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"Ich fördere die freie Szene genauso wie die Hochkultur" | BR24

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Anton Biebl ist Münchens neuer Kulturreferent. Sein Ziel ist es, mit Kulturpolitik die Demokratie zu stärken und Kultur für viele zugänglich zu machen. Und welche Musik hört der Jurist selbst am liebsten? Ein kulturWelt-Gespräch zum Amtsantritt.

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"Ich fördere die freie Szene genauso wie die Hochkultur"

Anton Biebl ist Münchens neuer Kulturreferent. Sein Ziel ist es, mit Kulturpolitik die Demokratie zu stärken und Kultur für viele zugänglich zu machen. Und welche Musik hört der Jurist selbst am liebsten? Ein kulturWelt-Gespräch zum Amtsantritt.

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In München hat die Zeit nach Hans-Georg Küppers begonnen. Seit Anfang Juli amtiert der neue Kulturreferent Anton Biebl. Der Jurist und Münchner Biebl ist anders als sein Vorgänger ein "Hausgewächs" und als langjähriger Mitarbeiter der Stadtverwaltung und zuletzt Vize des Kulturreferenten mit der städtischen Kulturpolitik wohlvertraut. Judith Heitkamp hat mit ihm über die Kultur-Baustellen der Landeshauptstadt, seine Lieblingsmusik und über "Haltung" in der Kulturpolitik gesprochen.

Judith Heitkamp: Sie werden ja mit vielen roten Teppichen empfangen, vor vielen Kinos in der Stadt. Passt in die ersten Tage im neuen Job auch noch ein bisschen Filmfest?

Anton Biebl: Es ist noch Platz für das Filmfest, ich gehe da immer richtig gerne hin. Das Netteste war der Kinoprogramm-Preis. Vielleicht haben Sie ja meiner Vita entnommen, dass ich in München aufgewachsen bin, und einer der Kinoprogramm-Preise ging an das Isabella Kino – das war mein erstes Kino in München.

Ministerpräsident Söder hat gleich eine Diskussion um einen Neubau fürs Filmfest angestoßen, da denkt er offenbar an so etwas wie den Filmpalast in Cannes. Haben Sie den auch schon untergebracht im Münchner Stadtplan?

Ich bedaure die Diskussion, weil ich finde, dass man sie in den zuständigen Gremien führen sollte. Mein Vorgänger hat immer gesagt: Millionen alleine schießen keine Tore. Wir müssen genau überlegen, welches Konzept wir haben wollen, auch für die Zeit zwischen zwei Filmfesten. Aber da möchte ich bitte eine differenzierte und intensive Diskussion in den dafür zuständigen Gremien.

Welche Baustelle ist aus Ihrer Sicht die wichtigste in der Münchner Kultur in den kommenden Jahren?

Es sind alle gleich wichtig. Auf den Neubau des Volkstheaters bin ich richtig stolz, ich klopfe jetzt mal auf Holz, wir rechnen fest damit, dass wir im September 2021 das neue Volkstheater auf dem Viehhof-Gelände eröffnen können. Stolz bin ich auch, weil wir eine besondere Form des Bauherrn gefunden haben, diesen sogenannten "Generalübernehmer". Und es ist ein Zeichen der Stadt München, dass sie ein neues Theater baut. Das zweite ist natürlich der Gasteig. Bei dem ist mir wichtig, dass wir nicht nur von den Philharmonikern reden, der Gasteig ist ein großes Bildungszentrum und auch die Bibliotheken und die Volkshochschule haben moderne Räumlichkeiten verdient. Das dritte Thema ist die Sanierung des Stadtmuseums, da müssen Sie mir die Daumen drücken, wir sind am 24. Juli in der Vollversammlung des Stadtrates und hoffen auf den Auftrag. Und das nächste Vorhaben ist die Tonnen- und Jutierhalle im Kreativ-Quartier.

Bei dieser Halle geht es um einen Ort für die freie Szene. Also eine Baustelle, zu der von vielen Seiten gesagt wird: Da könnte München besser sein, da ist Luft nach oben.

Die Unterscheidung Hochkultur – freie Szene treffe ich eigentlich nicht. Ich bin so neugierig und offen, dass mir alle Ebenen der Kultur gut gefallen und Spaß machen. Und deswegen fördere ich die freie Szene genauso und versuche, da etwas zu ermöglichen, wie auch bei der sogenannten Hochkultur.

Sie prägen die Münchner Kulturpolitik bereits seit Jahren mit, schließlich waren Sie der Vize von Hans-Georg Küppers. Es ist also anzunehmen, dass Sie vieles fortführen werden. Aber, was uns natürlich besonders interessiert – was können Sie jetzt ändern, was Sie schon lange hätten anders machen wollen?

Darüber denke ich auch schon eine ganze Zeit nach. Ich werde nicht alles anders machen, aber ich werde andere Schwerpunkte setzen. Ein Thema ist sicherlich "Demokratie stärken". Da hatte ich ein Erlebnis beim EU-Wahlkampf, Parolen wie "Man wählt deutsch", in den alten Farben, in der Nähe vom NS-Dokumentationszentrum, und wir haben reagiert mit einem freien Eintritt fürs Dokumentationszentrum. Das zeigt für mich, dass wir hier ganz stark Haltung einnehmen müssen. Und deswegen werde ich auch in Zukunft die Erklärung und die vielen Aktivitäten der für Toleranz kämpfenden Kampagne der "Vielen" unterstützen. Das zweite ist für mich der digitale Wandel, nicht nur die Technik, auch die inhaltlichen Fragen, die Bedeutung für die Gesellschaft. Als Kultur-Institution müssen wir aufpassen, dass alle einen barrierefreien Zugang haben, und bei der Kulturvermittlung noch viel stärker als bisher die Bevölkerungszusammensetzung anschauen: Wir haben fast 40 Prozent Migrationsanteil in der Stadt München, bei den unter 18-Jährigen liegt er bei über 50 Prozent – da müssen wir immer überlegen, ob unsere Formate die richtigen sind. Darauf möchte ich stärker mein Augenmerk legen. Und die Kooperation mit den Referaten ist mir sehr wichtig, Kommunalreferat, Planungsreferat.

Sie sind Jurist, und Sie haben selbst gesagt, das könnte ein Experiment werden für das Kulturreferat – warum?

Weil bisher noch kein Jurist Kulturreferent war. Mir ist auch vorgeworfen worden, ich hätte keine Visionen. Darauf reagiere ich dann damit, dass ich Ziele habe, und wer mich kennt, weiß, dass ich Ziele hartnäckig verfolgen kann. Meine Rolle sehe ich darin, zu ermöglichen und zu unterstützen. Das Juristische ist ja auch in der Kultur wichtig, wir haben zum Beispiel sehr prominente Restitutionen gehabt. Aber ich muss noch lernen, loszulassen, das merke ich jetzt gerade schon wieder, ich bin noch viel zu viel in Einzelfällen dabei.

Sie sind parteilos, im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger, der SPD-Mitglied war und damit klar verortet im politischen Gefüge der Stadt. Mit welchen persönlichen Eigenschaften überstehen Sie in Zukunft Situationen wie zum Beispiel die, dass eine Stadtratsfraktion einem städtischen Intendanten das Demonstrieren verbieten möchte?

Okay … gute Frage … es ist richtig, ich bin parteilos. Deswegen freut mich auch das Vertrauen, das ich aus den verschiedenen Parteien erhalten habe. Ich kenne alle politischen Akteure aus meiner vorhergehenden Arbeit. Natürlich werde ich für Meinungsfreiheit einstehen, und ich kann gut entscheiden, was Meinungsfreiheit heißt und wo die Grenzen der Meinungsfreiheit erreicht sind. Und wenn die Grenzen der Meinungsfreiheit nicht erreicht sind, dann will ich mich da auch hinter jeden Intendanten und jede Intendantin stellen und sie unterstützen.

Der Kulturetat der Stadt München liegt bei 220 Millionen Euro. Ist das genug?

Natürlich sage ich: Nein. Aber es ist schon eine große Zahl, 220 Millionen. Und wir haben ja schon über die Infrastrukturmaßnahmen gesprochen, die sind da noch nicht enthalten. Von den 220 Millionen sind über 40 Millionen Förderung – wir sind für die Künstlerinnen und Künstler da. Ich gehe immer gern ins Kulturreferat und freue mich über die Begeisterung für diese Aufgabe und diese Philosophie, dass wir für die Künstler da sind und nicht uns selbst verwalten.

Ein paar persönliche Fragen: Was macht der neue Münchner Kulturreferent Anton Biebl an einem freien Abend?

An einem freien Abend – wenn es irgendwie geht, setzt er sich auf sein Rennrad und fährt los. Ansonsten lese ich gerne und ich höre wahnsinnig gerne Musik.

Lieblingsbuch?

Lieblingsbuch ist eigentlich Hermann Hesses "Glasperlenspiel".

Lieblingsmusik?

Jetzt wird es schlimm – oder hoffentlich nicht. Ich liebe italienische Musik, die Cantautori ...

Angelo Branduardi?

Nein, Lorenzo Jovanotti. Und Vasco Rossi. Meine Kinder machen sich immer lustig, weil sie sagen, das seien Schlagersänger. Ich habe mich aber erkundigt, es gibt gar keine italienischen Schlagersänger, es gibt nur Cantautori.

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