BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Selbst die Gedanken sind aus Öl: Der "Atlas der Petromoderne" | BR24

© Bayern 2 / Bild: YuanGeng / stock.adobe.com

Untersucht das Zeitalter des Erdöls: der neue "Atlas der Petromoderne"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Selbst die Gedanken sind aus Öl: Der "Atlas der Petromoderne"

Erdöl ist überall: Wir essen es, schminken uns damit, nutzen es zum Verpacken. Der "Atlas der Petromoderne" sucht jetzt das Zeitalter des Öls zu ergründen. Ein augenöffnendes Buch - das auch zeigt, wie das schwarze Gold unsere Werte durchdrungen hat.

Per Mail sharen

"Das Öl, von den Geologen aus der Wüste in den Schnee verfrachtet, hat enorme Wirkung auf die Wirtschaft, die Technologie und die Soziologie. Es verändert die Existenz der Menschen wie einst das Rad, wie die ersten Metalle, wie das Schießpulver, das Dampfross, die Elektrizität." Erdöl, die große Veränderung – so hat es der argentinische Dichter Mario Trejo einmal formuliert. Wer nun das Buch liest, das Benjamin Steininger und Alexander Klose geschrieben haben, wer mit ihnen aus der Gegenwart auf das Zeitalter der Petromoderne blickt, der versteht: Es ist noch ganz anders gekommen, als der Dichter es ahnte.

Der Grundstoff unseres Zeitalters

Erdöl war nicht nur die nächste große Entdeckung, Erdöl war das nächste Level. Oder wie Benjamin Steininger es sagt: "Es setzt in gewissem Sinn diesen Entwicklungen – dem Rad, dem Feuer, der Schrift und so weiter – eigentlich die Krone auf, indem es eben diese anderen Entwicklungen der Technikgeschichte noch einmal in eine neue Dimension hebt." Erdöl, das macht dieses Buch deutlich, ist die Triebkraft der großen Beschleunigung, der Grundstoff unseres Zeitalters. Es befeuert aber nicht nur unsere Motoren, sondern auch unsere Erzählungen, Ansichten, Träume. Erdöl ist, was sonst nur Götter sind: Es ist in allen Dingen. Und wird von uns doch kaum bemerkt.

"Das ist eigentlich die erstaunlichste Erkenntnis, wenn man sich diesem Stoff nähert", sagt Steininger. "Er ist uns so nah, dass wir ihn tatsächlich überhaupt nicht mehr sehen. Wir essen buchstäblich Öl, im Mascara ist Öl drin, in Pharmaka, das heißt mit unseren Körpern, mit unseren Maschinen, aber eben auch mit unseren Wissensbeständen sind wir so arg dem Öl verpflichtet, dass wir es eben gar nicht mehr wahrnehmen."

Sieben Meter Bohrloch pro Erdbewohner

Der "Atlas der Petromoderne" will das ändern. Will, dass wir das Öl wieder wahrnehmen. Seine Herkunft, seine Verwendung, seine Allgegenwart. Und das schafft dieses Buch auch, das damit ebenso sehr eine Sehhilfe ist wie ein Atlas. Auch ein Begriff übrigens, der dem Öl nicht entkommt: Millionen Atlanten in unserem Land sind von Shell. "Unser Atlas", schreiben dagegen Steininger und Klose, "versammelt Fund- und Randstücke, in denen sich im Kleinen das Große und im Großen das Kleine spiegelt."

In einzelnen Kapiteln erzählen die beiden also Geschichten vom Öl. Mal rechnen sie vor, dass pro Erdenmensch schon sieben Meter Bohrloch in diesen Planeten getrieben wurden. Dann zeigen sie, warum es der Erdölindustrie zu verdanken ist, dass Computer immer leistungsfähiger wurden. Wer die ganze Erde vermisst, bei dem fallen schließlich so viele Daten an, dass er die nächste Revolution gleich mit anstößt. Die Autoren unternehmen also, was in der Branche der Planetendurchbohrer "Exploration" heißt. Sie erkunden, und sie erschließen. In ihrem Fall: Zusammenhänge. "Jede Plastiktüte", heißt es da, "die im Marianengraben von einem dieselbefeuerten Tauchboot fotografiert wird, zeigt die partnerschaftliche Reichweite von Kohlenwasserstoffmenschen und Menschenkohlenwasserstoffen."

© Matthes & Seitz Berlin

"Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne"

"Eine chemisch fundierte Kulturtheorie"

Plastik, neben dem Benzin die andere hyperpräsente Erscheinungsform des Erdöls – oder wie Roland Barthes es mal gesagt hat: Die erste magische Materie, die zur Alltäglichkeit bereit ist. Die beiden in München geborenen, jetzt in Wien und Berlin lebenden Kulturwissenschaftler Steininger und Klose muss man sich wohl als glückliche Menschen vorstellen – denn wenn alles Erdöl ist, dann sind Erdölforscher auch für alles zuständig. Die beiden betrachten die Petromoderne schon seit Jahren mit den Methoden der Soziologie, der Philosophie, der Geschichtswissenschaft – ohne dabei die materiellen Grundlagen des Zeitalters zu vernachlässigen.

"Was uns eigentlich vorschwebt, ist eine Art chemisch fundierte Kulturtheorie. Denn tatsächlich hängen doch sehr viele Phänomene der Moderne, eben an der chemischen Manipulation und damit auch an dem technischen Gestalten von Stoffen", sagt Benjamin Steininger, der nach dem Interview gleich weiter muss – ein Workshop steht an über die sibirischen Ölfelder, mit denen uns zwar dicke Pipelines verbinden, aber auch große Unkenntnis, was da genau passiert.

Erdöl: Nicht nur im Tank, sondern auch im Kopf

Die vielleicht interessanteste Frage übrigens stellen die Autoren auf Seite 74 ihres gut 300-seitigen und für einen Atlas sehr kompakt daherkommenden Buches: Hat das Öl auch unsere Werte durchdrungen, unsere Kultur? Ja, sagen die beiden, und zeigen an einem Ausspruch von Peter Sloterdijk, was sie meinen. Wenn zum Beispiel "Freiheit" immer auch die Freiheit der Beschleunigung meint, der Bewegung und der Verschwendung – dann ist Erdöl nicht nur im Tank, sondern auch im Kopf.

Ob das Öl-Zeitalter nun in 20 oder 200 Jahren endet, ist Klose und Steininger dann auch gar nicht so wichtig. Es ist ja schon geschehen, sagen sie in ihrem augenöffnenden Buch: Das Erdöl hat alles durchdrungen.

"Wir werden, selbst wenn wir morgen mit dem Öl aufhören würden, weiterhin den durch diesen Stoff geschaffenen neuen Standards verpflichtet sein", so Benjamin Steininger. "Insofern ist das Erdölzeitalter in der Welt und wird auch nicht mehr aus dieser Welt verschwinden."

"Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne" von Benjamin Steininger und Alexander Klose ist bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!