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Atomkraft, nein danke! 30 Jahre Mahnwache in Gundremmingen | BR24

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Nur noch wenige Atomkraftgegner halten bis heute Mahnwache vor dem Atomkraftwerk in Grundremmingen.

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    Atomkraft, nein danke! 30 Jahre Mahnwache in Gundremmingen

    Wieder ist Carola Wolf vor das Kraftwerk in Gundremmingen gezogen. Seit über 30 Jahren ist hier Mahnwache. Jeden Sonntag. Hier treffen sich Atomkraftgegner, um sich zu besinnen: „Die Atomenergie zerstört unwiederbringlich unsere Lebensgrundlagen.“

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    Kurz nach dem Super-GAU von Tschernobyl ging es los: „Es hat mir einfach Angst gemacht. Ich hatte wirklich Angst, dass ich den Geburtstag, den ich jetzt erlebt habe, nicht erleben würde“, sagt die Krankenschwester Carola Wolf bei einer ihrer sonntäglichen Mahnwachen vor dem Kernkraftwerk in Gundremmingen.

    Atheist organisiert Andachten

    Auch ihr Mann Thomas ist auch von Anfang an dabei. Dabei waren ihm die friedlichen, leisen Mahnwächter zuerst suspekt: In der Zeitung hatte gestanden, sie seien religiös motiviert. Doch nach einer – wie er findet – ungerechten Polizeiaktion dort geht er trotzdem mal zur Unterstützung hin: „Ungerechtigkeit regt mich auf. Dann habe ich festgestellt, dass auch religiös motivierte junge Menschen total in Ordnung sein können und man mit denen tolle Sachen machen kann.“ Später organisiert er, der erklärte Atheist, sogar Andachten vor dem Werk. Eine Weile geht es in Gundremmingen hoch her: in den 90ern, als Atommüll aus dem Werk zur Wiederaufbereitung gebracht werden soll. Damals blockieren einige Mahnwächter die Castoren-Transporte.

    „Anderer Leute Sonntag erleben“

    In den vergangenen drei Jahrzehnten gab es nur während der Corona-Ausgangsbeschränkungen mal keine Mahnwachen. Für Carola Wolf eine ziemlich überraschende Erfahrung: Plötzlich konnte sie mal „so anderer Leute Sonntag“ erleben. „Das hat schon auch was“, lacht sie. Inzwischen ist aber auch sie aber wieder da. Dabei ist der Atomausstieg längst beschlossen. Doch es gibt Versuche, ihn zurückzudrehen. Auch hier in Gundremmingen demonstrieren im September 2020 rund 90 Kernkraftbefürworter.

    Auch Pro-Atomkraft Demo

    Hauptrednerin dieser Demo ist Anna Veronika Wendland aus Leipzig. In ihrer Jugend sei auch sie gegen Atomkraft gewesen, erzählt sie. Aber als Historikerin habe sie Kraftwerksmitarbeiter am Arbeitsplatz beobachtet und schließlich hat sie sich auf deren Seite geschlagen – beeindruckt von ihrer Sorgfalt. Ihr Argument: der Klimawandel, und: Atomkraftwerke seien viel zu schlagkräftig, und zu gut, um sie einfach „auf den Schrott zu werfen.“ Ihrer Ansicht nach sollten Kohlekraftwerke schneller als geplant abgeschaltet werden und sie glaubt, für oder gegen Kernenergie zu sein, habe nichts mit „links“ oder mit „rechts“ zu tun: „Das hat mit Vernunft oder mit Unvernunft zu tun“, findet Anna Veronika Wendland. Mit einer Grünen-Politikerin, die von der gleichzeitig stattfindenden Mahnwache herübergeradelt ist, diskutiert sie eine Stunde lang, ohne dass beide Seiten sich annähern. Im Publikum sind auch einige Politiker von der AfD anzutreffen, der einzigen Partei mit Kernkraft im Programm.

    Verantwortung in Endlager-Frage

    Carola Wolf, die Atomkraft-Gegnerin zählt derweil schon die Sonntage, bis Ende nächsten Jahres sämtliche Reaktoren in Deutschland vom Netz gehen. Aber auch dann geht die Mahnwache vielleicht weiter - nämlich bis ein Endlager gefunden ist, sagt ihr Mann Tom: „Als Teil dieser Generation, die AKWs betrieben und daraus eigentlich nur das Gute rausgezogen haben, nämlich billigen Strom, fühle ich mich mit dafür verantwortlich, dass das geordnet geregelt wird. Und wenn das unter meinem Haus ist, dann sag ich, ok, ist in Ordnung.“

    Für seine Frau Carola ist es auch der Trotz, der sie antreibt: „Ich höre jetzt nicht im Endspurt auf“, sagt sie. So werden die Wolfs nächsten Sonntag wieder Mahnwache halten.

    Mehr über Engagement, Herzblut und Protest gibt’s am 7. Oktober 2020 um 19 Uhr in STATIONEN im BR Fernsehen und in der BR Mediathek. In Zeiten von Corona-Demonstrationen, Klima-Bewegungen und Anti-Rassismus-Protesten geht STATIONEN in dieser Folge der Frage nach, was die Menschen berührt und bewegt.