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Das Debüt der Münchner Electro-Jazz-Band Ark Noir ist zwingend | BR24

© Lukas Diller

Die Münchner Electro-Jazz-Band Ark Noir

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Das Debüt der Münchner Electro-Jazz-Band Ark Noir ist zwingend

"Tunnel Visions" heißt das Debüt der Münchner Electro-Jazz-Band und bedrohlich, zwingend und unheimlich ist auch der Sound des Albums. Und trotzdem verbreitet es Strahlkraft und Zauber.

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In den 70er-Jahren gab es Rock-Alben, auf denen der Hinweis Made To Play Loud prangte. Dieser Zusatz wäre auch für "Tunnel Visions" angebracht, das heftig rockende Debüt der Münchner Electro-Jazz-Formation Ark Noir. Den doppelbödigen Namen erklärt Saxophonist Moritz Stahl: "So allein lautmalerisch und ästhetisch gefällt uns halt der Name sehr gut. Natürlich auch der schwarze Bogen, der in unserem Logo auch drin ist, der ins Universum zeigt, wo dann schwarzer Himmel und Sterne zu sehen sind, und so weiter. Und es ist natürlich ein Wortspiel mit Arche Noah - Ark Noir - und ist dann vielschtig umdeutbar, weil Arc im Französischen dann auch der Bogen ist und auf englisch die Arche."

Der Fusion-Jazz der 70er hat es Ark Noir angetan

Zum Interview im Biergarten erscheinen Saxophonist Moritz Stahl und Bassist Robin Jermer in T-Shirts und kurzen Hosen. Ein wenig erinnern sie an Zauberlehrlinge, die auch in den 70er-Jahren hätten leben können. Die Haare sind etwas länger, dazu kommen Bärte und Brillen. Stahl und Jermer studieren wie die anderen Ark Noir-Mitglieder an der Münchner Musikhochschule. Die beiden haben schon in einer WG gelebt, viel live gespielte und aufgezeichnete Musik gehört und irgendwann beschlossen, es selbst mit dem Musikmachen zu versuchen. Fasziniert haben sie vor allem Schallplatten, auf denen elektronische Klangerzeuger im Spiel waren - der sogenannte Fusion-Jazz der frühen 70er-Jahre.

Kein Idiom hat sich schneller abgenutzt wie der Fusion-Jazz. Innerhalb weniger Jahre war die Art der Klanggestaltung ausgereizt, schienen wegweisende Arrangement-Ideen zu Ende gedacht. Trotzdem bleibt dieser Zeitraum eine spannende, faszinierende Epoche, auf die sich die Ark Noir-Künstler beziehen. Neben der sogenannten Ernsten Musik von radikalen Neutönern wie etwa Karlheinz Stockhausen, die durch das Studium am Konservatorium nahe gebracht wird, kommt ein privates Faible für andere Musikstile, die damals ebenfalls im Schwange waren, erläutert Robin Jermer. "Krautrock war tatsächlich auch eine Inspirationsquelle für uns – oder ist es nach wie vor. Und eben Can, ein paar Mitglieder von Can waren ja auch Stockhausen-Schüler und die haben eben dann auch mit elektronischen, mit elektrischen Instrumenten und so weiter rumgespielt, und wiederum für Techno und andere elektronische Musik Maßstäbe gesetzt, dass man halt Sache editiert und Drum-Spuren loopt und so weiter."

Ein Sound, unausweichlich wie im Tunnel!

"Tunnel Visions" haben Ark Noir die Stücke ihres Debüts überaus präzise und reflektiert überschrieben. Die Musik hat nämlich etwas Unausweichliches, Endgültiges, grob motorisches, manchmal wirkt sie unheimlich und geradezu bedrohlich, was angebracht scheint in Zeiten wie diesen. Ark Noir, die kühn Soundtracks für imaginäre Filme und dystopische Electronica-Albträume mischen, zwingen geradezu, sich unmittelbar auf die Klangartefakte einzulassen. "Was ich persönlich bei Rockmusik so schätze, oder auch bei Heavy Metal oder Punkmusik, ist, dass es halt einfach sehr direkt ist. Es ist "In Your Face", genau, aber ich finde halt gleichzeitig, eine gute Jazzplatte – egal, ob das nun aus Hardbop-Zeit ist, oder eben so Ornette Coleman, das hat das halt auch. Ich finde, das ist eher ein Gefühl: Entweder Du erträgst es oder du erträgst es eben nicht.

© Lukas Diller

Ark Noir

Natürlich wiederholen die fünf Musiker, allesamt große Liebhaber von Effektgeräten und Verfremdungsmaschinen übrigens, die - in Anführungszeichen - "Fehler" des frühen Fusion-Jazz: besinnungslose, rauschhafte Soli, Passagen, die vollgekleistert sind mit viel zu vielen Tönen. Und trotzdem besitzt diese Musik etwas Außergewöhnliches, verbreitet sie Strahlkraft und Zauber.

Dem Jazz eine aktuelle, eine heutige, zeitgenössische, eine ganz und gar der Gegenwart zugewandte Seite abzugewinnen – Diesem Ziel sind Ark Noir mit ihrem umwerfenden Debüt mehr als nur nahe gekommen.

"Tunnel Visions" ist bei Enja Records / Yellowbird erschienen.

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