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Ausgrenzung, die an dunkle Zeiten erinnert | BR24

© Bayern 2

Polarisierung, Brutalisierung, die Suche nach Sündenböcken: All das ist in der Gesellschaft zu beobachten – und erinnert an die 1930er-Jahre. Doch was können wir daraus lernen? Ein Gespräch mit Mirjam Zadoff vom NS-Dokumentationszentrum München.

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Ausgrenzung, die an dunkle Zeiten erinnert

Polarisierung, Brutalisierung, die Suche nach Sündenböcken: All das ist in der Gesellschaft zu beobachten – und erinnert an die 1930er-Jahre. Doch was können wir daraus lernen? Ein Gespräch mit Mirjam Zadoff vom NS-Dokumentationszentrum München.

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Mit welchen Mitteln arbeitet gesellschaftliche Ausgrenzung? Diese Frage stellt das NS-Dokumentationszentrum in München in seiner neuen Ausstellung "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge". Sie will keine kurzschlüssigen Parallelen ziehen oder den NS-Antisemitismus und seine Folgen mit gegenwärtiger Ausländerfeindlichkeit oder Islamophobie gleichsetzen. Vergleichen aber will sie schon und für Mechanismen der Herabsetzung sensibilisieren. Marie Schoeß hat mit Mirjam Zadoff, der Direktorin des NS-Dokumentationszentrums gesprochen.

Marie Schoeß: In der Ausstellung "Die Stadt ohne" ziehen Sie den Vergleich, der in den letzten Wochen und Monaten immer wieder aufkommt, den Vergleich zwischen den 1920er- und frühen 1930er-Jahren und unserer Gegenwart. Welche Parallelen zeigen sich für Sie?

Mirjam Zadoff: Es geht uns ums Vergleichen und nicht ums Gleichsetzen. Das heißt, wir arbeiten die Ähnlichkeiten, aber auch die Unterschiede heraus. Und gerade in den bildlichen Darstellungen, die den Hauptteil der Ausstellung ausmachen, sehen wir, dass man sich in den Ausgrenzungsstrategien der Mehrheitsgesellschaft immer wieder auf die Vergangenheit bezieht: Man ist bei der Ausgrenzung nicht wahnsinnig kreativ. Ein Beispiel dafür ist das Symbol der Spinne, das im Stürmer immer wieder vorkommt als ein dezidiert antisemitisches Symbol. Die Gleichsetzung von Juden mit Schädlingen ist ja ein ganz häufiges Stereotyp, das in den 1920er- und vor allem in den 30er-Jahren auftaucht. Und dann sehen sie ein ähnliches Symbol heute, wo George Soros als ein jüdischer Mäzen, wahrgenommen auch als ein Kosmopolit, ebenfalls als Spinne dargestellt wird.

© Orla Connolly

Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums

Der Titel Ihrer Ausstellung "Die Stadt ohne" bezieht sich auf die Verfilmung von Hugo Bettauers Satire "Die Stadt ohne Juden". Bettauer beschrieb damals, Anfang der 20er-Jahre, wie Juden Schritt für Schritt aus Wien vertrieben werden. Sie fügen nun den Juden im Titel der Ausstellung andere Gruppen hinzu: "Die Stadt ohne Juden, Ausländer, Muslime, Flüchtlinge". Warum, diese Reihung? Ist es strukturell gesehen gleichgültig, welche Gruppe ausgeschlossen werden soll?

Es ist nicht gleichgültig, aber man könnte diese Reihung natürlich beliebig erweitern. Die Juden stehen ganz vorne, weil es um diese politische Satire von Hugo Bettauer geht. Es wurde vermutet, sie wäre visionär, aber sie war natürlich nicht visionär. Sie hat eigentlich nur reagiert auf ein Gefühl der Zeit – nämlich auf Diskussionen, die in die Richtung gingen, dass Juden, die als fremd wahrgenommen wurden, deportiert werden sollten aus Wien, aus Berlin und genauso aus München. Und diese Diskussion über die Deportation der fremden Juden schwappte über auf die deutschen und österreichischen Juden. Und Bettauers sehr sensible Sicht auf die Gesellschaft – was passiert, wenn eine Gesellschaft ausgrenzt? – haben die Kuratoren jetzt sozusagen übernommen für andere Gruppen.

Dahinter steht letztlich einfach die Einbettung von Antisemitismus in einen größeren Kontext. Es geht nicht um die Gleichsetzung von Antisemitismus und Rassismus, sondern es geht darum zu fragen, welche Ausgrenzungsstrategien eine Gesellschaft benutzt. Und da arbeiten die Kuratoren und eine Kuratorin mit einem Fünf-Stufen-Modell aus der Genozidforschung, wo es im Prinzip darum geht, die Ausgrenzungsstrategien von Mehrheitsgesellschaften zu analysieren. Das beginnt mit der Polarisierung der Gesellschaft, mit dem Empathieverlust, mit dem Identifizieren von Sündenböcken, der Brutalisierung und letztlich dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Was wir damit zeigen wollen, ist, dass diese Ausgrenzungsstrategien in der Mehrheitsgesellschaft nicht mit 1945 verschwunden sind.

Natürlich ging es gerade 1945 darum, wieder zu lernen, was bedeutet Demokratie, und um den Versuch, das nicht wieder zu machen. Aber gerade der Antisemitismus in der Nachkriegszeit und dann die Diffamierung anderer Gruppen zeigen, dass Gesellschaften immer anfällig dafür sind und dass das Reflektieren über Ausgrenzungsstrategien letztlich immer wichtig und immer aktuell ist.

© Filmarchiv Austria

Gewaltsame Ausweisung: Filmszene aus "Die Stadt ohne Juden" von Hugo Bettauer (1924)

© Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, Archiv, 11/Z 1013

"Die Ausgelaugten": Antisemitische Karikatur aus dem NS-Blatt "Der Stürmer"

© Privatbesitz

George Soros als Spinne im Netz von „Migrationslobbyisten“: NPD-Parteizeitung "Deutsche Stimme"

© Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater/Schaustellerei, PS-14776

Judenfeindliche Verwandlungsfigur (19. Jh.): Die eine Seite zeigt einen "Jüdischen Händler" ...

© Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater/Schaustellerei, PS-14776

... die andere ein Schwein

© Privatbesitz

Ausgrenzung von Muslimen: Wahlplakat der bayerischen AfD (2018)

Um noch einmal eine Stufe in dieser Entwicklung herauszugreifen: Sie beschreiben den Verlust von Empathie für gesellschaftliche Gruppen – etwa Flüchtlinge. Wie zeigt sich das konkret – damals und heute? Und wie wurde auch damals wie heute der Boden dafür bereitet?

Es gibt ein wichtiges Ereignis, mit dem wir uns letztes Jahr im Sommer mal beschäftigt haben, weil es genau 80 Jahre zurücklag, nämlich 1938: die Konferenz von Évian, als die amerikanische Regierung im Prinzip die diplomatischen Vertreter aller westlichen Staaten an den Genfer See gebeten hat und die jüdische Flüchtlingsfrage diskutiert werden sollte. Es ging um ein paar hunderttausend deutsche und österreichische Flüchtlinge. Menschen, die fliehen mussten, fliehen wollten, die massiv verfolgt wurden – gerade in Österreich nach 1938 und dann auch in Deutschland – und die darauf hofften, von anderen Staaten aufgenommen zu werden. Der Schluss dieser Konferenz war, dass im Prinzip eigentlich alle Staaten bestätigt haben, dass sie ihre Grenzen lieber dichtmachen und die Quoten, die sie haben, möglicherweise erfüllen, aber dass man eigentlich schon am Limit wäre. Das war für die Leute, die damals gehofft haben, auswandern zu können, ein unglaublicher Schock.

Wenn heute im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken, sind die Bilder, die wir da sehen, ganz ähnlich. Wir sehen wieder Schiffe. Es gab 1938 ein Schiff voll mit jüdischen Flüchtlingen, das in Kuba abgelehnt wurde, in den USA abgelehnt wurde und zurück nach Europa musste. Ein großer Teil der Menschen hat den Krieg nicht überlebt. Man wusste 1938 noch nicht, was kommt. Man wusste nicht, dass es Vernichtungslager geben würde. Aber es war der Punkt, wo ein Großteil der europäischen und weltweit der Staaten gesagt hat: Wir wollen keine Juden. Es gibt bei uns schon genug Antisemitismus.

Es geht auch hier wieder nicht darum, zu vergleichen und zu relativieren, sondern zu sagen: Was passiert, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken? Wir müssen uns genau ansehen, warum die das auf sich nehmen, warum schwangere Frauen sich in ein Schlauchboot setzen und diese sehr gefährliche Reise antreten, von der sie nicht wissen, ob sie sie überleben, und wie wir dieses Problem lösen können. Wir können es nicht lösen, indem wir die Grenzen dichtmachen. Denn die Situation wird mit wachsenden Klimaproblemen und wachsenden wirtschaftlichen Problemen nur schlimmer werden.

Wenn man dann aber vor diesen Dokumenten steht, stellt sich doch sehr schnell die Frage nach dem: Und jetzt? Was machen wir mit dem Vergleich? Können wir irgendeine Form der Handlungsmaxime daraus ableiten?

Ich glaube, es geht um eine Sensibilisierung. Das ist ja der ideale Fall, dass Geschichte, dass die historische Erfahrung uns sensibilisiert und Orientierung bietet. Das, was uns allen heute passiert, ist, dass wir letztlich überfordert sind. Es gibt eine derartige Fülle – nicht nur von Informationen, sondern von Meinungen, von Meinungsäußerungen. Das Spektrum ist unglaublich breit geworden. Man darf alles sagen, und es geht häufig dann nicht mehr darum, ob die Dinge, die man sagt, irgendeinen Hintergrund haben. Es kann ja alles Fake News sein, es kann ja jeder alles sagen.

Es geht tatsächlich darum, Menschen zu sensibilisieren, dass wenn Plakate aufgehängt werden, wo "Volksverräter" draufsteht oder wo bestimmte Stereotype benutzt werden, dass man sensibel reagiert und das sofort einordnen kann. Häufig fehlt einem ja dieses Wissen und die Fähigkeit hier einzuordnen. Und ich glaube, dass viele Menschen es auch gar nicht böse meinen, wenn sie etwas unterstützen, wenn sie etwas gut finden, wo sich für sie nicht erschließt, warum das ein Problem ist.

Ich glaube, die Frage der Empathie ist insofern interessant, als dass man sich ja immer wieder einfach die Frage stellen muss: Wie ginge es mir selber, wenn ich in der Situation wäre? Wenn mit mir so umgegangen wird? Wenn plötzlich eine Gruppe ausgegrenzt wird, der ich angehöre – warum auch immer? Wir wollen den Leuten nicht den moralischen Spiegel vorhalten. Das ist nicht unsere Aufgabe, es geht tatsächlich um eine Sensibilisierung.

Die Ausstellung "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge" ist bis zum 10. November 2019 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen.

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