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Der Repression mit Poesie entgegentreten: Aslı Erdoğan | BR24

© Bayern 2/Cornelia Zetzsche

Die türkische Autorin Aslı Erdoğan wurde für ihre Artikel inhaftiert, lässt sich aber nicht mundtot machen: Ihr neues Buch "Das Haus aus Stein" stellt sich der Unterdrückung literarisch – als Prosa-Poem über ein berüchtigtes Gefängnis in Istanbul.

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Der Repression mit Poesie entgegentreten: Aslı Erdoğan

Die türkische Autorin Aslı Erdoğan wurde für ihre Artikel inhaftiert, lässt sich aber nicht mundtot machen: Ihr neues Buch "Das Haus aus Stein" stellt sich der Unterdrückung literarisch – als Prosa-Poem über ein berüchtigtes Gefängnis in Istanbul.

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Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan gilt schon lange als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Türkei, international wurde sie jedoch eher für ihren politischen Mut bekannt: Erdoğan, die sich in Zeitungskolumnen für Minderheiten einsetzte und sich auch durch Drohungen nicht davon abhalten ließ, wurde im August 2016 verhaftet. Der Vorwurf: terroristische Propaganda für eine illegale Organisation und Volksverhetzung. Über die Repressionen im Istanbuler Bakirköy-Gefängnis und die Zustände in ihrer überfüllten Zelle berichtete sie in eindrücklichen Appellen an die Welt, die Menschenrechtslage in der Türkei nicht zu vergessen. Nach vier Monaten kam die Autorin frei, seit Herbst 2017 lebt sie in Deutschland im Exil, ihr Prozess dauert an. Cornelia Zetzsche hat mit Aslı Erdoğan über ihr neues Buch gesprochen.

Cornelia Zetzsche: "Das Haus aus Stein" ist ein Buch über Haft und Folter und die lebenslangen Folgen aus dem Leiden und dem Verlust aller Sicherheit. Es wurde vor zehn Jahren schon in der Türkei veröffentlicht, 2009, sieben Jahre, bevor Sie selbst die Haft erlebten. "Das Haus aus Stein ist fünf Stockwerke hoch, Stufen führen zum Eingang, es existierte vor meiner Geburt", schreiben Sie, und der Stein scheint mehr als ein Material, eher eine Chiffre.

Aslı Erdoğan: Ja, natürlich. Verschiedene Metaphern verändern ihre Bedeutung im Buch: Die physische Welt kommt in Berührung mit dem Wind und dem Stein. Das Buch lebt von Gegensätzen: Der Engel und der verrückte Mann, der heilige Chor und gefolterte Kinder, Schreien und Lachen, der Wind und der Stein, der eine völlig frei, in Bewegung und leicht, das andere unbeweglich, immer dort, schwer, grau. Und dieselben Metaphern werden für das menschliche Herz verwendet, für die menschliche Seele.

Das ist die literarische Ebene, aber es gibt ein reales Modell für das Haus in Istanbul?!

Ja. Sansaryan Han ist überraschenderweise im Zentrum der Stadt, das kommt noch zur Tragödie hinzu. Es ist ein sehr schönes Haus, gebaut von einem Architekten namens Sansaryan, sicher ein Armenier, ein imposantes Gebäude. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es zum Polizei-Quartier. Viele Linke und Oppositionelle wurden dorthin verschleppt und grausam gefoltert. Als ich einmal drin war, in den 80er-Jahren, saßen dort Kriminelle. Sie wurden kein bisschen besser behandelt als die politischen Gefangenen. Wer dorthin gebracht wurde, wurde schwer gefoltert. Es existiert noch immer. Das Sansaryan Han war jahrzehntelang ein Ort der Folter, viele Menschen starben dort. Die Folterzellen waren ganz oben, das war ungewöhnlich, in allen anderen Polizeistationen sind sie im Keller. Anfangs hielt ich mich ans Original, die vier Stockwerke und den Hof, dann machte mein Gedächtnis daraus fünf, jedes Mal, wenn ich darüber schrieb, wuchs es.

Das Innere beschreiben Sie im Buch als "Universum aus Granit". Wie sieht es heute aus?

Ich war, ehrlich gesagt, nie wieder dort. Wenn ich durch Eminonü ging und daran vorbei musste, änderte ich meinen Weg, um es nicht sehen zu müssen. Es hat diesen ganz eigenen Geruch von Verwesung und Blut, fast wie ein Friedhof, wie der Geruch der Toten in einem Grabmal. Ich war dort mit siebzehn oder achtzehn als Zeugin, das machte es vielleicht noch schwerer.

Sie beschreiben im Buch das Universum aus Granit, die Zellen 2x2 Meter, Türen ins Nirgendwo, schmutzige Wände, Stacheldraht, das Herz des Labyrinths wie eine Faust. Sieben Jahre später waren Sie selbst in Bakirköy in Haft – woran erinnern Sie sich?

Traumatisierte, Häftlinge sind keine guten Geschichtenerzähler, das Gedächtnis ist wie ein Sumpf. Wir Häftlinge erinnern uns wenig. Sie wären verwundert, wie viel wir vergessen, etwas in Ihnen stirbt, es muss sterben, damit etwas anderes überleben kann. Ich erinnere mich, wie im Buch, an eine Wolke von Bildern. Und manche Bilder sind wie Stein, ich kann sie nicht aus meinem Gedicht löschen, sie sind Schwarzweiß-Bilder, wie Stein, kein schönes Tableau, einfach, grob, grau und nicht mehr zu tilgen. Das Trauma redet zu mir in Form von Steinen.

© picture alliance/ ZUMA Press

Aslı Erdoğan bei ihrer Haftentlassung im Dezember 2016 mit ihrer Mutter

Der Erzähler Ihres Buches ist ein "zerrissenes Ich", ohne ein "Ich im Innern", schreiben Sie. Ein Mann, genannt A, taucht auf, ein "Überbleibsel", heißt es, obdachlos, verrückt, einer, der mit den Toten redet, ertränkt im Trauma der Schläge, Flüche und Demütigungen. Sie beschreiben ihn als "ein langes Gedicht über den Menschen". Was meinen Sie damit?

Tatsächlich ist der Erzähler keine Einzelperson, eher wie eine Maske, die wechselt. Mal ist es der Schriftsteller, mal A. A ist wie ein schwarzes Loch, anonym, nur ein Mensch, wir wissen nichts über ihn. Er ist keine typische literarische Figur. Literatur setzt auf Identifikation, und in diesem Buch erlaube ich es dem Leser ganz bewusst nicht, sich mit A zu identifizieren. Es gibt keinen Zugang zu ihm, er ist auf gewisse Weise das schwarze Loch in uns. Ist er ein guter Mann? Niemand weiß es. Ist er ein Betrüger? Wahrscheinlich. Scheinbar hat er unter Folter jemanden verraten, das hat ihn gebrochen. Er ist einfach menschlich. (lacht). – Er ist wir. Er ist ich. Eine Metapher für den Autor, wenn er in die Schaufenster klettert und seine lange Rede herausschreit. Der Schriftsteller und der Verrückte sind Gegensätze und tauschen doch ihre Plätze.

Tatsächlich verschwimmen alle Figuren: Der Autor, A, ein Chor wie in der griechischen Tragödie, ein Engel, der getötet wird, sie alle sind Schatten, Silhouetten.

Ja, sie sind wie Geister. Und der Engel und A tragen die gleiche Narbe, die ihr Gesicht in zwei Hälften spaltet und sie teilen dieses nächtliche Gelächter.

Das Cover von diesem "Haus aus Stein" spricht von einem Roman, ich lese das Buch eher als Prosa-Gedicht. Ist das die einzig mögliche Form, über den Albtraum der Folter zu schreiben?

Das ist die Art zu schreiben, mit der ich mich wohlfühle. Meine Stärke sind die Worte, die Sprache, nicht das Geschichten-Erzählen. Auf Ihre Frage gibt es nicht nur eine Antwort, es gibt nur Versuche, die dazu verurteilt sind zu scheitern. Am Ende des Buches ist "Das Haus aus Stein" auch eine Metapher für Literatur. Sobald Sie Ihre tiefe Wahrheit schildern, beginnen Sie zu fiktionalisieren. Sie beginnen zu erzählen, sie häufen Details an, die es nie gab, Ihr Unterbewusstsein bringt etwas ganz anderes hervor, und das ist auf gewisse Weise Ihre Wahrheit, es wird Ihre Wahrheit.

Vielleicht steckt mehr Wahrheit in der Fiktion.

Ich denke ja. Ich habe immer daran geglaubt, dass das, was man nicht erzählt, alles erzählt.

© Random House/ Penguin, Montage BR

"Das Haus aus Stein" von Aslı Erdoğan

Ihrem Buch seien viele Leser gewünscht, aber hier in Deutschland kennen Sie viele nur als die Schriftstellerin, die in Erdoğans Gefängnis war. Ist das ein Problem für Sie?

Ja, natürlich. In der Türkei sehen mich viele als Autorin einer eher poetischen Prosa, als existenzielle, schwere Schriftstellerin. Für sie ist es ein Witz, dass ich zur politischen Person wurde. Aber ja, diese biografischen Dinge sind für die Leute oft interessanter, das literarische Lese-Publikum ist viel kleiner. Ja, das ist wie ein Grabstein, den ich tragen muss, dass die Leute weniger mich als die Ex-Gefangene sehen. Ich schäme mich nicht dafür, aber ich bin nicht nur das.

Ihr Prozess in der Türkei geht weiter?

Ja, das ist eine lange Schikane. Fast alle Prozesse, die ein Jahr nach meinem anfingen, sind vorbei, bei mir werden es im August drei Jahre, und es gibt noch immer keine Anklageschrift, sie vertagen ständig, als wollten sie sagen: Komm nicht zurück.

Ihr Aufenthaltsstipendium in Deutschland läuft im Oktober ab, was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich bin etwas deprimiert, es ist nicht leicht, in Deutschland zu bleiben. Ich stellte einen Antrag in den USA und Frankreich und fand eine Dozenten-Stelle in den USA, aber mein Pass ist nur noch zwei Jahre gültig, die Türkei wird ihn nicht verlängern, ohne Pass würde ich in den USA feststecken. In Deutschland wird es immer schwerer für Asylsuchende. Das ist keine gute Zeit für Migranten wie mich. Wir sind die neuen Juden. Niemand will uns.

Welche Reaktion würden Sie sich aus Deutschland erhoffen, mit Blick auf die Türkei?

Deutschland ist kein Monolith. Das habe ich in den zwei Jahren hier gelernt. Ich habe viel Fürsorge und Empathie in Deutschland erlebt. Aber Staaten denken vor allem anderen an ihre Interessen. Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Da zählt das Geld. Wie könnte ich erwarten, dass Deutschland einen Handelspartner verliert zum Wohl von Hunderttausenden Häftlingen in der Türkei?! Weder Deutschland noch Europa waren und sind Utopia.

"Das Haus aus Stein" von Aslı Erdoğan ist in der Übersetzung von Gerhard Meier im Penguin Verlag erschienen.

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