen stellen wird. Eine Neuauflage der Kubakrise lässt sich bei allem guten Willen nicht vermeiden."

"Dagegen ist Afghanistan ein Picknick"

Westliche Experten sind seit Kriegsbeginn uneins, ob eine militärische Niederlage Russlands im Bereich des Möglichen ist. Analyst Gideon Rahmann von der britischen "Financial Times" verwies darauf, dass Moskau selbst bei einem "Sieg" an der Front politisch verlieren werde: "In diesem Fall wird das verwundete und isolierte Russland zu einem jahrelangen Guerillakrieg verdammt sein, im Vergleich dazu werden die Ereignisse in Afghanistan wie ein Picknick aussehen. Die Vertreter der Besatzungsmacht oder die kremltreue Regierung in Kiew werden ständig angegriffen werden."

Anders als bei seinen früheren großen "Siegen" habe Russland diesmal keine Verbündeten, so Rahmann. Eine Behauptung, der in Russland mit teils skurrilen Bemerkungen widersprochen wird. Politologe Sergej Markow argumentierte zum Beispiel, die arabischen Ländern unterstützten Moskau in "milder Form". Außenminister Lawrow musste zugeben, dass selbst frühere russische Verbündete wie Armenien mittlerweile auf Distanz gingen: "Ich wünsche mir eine hundertprozentige Solidarität innerhalb unserer Bündnisstrukturen. Wir arbeiten daran."

"Theoretisch ist Kapitulation möglich"

Der frühere russische Oberst des Militärgeheimdiensts, Dmitri Trenin, hatte bereits Ende November im Fachblatt "Global Affairs" geschrieben: "Die Niederlage Russlands in diesem Kampf ist mit einer nationalen Katastrophe verbunden, eine stabile Kompromisslösung ist unwahrscheinlich, und ein Kompromiss auf gleicher Augenhöhe ist praktisch ausgeschlossen; es bleibt nur, vorwärts zu gehen." Kühl erinnerte Trenin daran, dass Russland mehr als einen Krieg verloren habe, was jedes Mal ein "Schock" gewesen sei.

Außerdem wollte er das Wort "Sieg" ausdrücklich vermeiden, da es in russischen Ohren gleichbedeutend sei mit dem Triumph über Nazi-Deutschland und einer "vernichtenden Niederlage des Feindes": "Eine Niederlage zu vermeiden, bedeutet jedoch nicht [automatisch] zu gewinnen." Rein "theoretisch" sei eine Kapitulation möglich, so Trenin: "Das ist der Weg zur nationalen Katastrophe, wahrscheinlichem Chaos und absolutem Souveränitätsverlust."

Zu denen, die schon lange das Ende Russlands herbeiphantasieren, gehört der Rechtsextreme Igor Strelkow. Er schrieb jetzt in einem Telegram-Post: "Ich habe den Eindruck, dass wir bis Ende dieses Jahres 'untergehen' werden. Und Sie?"

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