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Helfen Tiny Houses, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp ist? | BR24

© Tiny Foundation

Tiny Houses: Transportabel, praktisch gut.

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Helfen Tiny Houses, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp ist?

Der Architekt Van Bo Le-Mentzel entwirft Mini-Häuser mit wenigen Quadratmetern Wohnfläche – sogenannte Tiny Houses. Auch er selbst wohnt mit vier Menschen auf bloß 55 Quadratmetern und glaubt: Unsere Städte brauchen mehr flexibel nutzbare Räume.

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Tiny Houses sind voll funktionsfähige Mini-Häuser, in denen sich alles, was man zum Leben braucht, auf nur wenigen Quadratmetern ballt. Beim Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel, einem der Gründer dieses Wohn-Konzepts, kommen Minimalismus und Stil zusammen – das kann man derzeit auf dem Münchner Tollwood sehen. Dort steht eine Tiny House-Variante des berühmten Dessauer Bauhauses. Joana Ortman hat mit Van Bo Le-Mentzel über sein eigenes Wohnen, das Tiny-House-Konzept und das verkleinerte Bauhaus-Gebäude gesprochen.

Joana Ortmann: Um wie viel geschrumpft ist das Bauhaus-Tiny Haus auf dem Tollwood, Herr Le-Mentzel?

Van Bo Le-Mentzel: 1 zu 6 ist der Maßstab von dem Haus, das wir übrigens Wohnmaschine nennen, inspiriert von Le Corbusier. Wir gehen aber sehr kritisch mit diesem Begriff um. 1 zu 6 ist ungefähr der Maßstab von Menschen zu Barbiepuppen. Drinnen gibt es eine voll funktionsfähige Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad, ein Prototyp, um neuartige Wohnformen auszuprobieren. Ich nenne diese Wohnform Wonder-Home…

Sie nennen diese Wohnform Wonder-Home …

Ich bin geprägt durch Superman und Batman aus den 80er-Jahren. Und diese Zweizimmerwohnung macht ja auch auf wundersame Art und Weise ganz viele verschiedene Dinge möglich. Zuallererst ist es ein konstruktiver Beitrag in einer Zeit, in der bezahlbare Wohnräume knapp sind. Nehmen wir zum Beispiel junge Paare. Die können dort unterkommen, ohne dass sie bis auf ihr letztes Hemd alles hergeben müssen. Es heißt ja immer: Bezahlbarer Wohnraum darf ein Drittel des Einkommens kosten – und das ist meiner Meinung nach hier möglich.

Die Kritiker sagen oft: Tiny Houses sind eine nette Übergangsidee, aber mehr auch nicht. Können sie auch ein anderes Lebenskonzept sein?

Ich denke, dass die Häuser schon dazu inspirieren, darüber nachzudenken, wie temporär manche Fragen geklärt werden können. Man denke nur an die vielen Studentinnen und Studenten, die ein Jahr in Turnhallen schlafen oder unter sonstigen prekären Bedingungen unterkommen. Das muss nicht sein. Warum schlafen die nicht in Tiny Häusern? Es muss ja nicht fürs Leben sein, aber zumindest für einige Monate. In der Zeit kann man sich soziale Netzwerke aufbauen.

Und warum nicht für länger? Kann so ein Konzept nicht größer und grundsätzlicher gedacht werden?

© Bayern 2

Der Architekt Van Bo Le-Mentzel entwirft Mini-Häuser mit wenigen Quadratmetern Wohnfläche – sogenannte Tiny Houses. Auch er selbst wohnt mit vier Menschen auf bloß 55 Quadratmetern und glaubt: Unsere Städte brauchen mehr flexibel nutzbare Räume.

Wir hängen mit unseren planerischen Fantasien so ein bisschen den 1950er-Jahren nach. Wir planen so fürs Leben, die Ehe, die Doppelhaushälfte und so weiter. Aber die Realität zeigt, dass 40 Prozent aller Menschen Singles sind, vor allem in Großstädten. Und auch Ehen halten oftmals nicht ewig. Und wohin dann mit der Doppelhaushälfte, wenn die Kinder ausgezogen sind? Das heißt: Wir müssen anders planen, wir müssen eher Räume schaffen, die sich an die verschiedenen Situationen anpassen können. Ich glaube nicht daran, dass es einen Raum gibt, der allen verschiedenen Bedingungen des Menschen zwischen 0 bis 90 Jahren standhalten kann. Wir müssen viel flexibler denken, wie wir die Stadt benutzen, Büro- und Wohnräume, Kitas, Seniorenheime, Museen oder Shopping-Malls, die nicht mehr gebraucht werden.

Inwiefern ist da der Rückgriff auf das Bauhaus interessant?

Vor hundert Jahren hat das Bauhaus den Wandel von Monarchie zur Demokratie visuell und gestalterisch begleitet. Heute, würde ich mal behaupten, befinden wir uns in einer ähnlichen Transformation. Wir haben es jetzt mit ganz vielen Unsicherheiten zu tun. Wir sehen Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wir haben auf einmal so etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen. Erwerbsarbeit ist nicht mehr das Modell der Zukunft. Und wenn wir uns anschauen, wie die zunehmende Automatisierung im Arbeitsbereich vonstatten geht, müssen wir uns dringend neuen Konzepten stellen, und Arbeitsräume, Wohnräume haben damit sehr viel zu tun. Von daher gibt es da sehr viele Parallelen zum Bauhaus.

Sie selber haben gerade ein Projekt mit dem Titel "Disney-Demokratie" eingereicht. Was hat es damit auf sich?

Ich träume von einem Ort, an dem vor allem Kinder und Familien spielerisch ihre Grundrechte lernen können. Das ist ja eigentlich sehr traurig. Bis auf den ersten Artikel – "Die Würde des Menschen ist unantastbar" – kennt kaum jemand die Grundrechte genauer. Zum Beispiel Artikel 14: "Eigentum verpflichtet". Und wirklich revolutionär, der zweite Satz: "Sein Gebrauch soll zugleich dem Allgemeinwohl dienen". Wenn man das ernst nimmt, wenn man sagt, wir wollen Demokratie wirklich leben, dann müssten wir da schon mal ran. Und ich versuche das jetzt mit meinen Tiny Houses.

© Jan Pries

Architekt Van Bo Le-Mentzel

Wie wohnen Sie eigentlich selber?

Relativ klein. Ich bin mit meiner Frau und unseren beiden Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Kreuzberg, zwischen Rathaus und dem "Tutti Frutti", Berlins ältestem Puff. Das sind 55 Quadratmeter, was natürlich zu klein für eine vierköpfige Familie wäre – wenn wir uns 24 Stunden darin aufhalten würden. Aber wir sind ja in Berlin und sind ständig im Café, in den Museen, auf den Spielplätzen, im Schwimmbad. Wir sind eigentlich immer nur draußen.

Sie haben sich Ihr "Tiny House" also in einer bestehenden Wohnung eingerichtet?

Ich denke, so macht das auch Sinn. Man muss Tiny Houses eher so sehen wie ein Instrument in einem großen Orchester. Die Stadt ist ein Orchester und spielt verschiedene Symphonien. Es wäre sehr naiv zu glauben, dass ein einziges Instrument dazu reicht. Da braucht es schon die erste Geige, die Bläser, den Bass und so eine ganz kleine Piccolo-Flöte. Manchen würde es gar nicht auffallen, wenn die fehlt, aber mir würde es sofort auffallen, wenn diese kleinen wichtigen Instrumente nicht mit spielen.

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