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"Ars Electronica" 2020: In Linz, im Netz, im Niedergang? | BR24

© Audio: BR / Bild: Ars Electronica

Flucht ins Netz bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Präsenzbetriebs: Fällt das einem Digitalfestival wie der "Ars Electronica" wirklich leichter als der Konkurrenz? Unser Reporter sucht nach Antworten, in Linz und im Netz.

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"Ars Electronica" 2020: In Linz, im Netz, im Niedergang?

Was bringt uns die Zukunft? In Linz wird Jahr um Jahr besprochen, was die Welt rettet oder zerstört, von Datenschutz bis Klimawandel. Medienkünstler*innen zeigen dazu ihre Werke. Heuer aber muss die "Ars Electronica" selbst im Krisenmodus agieren.

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An der Wand in einem sonst leeren Ausstellungsraum klappert eine Anzeigetafel. So eine, wie sie in Bahnhöfen und Flughäfen hängt, so eine schwarze Anzeige, bei der jeder Buchstabe einzeln durchgeblättert wird, bis aus dem Zeichenwirrwarr ein Wort entsteht. Vor der Tafel steht ein Gebetspult. Kniet sich jemand drauf, erscheint auf der Anzeige ein mehr oder minder schlauer Spruch: "Youth is the gift of nature – and as we age we must prefer nature to our youth."

"Ja, der war nicht so ganz gut", sagt der Künstler Mario Klingemann. "Aber das ist ja das Lustige daran: Manche Leute knien nieder und bekommen einen tollen Satz und dann steht jemand daneben, sieht das und macht mit und bekommt dann irgendwas über Business oder Krieg oder Golfspielen…"

Wenn die KI einen auf Aphoristiker macht

Die Maschine ist das Werk des Künstlers Mario Klingemann. Die Sätze sind keiner Zitatsammlung aus der Wühlkiste eines Buchladens entlehnt: Eine Maschine erfindet sie in Echtzeit. Künstliche Intelligenz, trainiert auf Bullshit Bingo – darauf, schlaue Sprüche zu klopfen. "Hin und wieder kommen tatsächlich Sätze, die könnte ein Philosoph, ein Autor gesagt haben", meint Klingemann. "Mein allergrößter Lieblingssatz kam am Anfang, als ich das Ganze entwickelt hatte. Und der war: The best thing that I am going to do is to get out of bed every year."

Ja, die Installation ist etwas Besonderes. In einem normalen Ars-Electronica-Festival wäre sie vielleicht nur ein weiteres Kuriosum. Aber dieses Jahr ist sie gleich doppelt speziell: Die Zitate spielen mit dem Thema Künstliche Intelligenz mit einer Leichtigkeit, die gut tut nach den schwermütigen Corona-Monaten. Und es tut gut, eine physische Installation und einen Künstler zu sehen. Auch, wenn Mario Klingemann einer von nur wenigen ist, die zur diesjährigen Ars Electronica anreisen konnten.

Erst vor wenigen Wochen kristallisierte sich heraus, dass ein physisches Festival stattfinden kann. Da hatten die Organisatoren schon die Parole herausgegeben, dass die internationalen Besucher lieber nicht nach Linz reisen sollen. Stattdessen sollte jeder die Möglichkeit bekommen, Mini-Festivals an Dutzenden Orten weltweit zu besuchen, die diesmal im Rahmen der Ars Electronica stattfinden.

© Ars Electronica / Man & Wah

Melancholie und Multimedia: Standbild einer Installation des australischen Duos Man & Wah

Projekte im Zeichen der Corona-Krise

Einige Projekte, Performances und Konferenzen gibt es zudem dieses Jahr nur im Internet. Der "XR Hub Bavaria" ist eine Initiative, die sich Virtual Reality und ähnlichen Technologien widmet. Sie hat Studierende von technisch-wissenschaftlichen Studiengängen mit Kunststudenten aus Augsburg und München zusammengebracht. Deren Werke sind zweifellos geprägt durch die Corona-Krise, sagt Silke Schmidt vom XR Hub: "Sofort am Beginn des Semesters wurde entschieden, dass das Thema sich ändert und die Studierenden sich auch mit Corona befassen wollten, was das mit den Menschen macht."

Herausgekommen ist unter anderem ein Projekt, bei dem in einer abstrakten, in blau gehaltenen virtuellen Welt eine Krankenschwester aus China und andere Betroffene von ihren Erfahrungen aus der Covid-Krise erzählen. Außerdem zeigen die Studierenden eine Web-App, die den Ort, an dem sich ein Handynutzer befindet, in abstrakte Klänge verwandelt. Kunst, die jeder auch zuhause ausprobieren kann.

"Die Herausforderung ist, physisch präsent zu bleiben!"

Ist das die Zukunft der Ars Electronica? Eine Online-Ausstellung, resistent gegen Covid und andere Katastrophen? War das vielleicht sogar überfällig, ein Medienkunst-Festival endlich ins Internet zu verlagern? Der künstlerische Leiter Gerfried Stocker sagt dazu: "Da war ja jetzt auch wieder so ein großer Trend zu sagen, ja eigentlich muss das alles irgendwie online passieren. Aber online zu sein und online zu gehen, das ist easy. Das was auch jetzt unter Corona die große Herausforderung ist, ist, physisch präsent zu bleiben."

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