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"Atlantiques": Mati Diop zeigt die Sehnsucht von Migranten | BR24

© Audio: BR / Bild: trigon-film.org

Beim Online-Festival "We Are One" ist eine experimentelle Vorstudie zum preisgekrönten Film "Atlantique" von Mati Diop zu sehen.

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"Atlantiques": Mati Diop zeigt die Sehnsucht von Migranten

Die senegalesische Regisseurin Mati Diop war 2019 als erste schwarze Frau im Wettbewerb von Cannes vertreten und gewann den Großen Preis der Jury. Nun ist beim Online-Festival "We Are One" eine Vorstudie zu ihrem Film zu sehen.

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Von
  • Moritz Holfelder

"Atlantiques" von 2009, bisher nicht öffentlich gezeigt, ist eine dokumentarische Skizze zum ersten Spielfilm der senegalesischen Filmemacherin Mati Diop. Die Titel beider Arbeiten unterscheiden sich nur durch ein zusätzliches Plural-S. 2009 ging es Diop in der Vorstudie noch allgemein um die vielen jungen Männer, die ab 2002 versuchten, den Senegal Richtung Europa zu verlassen, die im Meer verschwanden und zu Phantomen wurden. Sie sind die "Atlantischen". Dann, 2019 beim Spielfilm, fiel das Plural-S weg – jetzt geht es konkret um ein Paar aus Dakar, das dann durch das Meer, den Atlantik, getrennt wird.

Mati Diops Kurzfilm "Atlantiques" ist noch bis Samstag als Beitrag des Onlinefestivals "We Are One" zu sehen. Das Spielfilmdebüt "Atlantique" findet man bei Netflix, "Touki Bouki" von Djibril Diop Mambéty gibt es online und kostenfrei beim World Cinema Project.

Der Traum von einer Welt ohne Grenzen

In der beeindruckenden dokumentarischen Studie von 2009 sitzen zwei junge Männer vor der Überfahrt nachts am Feuer und unterhalten sich. Der eine fragt den anderen: Hast Du Dich von Deinen Liebsten verabschiedet? Nein, sagt der, was kann ich ihnen sagen: Tschüss – ich gehe jetzt, um zu sterben? Mati Diop zeigt in dokumentarisch körnigen Aufnahmen Menschen, die von einer Welt ohne Grenzen träumen, die sich vorstellen, sie könnten in die Fluten springen und den Ozean überwinden, Richtung Europa. Mit der Kamera kommt sie den Männern beeindruckend nahe – es ist, als säßen wir mit in der Runde und würden ebenfalls fantasieren, wie und ob wir rüberkommen.

Paradies und Massengrab

Mati Diop wurde 1982 in Paris geboren, stammt aber aus der berühmten senegalesischen Künstlerfamilie Diop. Ihr Onkel war der legendäre Filmemacher Djibril Diop Mambéty, der, nicht anders als seine Nichte, mit einem Spielfilmdebüt auf dem Festival von Cannes einen Preis gewann. Das war 1973. "Touki Bouki", so der Titel, gilt als eine der Initialzündungen des afrikanischen Kinos, als ein filmisches Gedicht über ein junges Paar, das von Paris träumt und nach Frankreich reisen möchte. Zu Beginn sieht man die beiden in der Nähe von Dakar auf einem Felsen am Meer liegen.

Wer sich "Touki Bouki" kostenfrei im Rahmen des "World Cinema Project" anschaut, wird viele Parallelen zu den beiden "Atlantique(s)"-Filmen von Mati Diop finden. Manche Einstellungen zitiert sie direkt. Wie ehedem ihr Onkel reist die Nichte hin und her zwischen Dakar und Paris. Es gehe in ihren Filmen nicht nur um Migration, erklärte sie letztes Jahr auf dem Festival von Toronto, sondern generell um das Gefühl der Unbehaustheit, um die ewigen Spannungen zwischen Afrika und Europa. Es ist so berührend wie erschütternd: In den rund 45 Jahren zwischen den Filmen des Onkels und der Nichte hat sich politisch nicht groß etwas verändert. Junge Menschen im Senegal blicken nach wie vor sehnsuchtsvoll aufs Meer. Der Atlantik ist für sie immer noch beides – die Route ins Paradies und ein Massengrab.

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