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Warum für Armin Nassehi die Digitalisierung 200 Jahre alt ist | BR24

© Bayern 2

Der Soziologe Armin Nassehi entwirft in seinem neuen Buch "Muster" eine "Theorie der digitalen Gesellschaft". Dabei stellt er fest: Digitalisierung – das heißt nicht bloß Roboter, KI und Datenskandale, sondern ist eigentlich schon sehr viel älter.

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Warum für Armin Nassehi die Digitalisierung 200 Jahre alt ist

Der Soziologe Armin Nassehi entwirft in seinem neuen Buch "Muster" eine "Theorie der digitalen Gesellschaft". Dabei stellt er fest: Digitalisierung – das heißt nicht bloß Roboter, KI und Datenskandale, sondern ist eigentlich schon sehr viel älter.

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Wenn es in öffentlichen Debatten um Digitalisierung geht, ist meistens von den Folgen die Rede – von Datenskandalen, Robotern, die menschliche Arbeit ersetzen, von Künstlicher Intelligenz oder dem Marktmonopol der Silicon-Valley-Konzerne. Für den Soziologen Armin Nassehi ist das aber schon der zweite Schritt vor dem ersten: "Mir ist aufgefallen, dass über die Digitalisierung so nachgedacht wird, dass man denkt, dass etwas von außen auf die Gesellschaft trifft und die Gesellschaft jetzt darauf reagiert. Was mich eher interessiert, ist die Frage, warum diese Technik in der Gesellschaft so leicht andocken kann, warum das eigentlich eine dieser Gesellschaft adäquate Technologie ist?"

Antworten auf diese Frage will Nassehi in seinem neuen Buch "Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft" geben, oft in einem arg komplizierten Schreibstil, manchmal aber auch in prägnanten und treffenden Sätzen wie diesem: "Die Digitalisierung ist fremd, weil sie in einer Radikalität auf das Vertraute verweist, wie man es zuvor nicht kannte."

© picture alliance / dpa

Der Soziologe Armin Nassehi

Digital sind wir schon länger

Die digitalen Technologien stießen offensichtlich auf einen gesellschaftlichen Bedarf, analysiert Nassehi. Und dieser sei im Grunde schon zum Beginn der Moderne in Europa entstanden, als ein enormer technischer und wirtschaftlicher Fortschritt einsetzte: "Unter digital würde ich verstehen, dass man sozusagen das, was in der Gesellschaft passiert, nicht mehr mit bloßem Augenschein wahrnehmen kann", erklärt Nassehi, "sondern wir seit dem 19. Jahrhundert eigentlich fragen, wie viel Weizen braucht eine Stadt, damit es morgens genug Brot für alle gibt? Wie breit muss eine Kanalisation sein? Und so kam man denn auf Muster der Gesellschaft, also Muster gesellschaftlichen Verhaltens, die man brauchte, um die Gesellschaft zu steuern und zu gestalten."

Darum geht es, so lässt sich Nassehi verstehen, bis heute – nur dass es jetzt maschinelle Algorithmen sind, die die Muster sozusagen erst in die erhobenen Daten "hineinlesen" müssen. Nassehi erklärt zwar nicht, wie es nun zu dem speziellen Digitalisierungsschub der letzten zwei Jahrzehnte kommen konnte. Aber die These, dass moderne Gesellschaften schon digital vorgeprägt waren, vertritt der Soziologe überzeugend. Besonders erhellend ist es, dass Armin Nassehi die digitale Technik selbst wirklich ernst nimmt. So kann er zeigen, was man mit ihr eigentlich tun kann – und dass sie darauf angewiesen ist, einfach möglichst viele Daten, von woher auch immer, über uns zusammenzutragen.

© C.H. Beck Verlag

Armin Nassehi, "Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft" Cover

Es gibt kein Zurück mehr

"Der große Unterschied zu früheren Daten besteht darin, dass hier nun Daten ausgewertet werden, die nicht für den genannten Zweck erhoben wurden. Die Datenspuren stammen aus ganz anderen Zusammenhängen und werden erst im Nachhinein zu Informationen für einen bestimmten Zweck", schreibt Nassehi in "Muster". Diese Entwicklungen könne man durchaus kritisieren. Aber der Soziologe gibt zu bedenken: "Wer rauskriegen will, ob bestimmte Datenströme negative Folgen haben, kann das nur mit digitalen Mitteln machen. Das ist ja das Verrückte, dass sozusagen die Bearbeitung der Dinge immer auf dem technischen Niveau stattfinden muss, auf dem auch die Probleme entstehen."

Hinter die "digitale Denkungsart" gibt es also kein Zurück mehr. So recht Nassehi damit hat, so sehr betrachtet er Digitalisierung vor allem als eine Methode, um die Komplexität moderner Gesellschaften zu bewältigen. Damit unterschätzt er, wie wichtig auch politische und ökonomische Entscheidungen sind, damit sich Technologien durchsetzen können. Denn so wären ja irgendwann auch Entscheidungen möglich, um diese Technologien wirksam zu regulieren.

"Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft" von Armin Nassehi ist bei C.H.Beck erschienen.

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