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Anton Wilhelm Amo: deutscher Philosoph afrikanischer Herkunft | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Hörfunkbeitrag von Werner Bloch

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Anton Wilhelm Amo: deutscher Philosoph afrikanischer Herkunft

Anton Wilhelm Amo, der im 18. Jahrhundert lebte, war ein ehemaliger Sklave und ein deutscher Philosoph. Er geriet in Vergessenheit, obwohl er ein Vordenker der Menschenrechte war. Eine Ausstellung in Braunschweig versucht das jetzt zu ändern.

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Von
  • Werner Bloch

In ihrem Welthit Chain, Chain, Chain singt Aretha Franklin vordergündig über die Ketten der Leidenschaft, über die Abgründe der Liebe, doch wer den Hit aus dem Jahr 1967 jetzt im Braunschweiger Kunstverein hört, der fühlt sich durch das hypnotische Chain, Chain Chain noch an etwas anderes erinnert: an die Ketten der Sklaverei und damit auch an Anton Wilhelm Amo, den ersten schwarzen Philosophen in Deutschland.

Anton Wilhelm Amo war ein deutscher Philosoph afrikanischer Abstammung, wurde als Kind gekidnapped und versklavt nach Europa gebracht, weiß der in Berlin lebende Philosoph, Kurator und Kulturmanager Bonaventure Ndikung, die vielleicht wichtigste intellektuelle Stimme der afrikanischen Community in Deutschland. Bei seinen Recherchen stieß er früh auf Anton Wilhelm Amo. Amo, um 1803 geboren, kam als sogenannter "Hochmohr" an den Braunschweiger Hof, wo er dem Herzog geschenkt wurde.

In die Freiheit entlassen machte er Karriere

Doch anders als viele andere Mauren machte Amo eine einzigartige Karriere. Gefördert von seinem herzoglichen Gönner, studierte er Jura und Philosophie. Er verfasste in Halle und Wittenberg eine Doktorarbeit und schrieb als erster über ein heißes, zu seiner Zeit niemals behandeltes Tabuthema: Die Rechte der Afrikaner in Europa.

© Stefan Stark/ Kunstverein Braunschweig

Das Kunstwerk Return To The Unfamiliar von Lungiswa Gqunta & Benisya Ndawoni

© Stefan Stark/ Kunstverein Braunschweig

“Paradisum Calamitate” (Paradise Catastrophe) after CDF von Jean Ulrick Désert

© Stefan Stark/ Kunstverein Braunschweig

Theo Eshetu, Amo speaks

© Stefan Stark/ Kunstverein Braunschweig

Lungiswa Gqunta, Benisya Ndawoni: Return To The Unfamiliar, 2020

© Stefan Stark/ Kunstverein Braunschweig

Patricia Kaersenhout - While We Were Kings And Queens, 2020

Wenn man auf die Essenz von Black Lives Matter schaut, dass schwarze Leben wichtig sind, dann ließe sich sagen, dass Anton Wilhelm Amo ein Vordenker von Black Consciousness ist. Er hat die Rechte der Schwarzen in der Welt beschrieben und die Befreiungsbewegungen vorweggenommen, argumentiert Ndikung.

Vordenker der Menschenrechte

Wer war also dieser Amo, der in sechs Sprachen schrieb - ein missbrauchter Exot, ein vom Schicksal begünstigter intellektueller Popstar, dessen Stern bald wieder sank? Ein Vordenker der Menschenrechte - Opfer oder Wunderkind?

Klar ist, dass der deutsche Früh-Aufklärer Anton Wilhelm Amo ein Vorläufer von Kant und Hegel war, gleichwohl steht er in scharfem Kontrast zu ihnen. Denn die deutschen Meister-Philosophen äußerten sich stellenweise zügellos rassistisch. So schrieb Kant: "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die Neger von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege."

Die Braunschweiger Ausstellung versucht, sich der immer noch rätselhaften Figur Amo durch Kunst anzunähern und wohl auch die Geschichte schwarzer Identität in Deutschland ein Stück weit zu reparieren. Da gibt es ein fiktives Titelbild mit Wilhelm Anton Amo auf dem Cover des Time-Magazins. Als wäre dies eine späte Genugtuung für einen Denker, der 200 Jahre lang in Vergessenheit geriet, betont die Chefin des Kunstvereins Braunschweig, Jule Gärtner, diese ewige Kette.

Der Westen leugnet den Rassismus, um sich zu entlasten

Im Grunde kämen wir seit mindestens 300 Jahren nicht ohne Rassismus aus, erklärt sie. Das spiegele sich vor allem in der Art, wie man mit Rassismus seit Jahrhunderten umgehe, indem man ihn von sich weghalte oder vollkommen ignoriere. Dadurch entwickelte sich alles nur sehr schleppend, wenn überhaupt weiter.

Amo ging am Ende seines Lebens zurück nach Afrika. Sein weißes, schlichtes Grab liegt an der Küste von Ghana. In dem Ort, wo er geboren wurde, zu Füßen eines portugiesischen Forts.

THE FACULTY OF SENSING - THINKING WITH; THROUGH, AND BY ANTON WILHELM AMO - Noch bis 13. September im Kunstverein Braunschweig.

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